Theatermasken als Skulptur vor dem Großen Festspielhaus in Salzburg
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Schweigemauer: Wie politischer Dilettantismus Salzburgs Festspiele beschädigt

Die Salzburger Festspiele starten heuer im Krisenmodus: mit improvisierter Leitung, vom Rechnungshof kritisiert, in finanziellen Turbulenzen und juristischen Querelen. Es bleibt ungeklärt, warum man Markus Hinterhäuser als Festivalchef jäh entfernt hat – und wie kostspielig sein Abgang sein wird.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Der Geist von Markus Hinterhäuser weht durch die Gassen des Festspielbezirks. Ganz ausblenden kann ihn auch das Direktorium, in dem seine einstige Vertraute Karin Bergmann nun zwei Jahre lang als Interims-Intendantin fungieren soll, nicht. Unter „Künstlerische Konzeption 2026“ wird er auf der Website der Salzburger Festspiele geführt, sein Foto leicht verschämt unter dem dreiköpfigen Leitungsteam platziert – dies muss so sein, denn Hinterhäuser hat jeden einzelnen Programmpunkt der diesjährigen Sommerfestspiele geplant und in die Wege geleitet.

Natürlich: Als Geist ist Hinterhäuser, 68, eine Fehlbesetzung, denn er erfreut sich weiterhin guter physischer Gesundheit und viel ungeahnter Freizeit, fern des Festspielbüros, in dem er zehn Jahre lang die Geschicke des international strahlkräftigen Nobelfestivals geleitet hatte. Bis er im März 2026 vom Kuratorium der Festspiele, in dem Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) und Salzburgs sozialdemokratischer Bürgermeister Bernhard Auinger tonangebend wirken, seines Postens enthoben, mit sofortiger Wirkung beurlaubt wurde, seinem bis 2031 gültigen Vertrag zum Trotz.

Festspiel-Kuratoriumsspitze: Theresia Niedermüller (als Gesandte des Bundes, links) und Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) lachen fröhlich, nur Bürgermeister Bernhard Auinger (SPÖ) blickt ernst drein.
Bild anzeigen

Als Grund für die jähe Kaltstellung des Intendanten hatte das Kuratorium zunächst Hinterhäusers „Alleingang“ angegeben, was die Kür einer neuen Schauspieldirektorin angehe: Er habe durch seine öffentliche Aussage, er favorisiere Karin Bergmann, die sich für den Job gar nicht beworben hatte, das Kuratorium „provoziert“. Als man Tage später realisierte, dass Hinterhäuser statutengemäß das volle Recht hatte, eine Kandidatin ohne „Erlaubnis“ des Kuratoriums vorzuschlagen, wechselte man schnell das Register: Der Intendant habe gegen eine „Wohlverhaltensklausel“ in seinem Vertrag verstoßen, darum sei er augenblicklich zu beurlauben gewesen.

Vereinbartes Stillschweigen

Alle Aufforderungen von Medien und Kunstschaffenden (einen offenen Brief, den neben viel Festspielprominenz auch die Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und ihr Kollege Peter Handke signierten) fegte Auinger mit den respektlosen Worten „netter Versuch“ vom Tisch. In der folgenden juristischen Auseinandersetzung zwischen Kuratorium und Hinterhäuser einigte man sich nach zähem Ringen einvernehmlich – und vereinbarte Stillschweigen über den Deal.

Festspiele-Intendantin Karin Bergmann auf einer Salzburger Terrasse, neben verglaster Tür
Bild anzeigen

Was genau hinter den Kulissen vor sich ging, weiß daher bis heute niemand, nicht einmal die neue Intendantin, die es im Rahmen ihrer Antrittspressekonferenz Anfang April so formulierte: Die Umstände seien von beiden Seiten „nicht geklärt“ worden, sagte Bergmann, sie könne diesbezügliche Fragen „nicht beantworten, weil Hinterhäuser und das Kuratorium sich nicht klar dazu äußern“. Um die Freiheit der Kunst gehe es nicht, sondern „um andere Dinge, über die aber von allen der Mantel des Schweigens gebreitet wird“.

Stefan Grissemann

Stefan Grissemann

leitet seit 2002 das Kulturressort des profil. Freut sich über befremdliche Kunst, anstrengende Musik und waghalsige Filme.