Der junge Musiker Jeff Buckley an seiner Gitarre im Studio
Leben und Sterben in der Popindustrie: „It’s Never Over, Jeff Buckley“
Die unverwechselbare, sich über alle Geschlechternormen und Oktavgrenzen hinwegsetzende Stimme des US-Songwriters Jeffrey Scott Buckley, der im Frühling 1997 erst 30-jährig tragisch starb, ist das Zentrum dieses Films: „It’s Never Over, Jeff Buckley“, die neue dokumentarische Arbeit der auf True Crime und Pop-Themen spezialisierten Regisseurin Amy Berg („Janis: Little Girl Blue“, 2015), bietet neben zahllosen Archivfunden sowie Interviews mit Wegbegleitern und Lebensgefährtinnen nie gehörte, sehr private Audio-Dokumente des sensiblen Musikers, der als Sohn des Folk-Stars Tim Buckley von Anfang an im Blitzlichtgewitter der Medien stand.
Dabei hatte Jeff seinen Vater, der die Familie noch vor der Geburt seines Sohns verlassen hatte, nie wirklich kennengelernt, nur einmal, als Achtjähriger, verbrachte er ein paar Tage mit ihm – wenige Monate, bevor Tim Buckley im Juni 1975 mit 28 Jahren einer Überdosis erlag.
Das Trauma des verlassenen Kindes saß tief in Jeff. Als Studiomusiker in und um Los Angeles verbrachte Jeff Buckley die ersten Jahre seiner Karriere, ehe er Anfang der 1990er-Jahre nach New York City zog, im East Village als charismatische Live-Größe schnell Aufsehen erregte – und unvorsichtig einen Plattenvertrag unterzeichnete, der ihm seine Unabhängigkeit nahm. Ein einziges Studioalbum, das epochale Werk „Grace“ (1994), veröffentlichte Jeff Buckley zu Lebzeiten. In der Arbeit an seiner zweiten LP, zwischen Phasen großer Liebe, tiefer Depression und auch der Erschöpfung, starb der Musiker bei einem Badeunfall in Memphis, Tennessee.
Bergs Film zeichnet all dies in vielen Details nach, in einem komplexen Gewebe aus Fotos und bewegten Bildern, aus Tönen, Animationssequenzen, gesprochenen und geschriebenen Worten. „Wir wollten die Textur der 1990er-Jahre wiedererschaffen“, sagt Amy Berg im profil-Interview. „Wir haben viel Zeit damit verbracht, diese Körnung, diese haptische Version seiner Tagebücher und Kritzeleien zu finden, um in seine Gedankenwelt einzutauchen. Denn er war wirklich ein genialer Auteur. Er hat Dinge auf eine Weise an sich herangezoomt, die Magie entstehen ließ.“
Es muss seltsam sein, so viel Zeit mit einem Künstler zu verbringen, ohne ihn persönlich je kennengelernt zu haben. Berg verfolgte das Projekt über zehn Jahre lang, und als es dann endlich realisierbar war, verbrachte sie weitere vier bis fünf Jahre damit, den Film zu drehen. „Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, fällt es mir schwer loszulassen. Und ich wollte das unbedingt machen. Es gab Momente, in denen ich dachte: Das wird nie was. Aber ich bin Jeff treu geblieben. Und irgendwann hat Jeffs Mutter begonnen, mich zu ermutigen. Zunächst meinte sie immer nur: Nein, vielleicht ein anderes Mal. Jedes Mal, wenn ich einen Film fertig hatte, fragte ich mich, ob sie jetzt bereit wäre.“
Mary Guibert spielte also eine entscheidende Rolle für diesen Film, zehn Jahre lang hatte sie nicht zugestimmt, aber dann gewährte sie Berg uneingeschränkten Zugang zu ihrem privaten Archiv, zu intimen Sprachnachrichten und Bildern. „Sie wusste, dass es bei mir keine halben Sachen geben würde, sobald sie einmal Ja gesagt hatte. Sie musste mir alles geben, und das tat sie bereitwillig.“ Am Ende sei sie mit dem Ergebnis sehr zufrieden gewesen, froh, dass Berg all das aufarbeiten konnte.
Das Gefühl, Jeff Buckley wirklich zu kennen, hat Amy Berg nicht. Sie kenne wohl nur eine Version seiner selbst; aber diese Geschichte habe sie so gut zu erzählen versucht, wie sie konnte. „Ich habe ihn durch die Linse seiner Beziehungen zu Frauen und einigen seiner Künstlerfreunde betrachtet. Hätte ich mir eine Person ausgesucht, die er nicht gemocht hatte, dann wäre diese Geschichte wahrscheinlich ganz anders ausgefallen.“
Buckley war enorm sensibel, emotional aber auch sehr labil und impulsiv. „Er war jung und versuchte, das Trauma des Vaterverlusts zu verarbeiten. Und er wurde sehr früh vom Publikum verehrt. Sein erstes Album war ein Riesenerfolg, löste leidenschaftliche Liebe in den Menschen aus.“
Wenn man die zarten letzten Nachrichten hört, die Jeff Buckley seiner Mutter auf ihrem Anrufbeantworter hinterließ, könnte man auf die Idee kommen, er habe eine Vorahnung von seinem baldigen Tod gehabt. Amy Berg ist skeptisch: „Sein Vater starb, als er noch jung war. Das hat ihn immer begleitet. Er glaubte, dass auch er selbst nicht lange leben würde. Aber er hat nicht vorausgesehen, dass er so schnell sterben würde.“
Im November 2026 wäre Jeff Buckley 60 geworden. Das Einzige, was man sagen müsse, um Jeff Buckley zu beschreiben, meint Amy Berg noch, sei dies: „Jeder, der ihn kannte, liebte ihn auf wirklich intensive Art und Weise.“ Das spricht für ihn – und diesen Film.