Ex-Festspielechef Markus Hinterhäuser, fotografiert von Wolfgang Paterno 2022 im Wiener Café am Heumarkt
GAU now! Die Salzburger Festspiele stürzen in eine Krise von unabsehbarem Ausmaß
Im verflixten zehnten Jahr seiner Intendanz hat es Markus Hinterhäuser erwischt. Nach Wochen des öffentlichen Nahkampfs mit dem Kuratorium der Salzburger Festspiele, in dem sich Landeshauptfrau Karoline Edtstadler und Bürgermeister Bernhard Auinger besonders antagonistisch hervortaten, wurde Hinterhäuser erst noch herablassend, aber erfolglos mit Gnadenangeboten („bis Ende 2027?“) bedacht, nun mit sofortiger Wirkung bis Ende September 2026 beurlaubt. Den längst unterschriebenen Vertrag, der danach bis 2031 wirksam werden sollte, hat das Kuratorium für nichtig erklärt. Hinterhäuser sieht das anders, insofern werden die Anwälte beider Seiten längerfristig zu tun haben, nur der Beurlaubte auch nach seinen Zwangsferien in Salzburg ganz sicher nicht mehr.
Die offizielle Nachricht der Abspaltung der Festspiele von ihrem Erfolgsintendanten liest sich, als käme sie aus der Plattitüdenkiste der Promi-Scheidungen: Aufgrund „unüberbrückbarer Auffassungsunterschiede und Differenzen“, so ließ das Kuratorium verlauten, gehe man „ab sofort getrennte Wege“. Einer Lösung ist man damit leider keinen Schritt nähergekommen. Eher hat man neue Fronten der Unsicherheit geöffnet: Wie werden all die internationalen Künstlerinnen und Künstler, mit denen der emsige Netzwerker Hinterhäuser in bestem Austausch und Einvernehmen steht, auf dessen jähen Zwangsabgang reagieren? Könnte da nicht auch jede Menge Unverständnis, sogar prominente Absagen auf die Festspiele der kommenden Saisonen zukommen?
Entmachtung und Kompensation
Die Informationslage ist dürr, und alle Seiten schweigen. Die Vereinbarung hält. Die Juristen sind am Wort, denn nun geht es absehbar um Geld, bei einem kolportierten Jahresgehalt von gut 250.000 Euro mutmaßlich sehr viel Geld sogar; Markus Hinterhäuser wird wohl alle rechtlich denkbaren Strippen ziehen, um auf die Misere seiner Entmachtung wenigstens mit einer starken finanziellen Kompensationsforderung (Abfindung oder Gehaltsfortzahlung) reagieren zu können.
„Der Spiegel“ veröffentlichte einstweilen, um die Causa weiterzutreiben, eine Spekulationsstory, in der von zahllosen, vor allem weiblichen Opfern der Hinterhäuser’schen Willkür und Wut im Inneren des Festspielbetriebs die Rede ist, aber nur eine einzige Whistleblowerin namentlich aufscheint, nämlich die einstige Schauspielchefin Marina Davydova, die Hinterhäuser Ende 2024 in tatsächlich eher brüsker Manier aus ihrem Job entfernt hat.
Diese Geschichten, auch wenn sie unzulässig zugespitzt sein mögen, haben einen wahren Kern: Jeder, der Markus Hinterhäuser nur ein wenig kennt, weiß, dass er alles andere als ein besonnener Geist ist – dass er von Inkompetenz (oder was er dafür hält) schnell entnervt ist, aufbrausend reagieren, sich allerdings dafür auch entschuldigen kann. Er hat in den letzten Jahren viele Fehler gemacht, vor allem in der Kommunikation, auf deren Transparenz und Qualität er im Eifer des Gefechts zu oft keinen Wert legte. Er argumentierte fallweise sehr dogmatisch und manchmal auch mit spürbarer Überheblichkeit. Wie er beispielsweise 2023 den Regisseur Michael Sturminger und dessen Team vorzeitig aus dem „Jedermann“-Projekt katapultiert hat – auch da kann man von keiner Glanzleistung sprechen.
Zu impulsiv?
Die entscheidende Frage ist dennoch diese: Ist ein Kulturmanager, der künstlerisch und in Auslastungsfragen nachweislich erstklassige Arbeit leistete, wegen seines – von ihm selbst zugegeben – „impulsiven“ Wesens schon untragbar?
Wie der Intendant tatsächlich mit seinen Mitarbeiterinnen umgegangen ist, wird noch zu klären sein, toxische Betriebsführung ist keine Lappalie, doch dazu bräuchte es verlässliche Zeuginnenberichte. Auf einem anderen Blatt steht der Verdacht der "Respektlosigkeit" gegen sein Kuratorium: Spricht Hinterhäusers Mangel an politischer Diplomatie, seine Distanz zu Machtmenschen der Lokalpolitik, insbesondere zur Landeshauptfrau und zum Bürgermeister, aus künstlerischer Sicht nicht auch für ihn? Ist ein der avancierten Kultur verpflichteter Intendant nicht sogar verpflichtet, ein wenig konfrontativ mit einem sichtlich kunstverständnislosen politischen Personal umzugehen?
Doch Hinterhäuser beschwor mit seiner deutlichen Verachtung für Salzburgs Politgranden eine Machtdemonstration herauf, die er nicht gewinnen konnte. Er wurde abgekanzelt wie ein Schulkind, habe sich nicht „wohl verhalten“ und zu wenig Respekt gezeigt.
Noch schlechter hätte das alles, übrigens für alle Beteiligten, nicht laufen können. Nun wird eine Interims- und eine dauerhafte Intendanz praktisch zugleich gesucht, wobei allfällige Kandidatinnen und Kandidaten mit folgenden Vorgaben rechnen müssen: Es gibt enormen Zeitdruck, weil für die in 113 Tagen beginnenden Sommerfestspiele 2026 noch tausend Detailfragen zu klären sein werden (wie, nur zum Beispiel, wird man mit den beiden für 29. Juli und 11. August geplanten Konzerten verfahren, in deren Rahmen der Pianist Markus Hinterhäuser mit seinen Freunden Matthias Goerne und Igor Levit hätte auftreten sollen?) ; es bieten sich allen Neueinsteigern aktuell kaum kreative Möglichkeiten – durch den Zwang zur Verwaltung bereits geplanter Programme; man kriegt es mit einer gigantischen, auf Jahre projektierten Festivalbezirksbaustelle zu tun – und mit einem Kuratorium, das, wie soeben erlebt, vollkommen kunstfern, dabei aber maximal autoritär agiert. Welche auch nur halbwegs renommierte Persönlichkeit würde die Festspiele in dieser Situation gerne übernehmen? Wer wollte sich das antun?
Allenfalls wohl jemand, der sich angesichts der verfahrenen Lage heroisch zur rettenden Lichtgestalt der Festspiele aufschwingen will. Ein bisschen so wie Markus Hinterhäuser selbst, als er 2010 interimistisch für den vorzeitig ausgestiegenen Intendanten Jürgen Flimm eingesprungen war. Zum Beifall aller, damals. The times they are a-changing.