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Meinung
04/01/2021

Elfriede Hammerl: Sie sind wohl impfneidig?

Manche können es sich richten. Manche bleiben auf der Strecke. Wie immer halt.

von Elfriede Hammerl

Bringen wir es doch auf diesen Punkt: Die oberen Stände werden geimpft, die Misera plebs kann schauen, wo sie bleibt. Ja, vielleicht ein bisserl krass ausgedrückt, aber nicht falsch. Manche können es sich richten. Manche kriegen es gerichtet. Der glückliche Zufall steht meistens aufseiten der gesellschaftlich gut Vernetzten.

Oder wenigstens aufseiten der materiell gut Ausgestatteten – wer einen schnellen Computer hat, erwischt einen früheren Impftermin, sobald sich das Anmeldeportal für eine bestimmte Alters- oder Berufsgruppe öffnet. Wer gar keinen Computer hat, braucht ein Kind, ein Enkerl oder den Osterhasen, die für ihn elektronisch zuschnappen, damit er einen Termin kriegt.

Willkommen in der Ellbogengesellschaft, wieder einmal.

Wer jemanden kennt, der jemanden kennt, die jemanden kennt, kommt wundersam in den Genuss gerade übrig gebliebener Impfdosen. Manchmal bleiben, wie das Schicksal so spielt, gleich Impfdosen für ganze Familien oder mehrköpfige FreundInnengruppen übrig.

Wer als junger Mensch einen Papi oder eine Mami mit Arztpraxis hat, mutierte in den letzten Wochen oft blitzschnell zur Ordinationshilfe und musste demzufolge von Papi oder Mami dringend geimpft werden.

Uni-Mitarbeiter im Homeoffice sind geimpft, die Supermarktkassierin ist es nicht. Das Verwaltungspersonal der Krankenhäuser in seinen vergleichsweise geschützten Büros ist geimpft, die 24-Stunden-Pflegerinnen sind es nicht. Bürgermeister samt Gattinnen sind geimpft, Streifenpolizisten und -polizistinnen sind es nicht. Tiroler Hoteliers stehen unter Impfschutz, jedoch nicht die Alleinerzieherin, die völlig aufgeschmissen ist, wenn ihr Kindergartenkind sie ansteckt und sie als Mutter wie als Arbeitskraft ausfällt.

Willkommen in der Klassengesellschaft, wieder einmal.

Am 6. Februar erreichte die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte in Wien eine Einladung der Wiener Ärztekammer zur Online-Anmeldung für die Corona-Impfung. 2000 Dosen BioNTech/Pfizer und 6000 Dosen AstraZeneca stünden zur Verfügung. Dann heißt es wörtlich: „Ärzt*innen können bei diesen Impfterminen zwischen den beiden Impfstoffen auswählen, für Ordinationsmitarbeiter*innen sind (…) ausschließlich die Impfstoffe von AstraZeneca vorgesehen.“

AstraZeneca hatte zu diesem Zeitpunkt bereits einen angeschlagenen Ruf. Deswegen: Empörter Protest der – diesfalls nicht mit Arzt oder Ärztin verwandten – Ordinationsmitarbeiterinnen und auch mancher ÄrztInnen. Warum freie Wahl für MedizinerInnen und lediglich Holzklasse-Stoff fürs Personal?  Auch wenn die Holzklasse-Einstufung ungerechtfertigt sein mochte – klar war, dass das Personal sich mit dem umstrittenen Impfstoff abfinden sollte und basta.

Der Wiener Ärztekammerpräsident erklärte das Ganze nachträglich zum Irrtum, aber: Die Aussendung liegt vor.

Alles ist halt wie immer, einschließlich undurchschaubarer Bürokratie, derzufolge pflegende Angehörige einen Impftermin kriegen, nicht aber die Gepflegten, nicht einmal, wenn sie Hochrisikogruppen angehören, und selbstverständlich ist es nicht möglich, dass dann die Gesunden den Gefährdeten ihren Termin überlassen, das wär’ ja noch schöner.

Auf der Strecke bleiben allenthalben verzweifelte Menschen, die, so PatientInnenanwältin Sigrid Pilz, „glaubhaft um ihr Leben bangen müssen“, zum Beispiel KrebspatientInnen, die ungeimpft nicht mit einer Chemotherapie beginnen können und trotzdem keinen Impftermin in Aussicht haben. Pilz plädiert daher für die Errichtung einer Anmelde-Hotline, die für Menschen in einer „akuten Gesundheitskrise“ zur Verfügung stehen sollte.* Ein guter Vorschlag (auch wenn einem sofort braun gebrannte Biker einfallen, die versuchen werden, beim Chefarzt ihres Vertrauens als akut gefährdet durchzugehen).

Ich stehe den Vordränglern nicht einmal besonders verständnislos gegenüber. Seit Langem sind wir darauf konditioniert, vor allem den eigenen Vorteil ins Auge zu fassen – Stichwort Wettbewerbsgesellschaft –, und haben das Vertrauen in die Solidarität der anderen verloren, die ihrerseits nicht wissen, warum sie uns vertrauen sollen. Aber es macht mich wütend, dass die angebliche Berechtigung dieser unsozialen Haltung durch die aktuelle Impfpolitik bestätigt wird.

Die Mahnung, nicht impfneidig zu sein, ruft nur scheinbar zum Zusammenhalt auf. Tatsächlich ist sie eine Stillhalteaufforderung an alle, die wieder einmal zu kurz kommen. Beschämt sollen sie ihren Wunsch, ebenfalls von der Seuche verschont zu werden, als sündhaft erkennen. Gerechtigkeitsdebatten werden ja gern zu Neiddebatten umetikettiert, um diejenigen, die Ungerechtigkeit anprangern, als erbärmliche Charaktere zu diskreditieren, die anderen aus purer Gemeinheit nichts gönnen.

Das ist eine miese Strategie, schon gar, wenn es um den Erhalt einer lebensrettenden Substanz geht. Es ist legitim, sie erhalten zu wollen, es ist legitim, sie so schnell wie möglich erhalten zu wollen, und es ist legitim, auf eine gerechte Verteilung zu pochen. Diesem Wunsch das Laster des Neids zu unterstellen, ist anmaßend. Auch ein Laster.

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