Dirigent mit erhobenem Taktstock leitet ein Orchester.
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Vor dem Neujahrskonzert: die Wiener Philharmoniker, gerühmt und gescholten

Das Neujahrskonzert wird auch heuer wieder rund 50 Millionen Menschen erreichen. Die Effizienz und Klangschönheit der Wiener Philharmoniker ist weltweit fast konkurrenzlos, trotzdem mehrt sich die Kritik an deren Chauvinismus und Repertoire-Grenzen.

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Alles auf Anfang. Durchatmen, wie jedes Jahr. Geige unter das Kinn, Oboe an die Lippen, Paukenschlägel gefasst, in die Harfe gegriffen – und auf geht’s zur stets gleichen Prozedur, auch am 1. Jänner 2026 um 11.15 Uhr wieder. Das teuer projektierte Johann-Strauss-Jubiläumsjahr mag vorbei sein, aber 2026 wird im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins wie stets mit vorwiegend dreivierteltaktiger Musik der Strauss-Familie eingeläutet. Dazu intonieren die Philharmoniker Galoppe, Polkas, Märsche und Quadrillen von Ziehrer, Lanner, Franz von Suppè und dem dänischen Champagner-Notenfabrikan- ten Hans Christian Lumbye.

Erwartungshaltung und Tradition lassen kaum Abweichungen zu. Die als Wiener Tourismuswerbung fungierenden Balletteinlagenfilme (diesmal choreografiert von John Neumeier) sowie das Pausen-Feature sind längst vorproduziert. Der Blumenschmuck der Stadtgärtnerei behübscht das bis zum letzten Stehplatz ausverkaufte Auditorium. Die ORF-Kameras an der Decke und den Saalseiten sind für die Liveübertragung, die in 150 Länder strahlt und 50 Millionen Zuschauer erreicht, bereit. Und ab 16. Jänner kann das einträglichste Klassik-Event der Welt auf den einschlägigen Plattformen gestreamt und als CD, DVD, Blu-ray und LP erworben werden.

Neu sind 2026 nur drei Namen: Als 20. Dirigent tritt beim 86. Neujahrskonzert der Frankokanadier Yannick Nézet-Séguin erstmals ans Pult. Er ist mit 50 Jahren der drittjüngste in der Geschichte des Konzerts – nach Gustavo Dudamel, der 2017 schon mit 35 antreten durfte, gefolgt vom 2021 erst 42-jährigen Andris Nelsons. Und weil man inzwischen vorsichtig klingende Novitäten in die Programmabfolge streut, gern auch von Komponistinnen, kommt diesmal die Polka-Mazur „Sirenen-Lieder“ der 1887 verstorbenen Josephine Weinlich, die in Wien einst das erste europäische Damenorchester gründete, zu Gehör. Angesetzt ist zudem der „Rainbow Waltz“ der Afroamerikanerin Florence Price (1887–1953), für die sich Nézet-Séguin seit Jahren starkmacht.

Alles Walzer?

Daniel Froschauer, erster Geiger und Vorstand der Wiener Philharmoniker, betont die Güte und Intensität der seit 2010 laufenden künstlerischen Partnerschaft mit Nézet-Séguin. Man setzt auf Diversity, Minderheiten und Frauenquote. Alles Walzer also? Natürlich nicht.