Rainer Nikowitz

Rainer Nikowitz

© Udo Titz

Satire
02/19/2022

Rainer Nikowitz: Impfpflichtlotterie

Impfpflicht ist gut, Impflotterie ist auch gut. Darum arbeiten wir jetzt auch auf eine zutiefst österreichische Kombination aus beidem hin.

von Rainer Nikowitz

Sommer 2022. Seit mehreren Monaten schon verfügt Österreich – seine schön langsam chronisch werdende Vorreiterrolle in Europa wieder einmal eindrucksvoll erfüllend – über ein einzigartiges Instrument im Pandemie-Management: die Impfpflichtlotterie! Das rot-weiß-rote Erfolgsmodell schlechthin. Unvergessen die Worte, die Bundeskanzler Nehammer bei seiner Implementierung sprach: „Ich garantiere Ihnen: Bald wird jeder von Ihnen jemanden kennen, der von jemandem gehört hat, der uns darum beneidet!“

Beileibe nicht alle hatten zu Beginn daran geglaubt, oh nein. Beileibe nicht alle wollten der Regierung auf dem von ihr in den Omikron-Dschungel gehauenen Pfad folgen. Obwohl dieser doch zum wiederholten Male, ach, was soll man da untertreiben, obwohl dieser wie immer wieder einmal so klar und gerade verlief wie der Amazonas in seinem Delta. Denn als klar geworden war, dass nach der zugegebenermaßen vielleicht nicht völlig nach Wunsch verlaufenen Impflotterie auch die gerade erst eingeführte Impfpflicht schnell einen Boden unter den Füßen bekam, um den sie gerade noch das Bordorchester der Titanic beneidet hätte – da hatte unsere Regierung ja zum Glück so regiert, wie man es von ihr gewohnt war. Nämlich schnell, eiskalt – und richtig. 

Sofort wurde als Untergruppe von „Gecko“ das informelle Expertenkomitee „Schwanzlurch“ eingesetzt – diesmal mit richtigen Experten, sogar bis hin zu  Landeshauptleuten und allem. Und dieses hatte dann auch bald die richtige Empfehlung parat. Man setzte auf einen Synergieeffekt, der eigentlich auf der Hand gelegen war – und den bisher nur niemand wahrgenommen hatte. Wir waren die Ersten. Weil Österreich, du hast es besser. 

Die Idee war also folgende: So eine Impfpflicht hat schon für sich allein zweifellos ihre Vorteile. Und eine Impflotterie fraglos auch. Wenn man beide Vorteile gewieft kombiniert – unschlagbar! Und schon war die Impfpflichtlotterie geboren. Und die funktionierte so: Einerseits wurde die Impfpflicht beibehalten, auch, wenn es vielleicht durchaus Argumente gab, seriös darüber nachzudenken, aber man musste da schließlich beinhart bleiben und durfte Wurminator Kickl und seinen Impfgegnern keine Möglichkeit zum Siegesgeheul gönnen.

Aber durch die intelligente Kombination mit der Lotterie wurde diese Maßnahme erst so richtig sozial verträglich abgefedert – und führte nicht etwa zum endgültigen Massenaufstand. Denn pro Tag wurde österreichweit nur einer ausgelost, an dem die Impfpflicht auch tatsächlich exekutiert wurde. An dem aber dafür beinhart! Also mit Zahlschein und allem. Damit alle sehen konnten, wie ernst es die Regierung meinte. Und was einem blühte, der glaubte, er könne da vielleicht Insubordination betreiben. Neben dieser schrecklichen Abschreckung gab es aber auch noch einen genialen massenpsychologischen Effekt. Bei einer normalen Lotterie gewann ja nur einer den Jackpot, nämlich der, der gezogen wurde. Aber bei dieser – gewann nur der nicht! Wer würde eine Lotterie mit einer solchen Gewinnausschüttung nicht mögen? 

Der Effekt, den diese intelligente Form des Pflicht-Managements auf die Impfquote hatte, war denn auch umgehend enorm. Im internationalen Vergleich hält da nur Bhutan mit. Das aber auch nur, weil bei denen der zweite Arzt im Impfzentrum endlich wieder aus dem Burn-out zurück ist. Verdientermaßen blieb es Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein vorbehalten, die jüngsten erfreulichen Zahlen zu präsentieren. Schließlich ist es gerade ihm in Interviews immer wieder gelungen, uns die Unverständlichkeit dieser Krankheit so richtig verständlich zu machen. Neutrale Beobachter zählten dieses Mal zwei zusammenhängende Sätze, die Spurenelemente von Inhalt aufwiesen. Die grüne Presseabteilung pochte sogar auf einen dritten – und führte das auf ihr professionelles Coaching zurück. Ganz Twitter war einen Tag in Aufruhr. 

Jedenfalls: Ausgehend von einem ohnehin schon längere Zeit nicht mehr gesehenen Niveau schnellte die Zahl der Erststiche im vergangenen Monat noch einmal geradezu raketengleich nach oben, nämlich um sagenhafte 148 Prozentpunkte. Prognose-König Peter Klimek rechnet hier sogar mit weiteren guten Nachrichten. Nachdem die Dreistelligkeitsgrenze bei den Prozenten gefallen ist, könnte sie das demnächst nämlich bald auch in absoluten Zahlen tun. Allerdings nur, wenn der Trend hält – und also diese zehnköpfige Mormonen-Familie aus dem Bezirk Linz-Land ihre Impfentscheidung nicht doch noch überdenkt. Aber: Das kriegen wir auch noch hin. Wäre doch gelacht.