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Kultur
06/17/2021

Verena Altenberger: „Mit Anlauf bedenkenlos über die Klippe“

Die neue Salzburger Buhlschaft auf Diagonale-Kurzbesuch: Begegnung mit der Schauspielerin Verena Altenberger, einer Darstellerin mit hoher Ambition und positiver Energie.

von Stefan Grissemann

profil: „Me, We“, Ihr neuer Film, ist ein Seiltanz zwischen tödlichem Ernst und alltäglicher Groteske. Ging es darum, Ihre Figur, eine Frau, die Geflüchtete in Seenot retten will, zu überzeichnen? 

Altenberger: Nein, ich habe diese Rolle schon sehr ernst genommen. Aber es gibt Menschen, die mit viel Idealismus auch viel Unbedachtes tun. Ich wusste, dass wir auf Lesbos drehen würden, mit vielen Laien. Dort vermischt sich alles, Urlaubsstimmung und Untergang, Tourismus und Moria. Die Wirklichkeit ist eben absurd, grauenerregend, lustig und tieftraurig zugleich.

profil: Wie haben Sie diese Figur entwickelt, die bei allen guten Absichten auch an Selbsterhöhung und Naivität leidet? 

Altenberger: Ich habe viel recherchiert, besuchte Moria, sprach mit Geflüchteten und den Organisatorinnen der Lager. Ich lernte von den Freiwilligen dort, woraus deren Arbeit besteht. Das machte mir die Rolle der Marie plausibler. Ihre Handlungen sind, wenn man in der Logik des Wahnsinns dort denkt, nicht mehr überzeichnet. Sie werden realistisch.

profil: Wie erarbeiten Sie Ihre Rollen? Emotional-intuitiv oder mit akribischer Vorbereitung?

Altenberger: Ich bereite mich sehr genau vor, will das echte Leben studieren, das ich anschließend spielen soll. Ich baue mir mein eigenes Sicherheitsnetz, ein Innenleben, um danach völlig loslassen zu können und nie wieder darüber nachdenken zu müssen. Ich spanne dieses Netz so sicher, dass ich dann mit Anlauf bedenkenlos über die Klippe springen kann.

profil: Haben Sie Lampenfieber?

Altenberger: Extrem. Ich bin vor Auftritten supernervös. Aber Angst ist auch Energie. Sie zeigt an, dass man seinen Beruf ernst nimmt. Was wir da machen, hat ja eine Wirkung. Je größer die Bühne, desto größer ist meine Verantwortung. Davor Angst zu haben, ist sehr legitim. 

profil: Sie werden im Sommer bei den  Festspielen die Buhlschaft im „Jedermann“ spielen, an der Seite von Lars Eidinger. Wird Michael Sturminger seine Inszenierung stark ändern?

Altenberger: Ich nehme es an, denn nahezu das gesamte Ensemble wurde umbesetzt. Wie könnte das dieselbe Inszenierung werden?

profil: Sie wollen das emanzipatorische Potenzial Ihrer Figur betonen, haben Sie erklärt: Wird das eine Buhlschaft mit feministischer Schlagseite?

Altenberger: Ich bin Feministin, die Buhlschaft muss es nicht zwingend sein. Aber die Tatsache, dass eine Feministin diese spielt, ist schon an sich eine feministische Aussage. Ich werde versuchen, eine zeitgemäße Frau auf die Bühne zu stellen. Ich bin Feministin, 33 Jahre alt, ich bin unsicher, ich bin selbstsicher, ich kann verführerisch sein oder es bleiben lassen, ich kann damit hadern oder auch nicht. Da ist alles drin. Ich werde versuchen, als Frau auf der Bühne so selbstverständlich wie möglich zu wirken.

profil: Sie sehen den kreativen Prozess als stetigen Diskurs?

Altenberger: Natürlich. Das heißt jetzt nicht, dass ich Hofmannsthals Worte ändern wollen würde. Aber um gut zu sein, muss ich zu 100 Prozent verstanden haben, was ich da tue. Dann kann ich als Anwältin einer Figur diese für andere erlebbar machen. Warum tut jemand Gutes, Böses, Schönes? Das muss ich ja erst verstehen.

profil: Salzburgs Festspielpublikum gilt als sehr konservativ. Haben Sie auch Angst davor, dem Geldadel, der seinen „Jedermann“ ungern modernisiert sieht, nicht zu entsprechen? 

Altenberger: Ich habe keine Angst davor, dem Geldadel zu missfallen. Ich war einst so kulturfremd und der „Jedermann“ so fern meiner Lebenswirklichkeit, dass ich dachte, man könne nur als Teil der Elite dafür überhaupt Karten kriegen. Heute weiß ich: Man kriegt sie online! Ich glaube, dass das Salzburger Publikum eine Mischung aus betuchten und weniger privilegierten Menschen ist. Ich möchte weder nur den einen noch nur den anderen gefallen. 

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