Asiatisch-ornamentale Farbzeichnung, in dessen Zentrum vier Comicsfiguren sitzen
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

Tanz die Transzendenz! Das erstaunliche neue Album der Gorillaz

Zwei Väter sterben, eine Band erfindet sich neu: „The Mountain“ ist die stimmigste Gorillaz-Veröffentlichung seit Ewigkeiten. Die Cartoon-Gruppe um Blur-Frontmann Damon Albarn trotzt der Depression.

Drucken

Schriftgröße

Hören Sie sich diesen Artikel an

Die letzten Dinge holen am Ende jeden ein, selbst grelllebige Cartoon-Pop-Existenzen. Zwar war Melancholie den Gorillaz in ihrem Vierteljahrhundert virtueller Existenz stets wesenseigen – unvermeidlich, wenn sich ein Wehmut-Timbre wie das von Puppetmaster Damon Albarn über die eigene Kunst legt. Doch auf dem neunten Studioalbum des audiovisuellen Projekts hat diese Komponente nun besonderes biografisches Gewicht erhalten.

Zwischen zwei Indien-Reisen, die nach einigen unterinspirierten wie überpolierten Releases der kreativen Findung dienen sollten, erreichten Albarn und seinen Illustrator Jamie Hewlett binnen Tagen die Nachricht vom Tod beider Väter. Der zweite Trip geriet zur existenziellen Erfahrung, die schließlich die Initialzündung für ein Werk gab, das wie die Band-Meilensteine „Plastic Beach“ und „Demon Days“ von großer konzeptioneller Klarheit getragen wird. Das steinige Seelenterrain von Tod, Verlust und Abschied führte direkt zu „The Mountain“.

Symbolmächtig kreuzen sich auf dessen Gipfel die Pfade alter und neuer westlicher Pop-Schwergewichte (Idles, Sparks, Johnny Marr) mit den Wegen indischer Meisterinnen wie der 92-jährigen Bollywood-Ikone Asha Bhosle oder der Sitaristin Anoushka Shankar, Ravis Tochter. Der Austausch musikalischer Welten schließt jenen zwischen Dies- und Jenseits mit ein: Aus Albarns ergiebigem Audioarchiv wehen geistergleich die Stimmen Bobby Womacks und Dennis Hoppers herein, selbst Grantler Mark E. Smith darf nochmals aus dem Totenreich kläffen.

Gorillaz mögen die Dunkelheit gesehen haben, drehen ihr aber den Rücken zu, um nach vorn zu blicken. Im Geist südasiatischer Trauerrituale buchstabieren sie das Ende als Schwelle zum Neuanfang aus – in spiritueller wie musikalischer Hinsicht. Statt Pathos wohnt diesen Songs eine unleugbare Unbeschwertheit inne: In „Orange County“ fliegt eine überschwänglich gepfiffene Melodie über die harte Klage „You know the hardest thing / Is to say goodbye to someone you love“. Auch wenn der Aufstieg zu „The Mountain“ zunächst schwer erscheinen mag: Diese Platte reicht einem die Hand – und garantiert, dass dabei auch die Beine in Bewegung geraten. 

Plattencover mit vier Comicfiguren auf einem schmalen Berggipfel über den Wiolken
Bild anzeigen