Als „lieblich-woke Boomerin“, wie sich Rösinger selbst bezeichnet, will sie aber niemandem auf die Füße treten. Selten ist das Schlachtfeld Alter so gut gelaunt beackert worden. „Alt“, schreibt Rösinger, sei nur bei Gegenständen und Männern gut: alter Wein, alter Cognac, alter Schwede, altes Haus. „Für eine weibliche Person hingegen bietet sich die Formel ,Alt + Bezeichnung = Schimpfwort‘ an: alte Schachtel, alte Schabracke, alte Fregatte.“
Rösinger sucht nicht mit falschem Forscherinnenehrgeiz nach einer bündigen Definition, sie leuchtet einen Bezirk aus, in den wir alle mit ein wenig Glück dereinst eintreten werden, und sie durchmisst das Terrain des Alterns mit Enthusiasmus: „Ist es nicht toll, so lange durchgehalten zu haben? Ist es nicht auch angenehm, abgeklärter zu werden, zufriedener?“ Älterwerden bringe doch auch schöne Gelassenheit mit sich, weniger Gefühlsverwirrung, mehr Seelenfrieden.
„Es fehlt der Stress, sich beweisen zu müssen, einen Platz in der Welt zu finden, sich zu behaupten. Ich muss überhaupt nix.“ Willkommen in der Alterspubertät! Rösinger kommt zu dem erquickenden Fazit, dass alt frei mache. Frei von Selbstverbesserungswahn, Karriereflausen, Kinder-, Arbeits-, Beziehungsstress. „Eine neue Lebenszufriedenheit durch die befreiende Altersdesillusion setzt ein. Wir können es genießen, alleine zu sein. Wir wissen, wie das Leben so läuft, müssen nicht ständig glücklich sein, tolle Erlebnisse haben und dabei auch noch super aussehen.“
Aus „The Joy of Ageing“ spricht ein Tonfall, der die Möglichkeit einräumt, dass Altern lustig und tragisch, unbeschwert und mühselig sein kann, dass es allerdings im Zweifelsfall nur ein Gesetz gibt: Altern als Vorspiel zum Tod.
Rösinger darf man sich als Weltberühmtheit in ihrem Berliner Kiez Kreuzberg, wo sie seit Jahrzehnten lebt, und andernorts als hochgeschätzte Songwriterin und Frontfrau der verblichenen Bands Lassie Singers und Britta vorstellen. Leider versiegten diese verlässlichen Quellen zorniger Pamphlete, vorgetragen in unverwechselbarem Sprechgesang, gegen verspießertes Pärchen-Leben („Menschen, die wie Steine nebeneinander sitzen“), grummelige Männer und Testosteron-Karrieren. Daneben schrieb Rösinger autobiografische Berichte („Zukunft machen wir später“), Sachbücher („Liebe wird oft überbewertet“), Reisereportagen („Berlin – Baku“). Ihr Lebenswerk als Kreuzbergerin, Großmutter, Theaterautorin, Kolumnistin, Worterfinderin („Unterforderungs-Burn-Out“), Labelbetreiberin („Flittchen Records“), Drogen- und Alkoholgenießerin betrieb und betreibt sie mit den Mitteln der unverkennbaren Rösinger-Register: Melancholie und Menschenfreundlichkeit, Schnodderschnauze und sympathische Starrköpfigkeit.
Rösinger selbst ist eine Virtuosin des Alterns. „Das schöne Leben“, ihr erstes Buch, mit über 40, „Songs of L. and Hate“, die erste Soloplatte, mit 50, das erste Theaterstück als Jungregisseurin mit 58. Um es mit dem – Obacht! – alten Goethe zu sagen: „Was wird mir jede Stunde so bang? – Das Leben ist kurz, der Tag ist lang.“
„The Joy of Ageing“ ist ein so ungezügelter wie unbeschwerter Galopp durch die Gefilde des Alterns, in dem Peter Pan, Susan Sontag, Aristoteles, den Wikingern und Männern mit Hipster-Bärten Kurzauftritte vergönnt sind, der fröhlich von exorbitanten urbanen Immobilienpreisen zur neuen Backstuben-Ideologie springt, die den Laib Brot um acht Euro an die Frau und den Mann bringt.
Irgendwie weiter
Kleine Momente der Wahrheit, wie Röntgenbilder, durchziehen das Buch: „An manchen Stellen, zum Glück nur zentimeterweise, sieht der alternde Mensch aus wie eine Echse oder ein Rhinozeros, es ist, als verwandle man sich langsam in entwicklungsgeschichtlich viel ältere Formen zurück.“
Dann wieder: „Was macht es für einen Sinn, sich selbst ununterbrochen wie unter einem Vergrößerungsglas zu beobachten? Wie fühle ich mich jetzt? Ist das eine Stimmungsschwankung? Fehlt mir dieses Hormon? Sehe ich eine neue Falte? Bin ich heute Nacht krumm gelegen, oder kommen die Schulterschmerzen vom Östrogenmangel? Kotzt mich alles an, bin ich einfach schlecht drauf, ist mein Partner vielleicht ein Idiot?“
Schließlich: „Wir werden niemals aufhören, so zu leben, dachte ich noch mit 40: Musik machen, schreiben, Familie, Freunde, Band, Partys, auf Tour gehen. Wir werden niemals gesetzt und spießig werden, es wird immer so weitergehen. Wir halten uns nicht an die Regeln, wir benehmen uns nicht, wie es angeblich ,altersgemäß‘ ist.“ All das, notiert Rösinger, werde nicht passieren. „Aber es passierte dann eben doch etwas.“
Dahinter steckt, wie oft bei Christiane Rösinger, eine Geschichte. Eine Erinnerung, die den unbeschwerten Ton von „The Joy of Ageing“ gegen Ende ins Dramatische treibt. 2003, mit 42 Jahren, erlitt Rösinger zwei Schlaganfälle und landete für Wochen in der neurologischen Abteilung eines Klinikums; später die bimalleoläre Sprunggelenksfraktur der Innen- und Außenknöchel als offener Bruch, was genauso schlimm klingt, wie es war. Rösinger reagierte mit ihrem
Erfolgsrezept für alle Lebenslagen: „Aber es geht ja immer irgendwie weiter.“