Singt nicht mit Juden!
Ich bin ja so froh, dass wir uns jetzt endgültig alle miteinander dazu entschlossen haben, den Song Contest ernst zu nehmen. Schließlich gibt es auf der Welt sonst keine Veranstaltung, bei der so großartige Musik vor einer so unfassbar aufgeschlossenen und toleranten Community vorgetragen wird – die neuerdings auch noch enorm kluge und vor allem unverzichtbare politische Statements zu bieten hat!
Und das Schöne ist: Jeder hat unter diesem ach so bunten Regenbogenschirm Platz! Wirklich jeder!
Außer natürlich, man ist jüdisch. Aber sind wir uns ehrlich: Wer will denn das schon sein?
Okay, es gab früher und es gibt vereinzelt vermutlich immer noch professionelle Miesepeter, die finden, dass die musikähnlichen Geräusche, die der ESC gewohnheitsmäßig macht, diese fein ziselierten Formatradio-Sinfonien, diese beeindruckenden Zeugnisse absoluten Gehörs, vorgetragen von Menschen, die der immer stärker werdenden KI-Konkurrenz in ihrer Branche dadurch trotzen, dass sie deren hochinteressanten, organischen Zugang zu Musik einfach vorwegnehmen, eher an – im rhythmisch sehr fordernden Viervierteltakt – freigesetzte Flatulenzen erinnern.
Aber Hater des Reinen, Wahren und Schönen gibt es heutzutage ja leider immer und überall.
Des Weiteren gibt es – man will es ja kaum glauben – ebenso vereinzelt auch noch Auffassungsunterschiede, was die politischen Statements rund um und über den ESC betrifft. Viele Künstler – und unter den ESC-Performern soll sich hartnäckig das Gerücht halten, dass sie da irgendwie dazugehören – sind ja hauptberuflich Berufene. Und als solche fühlen sie natürlich die schwere Bürde der Verantwortung, uns Fußvolk mit ihrer allumfassenden Weisheit befruchten zu müssen.
Zum Glück sind die Ungeheuerlichkeiten, mit denen der böse Boomer Ricky Gervais 2020 bei der denkwürdigsten aller Golden-Globe-Verleihungen die Tilda Swintons und Javier Bardems dieser Welt so schrecklich beleidigte, völlig wirkungslos verhallt. Er sagte damals: „Falls ihr heute einen Preis gewinnt, nutzt diese Bühne nicht dazu, über Politik zu reden. Ihr seid nicht in der Lage, die Öffentlichkeit über irgendetwas zu belehren. Über die Welt da draußen wisst ihr nichts. Die meisten von euch haben weniger Zeit in der Schule verbracht als Greta Thunberg. Wenn ihr also gewinnt, kommt auf die Bühne, nehmt euren kleinen Preis entgegen, dankt eurem Agenten und eurem Gott – und dann verpisst euch!“
Aber das wirklich Schöne am ESC ist ja, dass hier auch die Community voll auf Linie ist – und zwar vor allem bei der Causa prima, also Gaza. Sogar der eherne Grundsatz: „Du sollst nur an eine Fahne glauben!“ wurde durchbrochen, die Pali-Fahne weht einträchtig neben dem Regenbogen. Und ich bin wirklich sehr froh, dass die „Queers for Palestine“ endlich auch gesehen werden! Ohne die gäbe es schließlich heutzutage viel weniger zu lachen.
Ziemlich schade ist allerdings, dass dieses Friede-Freude-Eierkuchen-Fest unter so enormen Sicherheitsvorkehrungen stattfinden muss. Halb Wien ist Hochsicherheitszone. Man muss schließlich unter allen Umständen vermeiden, dass der Mossad zuschlägt. Oder dass der eine Jude, der unerklärlicherweise auf die Bühne darf und sich dort perfid als Sänger tarnt, einen Sprengstoffgürtel unter dem Glitzerkostüm trägt. Man weiß ja, wie verschlagen die sind.
Ohne Juden in der Nähe könnten wir uns das alles sparen. Im Bataclan in Paris waren damals sicher auch Juden im Publikum. Was lernen wir daraus? Mit einer ordentlichen Einlasskontrolle wäre die milieubedingte Unmutsäußerung anderer Musikliebhaber also gar nicht passiert!
Vielleicht sollte sich ja die Community diesbezüglich auch noch weiter organisieren und in toleranten Kleingruppen, vielleicht beim Binge-Watchen von Serien, die antipatriarchalisch, antikapitalistisch, antikolonialistisch, antiheteronormativ oder sonst irgendwie voll anti- sind (antisemitische gibt es ja leider noch nicht, das liegt sicher daran, dass die sattsam bekannte Ostküste die ganzen Streamer kontrolliert und ihre freie Meinungsäußerung schändlich unterdrückt), gemeinsam zwecks besserer Steuerung der Publikumsströme süße gelbe Sechsecke stricken. Ist ja gerade ziemlich schick. Beides.
Und da es gerade auch ziemlich schick ist, sich zu irgendeinem ausgefallenen Leiden zu bekennen, das einem auf Social Media gegenüber den ganzen anderen Opfern mit ihren 08/15-Defekten einen Reichweitenvorteil bringt, will ich mich jetzt auch outen. Ich verfalle ja mittlerweile angesichts dieses betörenden Amalgams aus Agenda, Ahnungslosigkeit und Bigotterie verlässlich in eine Hyperemesis gravidarum (fragt am besten euer KI-Hirnsubstitut, was das denn wieder sein könnte).
Die bekommen im Normalfall zwar nur Frauen, die sich gerade in einem ganz bestimmten körperlichen Ausnahmezustand befinden – aber, hey: Für euch tolle Crowd mache ich gern eine Ausnahme!