Bald 50 Prozent Muslime in Wiener Mittelschulen. Und jetzt?
Ein paar Gedanken zur neu veröffentlichten Zahl von 46 Prozent Muslimen in Wiener Mittelschulen; Werte, die man auch aus Bezirken in Wels, Linz bis Bludenz kennt. In der Brennpunktschule, in der ich eine Woche verbracht habe, sind 60 Prozent Muslime. Die Tendenz geht insgesamt in diese Richtung, weil in den kommenden Jahren viele syrische Kids aus den Volksschulen nachrücken (Stichwort: Familiennachzug). Das heißt: Der Wert von 50 Prozent wird in Wien bald erreicht und in der „Brennpunktschule“ im 20. Bezirk auf zwei Drittel gestiegen sein.
Wenn wir über Durchmischung oder Vielfalt an mehrheitlich von Muslimen besuchten Schulen reden, geht es längst nicht mehr um das Verhältnis von Inländern zu Ausländern oder Autochthonen zu Migranten. Es geht um die Durchmischung innerhalb der Muslime.
Arabisierung des Austro-Islam
Durch seine „Arabisierung“ ab der Flüchtlingswelle 2015 ist der Islam in Österreich konservativer und in seiner alltäglichen Praxis rigider geworden. Galt früher der ex-jugoslawisch geprägte bosnische oder albanische Islam als liberaler im Vergleich zum türkischen Islam der Gastarbeiter, so gilt heute der türkische Islam insgesamt als lockerer als der arabische (afghanische und tschetschenische).
An Mittelschulen sind es vorwiegend nicht türkische Schülerinnen, die unter 14 Kopftuch tragen, sondern Mädchen aus Syrien, Tschetschenien oder Somalia. Nicht selten bedecken sie zusätzlich ihre Figur (Aura) durch lange Gewänder. Fasten-Challenges schon unter 12-Jährigen gab es vor 2015 in diesem Ausmaß nicht.
Das bedeutet: Wenn wir davon ausgehen, dass Mitteschulen Mittelschulen bleiben, weil sie weder mit Gymnasien der Unterstufe verschmolzen (Utopie der Gesamtschule) noch verkürzt werden (Utopie der sechsjährigen Volksschule); wenn wir weiter davon ausgehen, dass Durchmischung als Ziel nicht längst passé ist, dann müssen wir uns den Realitäten in „muslimischen Mittelschulen“ stellen.
Haben wir Mittelschulen aufgegeben?
An mehrheitlich muslimischen Schulen sollte es zum Einmaleins der Integration gehören, dass sich Schüler mit unterschiedlichen islamischen und sprachlichen Hintergründen mischen; damit der streng religiöse sunnitische Syrer auf den türkischen Aleviten, der afghanische Paschtune auf den liberaleren Albaner dritter Generation oder das somalische auf das bosnischen Mädchen trifft und im Zuge dieses Austausches Weltbilder erschüttert werden.
Wer weiterhin zulässt, dass aus Volksschulklassen mit vorwiegend arabischsprachigen Kindern (die gibt es bereits) ebensolche Mittelschulklassen werden, hat das Ziel der Durchmischung aufgegeben und stellt bewusst die Weichen für eine sprachliche wie auch religiöse Parallelgesellschaft.
Eine restrealistische Durchmischung innerhalb der Muslime reicht aber nicht. Das Leben der Schüler sollte nicht mehr nur von islamisch-kulturellen Werten und Normen der Familie, sondern auch säkularen und westlichen Werten der Aufnahmegesellschaft durchtränkt sein. Das stärkt jene in den Communities, die in den Westen migriert sind, um auch westlich zu leben. Und es lässt Kinder nicht im Stich, die vielleicht genauso leben wollen wie andere Wiener Kinder außerhalb ihrer Bubble, aber gar nicht auf die Idee kommen.
Wer hier noch weiter liest...
„46 Prozent Muslime“ in Wiener Mittelschulen. Wer sich nicht täglich mit den rasanten Veränderungen durch Migration in österreichischen Städten beschäftigt, ist verständlicherweise von dieser Zahl geflasht. Für einen Teil der Gesellschaft reicht dieser Wert, um urbane Mittelschulen abzuschreiben. Das sieht man an den emotionalen Reaktionen auf diese Statistik-Meldung. Dieser Teil hat wohl gar nicht mehr bis an diese Stelle des Kommentars gelesen, weil er es als Zumutung empfindet, sich so detailliert mit dem Islam und seinen Spielarten beschäftigen zu müssen.
Jene, die urbane Mittelschulen nicht abschreiben wollen und weiterlesen, sollten nicht auf akademische Lösungen wie Gesamtschule oder verlängerte Volksschule warten. Konzepte aus dem Elfenbeinturm haben in der Integrationsdebatte schon genug Schaden angerichtet. Akut geht es darum, den Rest an Durchmischung in Pflichtschulen zu gewährleisten. Dafür bräuchte es zunächst ein Bewusstsein, was sich an Volksschulen und Mittelschulen gerade religiös und kulturell verschiebt; und dann ein neues Mindset für Durchmischung auf allen Ebenen – von den Bildungspolitikern, die Regeln für die Schülerlenkung aufstellen bis zu den Direktorinnen und Direktoren, die ihre Klassen am Ende zusammenstellen.