KI-Bilderflut: Susanne Kennedy und Markus Selg verwandelten Wagners "Parsifal" in eine statische, recht beliebig visualisierte Operninstallation. Im Bild: US-Tenor Russell Thomas in der Titelrolle
Sand im Getriebe: Die Wiener Festwochen 2026 ließen zu wünschen übrig
Der Gegenwind, auf den Festwochen-Intendant Milo Rau es stets anlegt, wuchs sich in der Causa um die Einladung des Tech-Milliardärs und Apokalypse-Schwurblers Peter Thiel unversehens zu einem Orkan aus, der das Festival aus der Balance zu kippen drohte (profil berichtete ausführlich). Rau sah sich nach Boykottdrohungen und allerlei auch kulturpolitischen Misstrauensbekundungen gezwungen, die Reißleine zu ziehen und Thiel auszuladen. Das anschließende Kopfschütteln von Freunden und Gegnern redete er sich in gewohnter Manier schön: Wo so viel Aufregung ist, hat man den Finger offenbar in die richtige Wunde gelegt.
Er lacht die Probleme weg: Festwochen-Intendant Milo Rau während der Proben zu seinem "Besten Stück aller Zeiten", fotografiert von Wolfgang Paterno
Die Farce um Thiel blieb nicht die einzige Schwachstelle im Festwochenprogramm 2026. Natürlich trägt jedes Kulturfestival, das mit Koproduktionen und jahrelangen Vorlaufzeiten agiert, das Risiko, dass Inszenierungen, die auf dem Papier Anlass zu großen Hoffnungen gaben, in ihrer Konkretisierung enttäuschen können. Es waren nicht so sehr künstlerische Fehlschläge, die zu verzeichnen waren, als – gemessen am Avantgarde-Anspruch der Festwochen – die vielen erstaunlich durchschnittlich geratenen Produktionen: Der italienische Regie-Meister Romeo Castellucci etwa blieb mit seiner surreal-substanzarmen, kaum 35-minütigen Performance „Credere alle maschere“ weit hinter den Erwartungen zurück; und man muss nicht in den Chor der Entrüstung über Susanne Kennedys und Markus Selgs fünfstündige KI-Oper „Parsifal“ einschwenken, um festzustellen, dass diese semi-modernistische Wagner-Exkursion trotz musikalisch starker Momente keinen Festivalhöhepunkt markierte. („Parsifal“ ist noch heute, Freitag, und am kommenden Montag im Museumsquartier zu sehen.)
Klar, nicht alles ging schief: So leisteten sich die Festwochen ein von Kunst-Superstar Florentina Holzinger glorios orchestriertes „Pfingstspiel“ in Wien und Prinzendorf, und es gab sowohl berührende (Alice Diop, „Wallden“) als auch halbwegs unterhaltsame Produktionen („Vampire’s Mountain“, „Dark Noon“, „Das beste Stück aller Zeiten“) – insgesamt jedoch auffällig wenig von jener politischen Trennschärfe, die Milo Rau sich und uns so gern verspricht und verordnet. Eine schwächelnde Festwochen-Ausgabe, die mit einer Auslastung von 91 Prozent zumal publikumsstärker denn je war, ist aber kein Absturz, ein Neustart unnötig, der Stadt tut dieses Festival gut: mehr Glück 2027.