Fußball und überhaupt: Wir sind alle Patrioten
Ich weiß, wo Sie am Mittwoch um sechs Uhr früh waren. Und ich weiß, wo Sie am kommenden Montag um 19 Uhr sein werden. Vor einem Fernseher, einer Leinwand, einem Screen oder im Idealfall im Stadion. Je nach Temperament brüllen wir aus voller Kehle „Immer wieder Österreich!“ oder lächeln bloß fröhlich.
Das Gefühl, das uns antreibt, verbindet Leute, die nichts gemeinsam haben müssen, nur das eine: die Liebe zu Österreich. Man nennt das „Patriotismus“. Es ist ein schönes Gefühl. Es lässt uns gemeinsam jubeln und gemeinsam verzweifeln.
Dieser unschuldige Patriotismus hat einen hässlichen Zwilling. Dieser nennt sich ebenfalls „Patriotismus“, doch er verbindet nicht. Er will eine Auswahl treffen, wer dazugehören darf und wer nicht. Es ist nicht überraschend, wer im Sinne dieses falschen Patriotismus aussortiert werden soll: die, die nicht immer schon hier waren; die, deren Eltern aus anderen Ländern stammen.
Solchen Leuten wird misstrauisch der Patriotismus abgesprochen. Sie sollen das Land, in dem sie leben, nicht repräsentieren dürfen.
Der unschuldige Patriotismus hat einen hässlichen Zwilling. Dieser nennt sich ebenfalls „Patriotismus“, doch er verbindet nicht.
Dieser Pseudopatriotismus versteht die Welt nicht. Er kapiert nicht, dass Menschen aus anderen Ländern kommen oder abstammen und dennoch ihre jetzige Heimat lieben. Lamine Yamal, der Superstar der spanischen Nationalmannschaft, hat auf seinen Fußballschuhen die Flaggen der Geburtsländer seines Vaters (Marokko) und seiner Mutter (Äquatorial-Guinea) aufgenäht und dazu die Zahl 304.
Letztere steht für die Postleitzahl des Madrider Bezirks, in dem Yamal aufgewachsen ist. So setzt sich die emotionale Zugehörigkeit eines ganz normalen (wenngleich außerirdisch talentierten) Bürgers zusammen: aus seiner Nachbarschaft, aus der Herkunft seiner Eltern, und aus dem Land, für das er alles gibt – Spanien. Und das soll kein echter Patriot sein?
Die französische Nationalmannschaft dient Pseudopatrioten als besonders abschreckendes Beispiel, denn sie besteht überwiegend aus Einwandererkindern, noch dazu mit dunkler Hautfarbe.
Ihnen wird von Pseudopatrioten die „francité“ (das Wesen des Französischen) abgesprochen. In Wahrheit repräsentieren sie den größten Erfolg der Französischen Republik: Sie oder ihre Eltern kamen von woher auch immer, und sie wurden Leistungsträger der neuen Heimat.
Legendär idiotisch ist ein Video der Freiheitlichen Jugend Wien aus dem Jahr 2024, in dem es hieß: „Wir sorgen dafür, dass die österreichische Nationalmannschaft nicht aussieht wie die französische in wenigen Jahren.“ Ein prima Plan, Frankreich liegt in der Fifa-Weltrangliste schließlich auf Platz 2.
Merke: Rassismus garantiert Niederlagen. Ohne die Tore der Einwanderer(-Kinder) hätte Frankreich gegen Senegal 0:1 verloren (es siegte 3:1), die Schweiz gegen Katar ebenfalls 0:1 (tatsächliches Ergebnis: 1:1) und die Niederlande gegen Japan 1:2 (2:2).
Aber es geht nicht nur um die Topspieler und die Weltmeisterschaft. Auf der Website des Österreichischen Fußballbundes sind bis hinunter zur untersten Liga alle Vereine und deren Kader abrufbar.
Klicken Sie einen beliebigen Klub einer Wiener Liga an, und Sie werden sehen, wer hier die Mannschaften stellt. Vadim, Ali, Mohammed, Tunc, Dejan, Halilibraim … Sie rennen für ihre Vereine und träumen davon, ein Marco Arnautović, Kevin Danso oder Carney Chukwuemeka zu werden. Vielleicht jubeln sie auch, wenn die Nationalmannschaft der Heimat ihrer Eltern siegt. Und wenn schon.
Nicht nur, um mir ein paar giftige Leserbriefe zu ersparen, jetzt noch ein wichtiger Hinweis: Ja, selbstverständlich kann man auch Patriot sein, ohne sich auch nur im Geringsten für Fußball zu interessieren.
Patriotismus funktioniert auch ohne Sieg und ohne Flagge. Zum Beispiel auf der Station eines österreichischen Krankenhauses, wo Pflegerinnen und Pfleger stolz darauf sind, dass sie Menschen helfen, Geld verdienen und ihr Spital (und damit das österreichische Gesundheitswesen) am Laufen halten.
Innenminister Gerhard Karner sagt im Interview in der aktuellen profil-Ausgabe auf die Frage, ob man, wie FPÖ-Chef Herbert Kickl dies fordert, alle syrischen Asylberechtigten wieder nach Hause schicken soll: „Das halte ich weder für realistisch noch vernünftig. Weil ich mich frage, wie so manches Spital dann noch geputzt werden würde. Viele Flüchtlinge sind ja ein wertvoller Teil der Gesellschaft geworden.“
Wir schießen Tore, wir schrubben Böden, wir sind alle Patrioten.