© Alexandra Unger

Meinung
07/17/2021

Siobhán Geets: Wir müssen reden!

Es ist fahrlässig, nicht offen über eine Impfpflicht zu diskutieren – zumindest für bestimmte Berufsgruppen.

von Siobhán Geets

Erinnern Sie sich noch, als es nicht genug Impfstoff gab für alle, die welchen wollten? Wie groß war da die Empörung über die Vordrängler! Der Begriff „Impfneid“ wurde geprägt, die Hotlines mit Infos zu Impfterminen waren heillos überlastet.

Damit ist jetzt Schluss. Wir sind nahtlos vom Beschaffungs- zum Abnahmeproblem übergegangen – weil zu viele Menschen sich einfach nicht impfen lassen wollen.

Experten gehen davon aus, dass mindestens 85 Prozent der zwölf- bis 59-Jährigen und 90 Prozent der über 60-Jährigen immunisiert sein müssen, um im Herbst das Schlimmste zu verhindern. Doch davon ist man in Österreich und auch sonst wo in Europa weit entfernt. Die aggressive Delta-Variante ist überall auf dem Vormarsch, hierzulande entfallen bis zu 90 Prozent der Neuansteckungen auf sie.

Ein paar Beispiele:

In Österreich muss Krankenhauspersonal schon lange gegen einige Infektionskrankheiten immunisiert sein.

In zahlreiche Länder (vor allem Afrikas, Südostasiens und Südamerikas) darf man ohne den Nachweis bestimmter Impfungen gar nicht einreisen.

Zwölf von 27 EU-Mitgliedstaaten schreiben bis zu elf Impfungen vor. Hier müssen Eltern mitunter hohe Strafen zahlen, wenn sie ihre schulpflichtigen Kinder nicht gegen bestimmte Krankheiten immunisieren lassen. 

Sind das alles totalitäre Regime?

Wohl kaum.

Um die Impfbereitschaft zu steigern, haben sich einige Länder „positive Anreize“ einfallen lassen. In Griechenland schenkt der Staat jungen Menschen 150-Euro-Gutscheine für Kinos, Theater und Bahnfahrten; in Deutschland wird laut darüber nachgedacht, Impfungen vor Bars anzubieten. Und im US-Bundesstaat Washington bekommen Impfwillige sogar einen Gratis-Joint.
Italien und Frankreich haben eine härtere Gangart eingelegt. In Italien sind Berufsgruppen mit Patientenkontakt bereits seit Mai zu einer Immunisierung verpflichtet. Und in Frankreich müssen sich Krankenhauspersonal sowie die Mitarbeiter in Pflege- und Altenheimen bis spätestens 15. September immunisieren lassen, wollen sie ihren Job behalten. Die Ankündigung Emmanuel Macrons hat – neben Protesten – einen regelrechten Anmelde-Boom ausgelöst: Allein am Abend nach seiner Rede haben sich rund 926.000 Franzosen für einen Impftermin eintragen lassen, zwei Drittel davon unter 35.

Wer in Österreich eine Impfpflicht fordert, kann sich auf wütende Reaktionen einstellen. Impfverweigerer inszenieren sich als Widerstandskämpfer in einer herbeifantasierten Diktatur. Sie sprechen von staatlichem Zwang und vom Abgleiten ins totalitäre Regime.

Mit dem staatlichen Zwang haben sie nicht unrecht. Dabei gibt es die Pflicht, sich gegen bestimmte Krankheiten zu schützen, in zahlreichen Ländern seit Jahrzehnten – ohne dass sich je eine größere Bewegung dagegen formiert hätte.

Doch die Angst vor der Hysterie der Gegner ist offenbar so groß, dass lieber gar nicht erst damit begonnen wird, ernsthaft über eine Impfpflicht zu debattierten. Dabei wäre das dringend nötig  – zumindest für bestimmte Berufsgruppen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Mir gefällt die Vorstellung auch nicht, dass Krankenschwestern, die sich vor einer Impfung fürchten, gekündigt werden. So abstrus die meisten Argumente von Impfgegnern sind, es gibt auch berechtigte Zweifel an den neuen Vakzinen. Anders als üblich kann man bei den neuen Corona-Impfstoffen nicht auf jahrelange Erfahrung bauen. Und die Debatte um AstraZeneca hat gezeigt, wie schnell Vertrauen verloren gehen kann.

Doch das Risiko einer Erkrankung überwiegt jenes der Impfung bei Weitem. Und die meisten Argumente gegen die Vakzine haben weniger mit Ängsten vor Impfschäden zu tun als mit kruden Verschwörungstheorien und groben Missverständnissen.

Die Alten und Schwachen, heißt es etwa, seien ja bereits geimpft, Unwillige würden niemanden mehr gefährden. Dieses Argument bringen Impfverweigerer auch gegen die immer wieder diskutierte Masern-Impfpflicht vor. Es stimmt da wie dort nicht: Wer sich gegen eine Impfung entscheidet, nimmt in Kauf, jemanden anzustecken, für den eine Erkrankung lebensgefährlich sein kann.

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind gehört einer Risikogruppe an und kann nicht geimpft werden. Stellen Sie sich vor, Ihr Kind ist zu jung, um immunisiert zu werden, steckt sich in der Schule oder im Kindergarten an und erkrankt an Long Covid. Was wiegt nun schwerer: das Recht des Kindes auf gesundheitlichen Schutz oder das Recht der Pädagoginnen, sich nicht immunisieren zu lassen? Darüber sollten wir dringend reden.

Eine Demokratie wird auch daran bemessen, wie sie mit den Schwächsten in der Gesellschaft umgeht. Zivilisiert zu sein bedeutet, Rücksicht auf andere zu nehmen. Dazu gehören auch jene, die keine laute Stimme in der Öffentlichkeit haben. Wer gegen eine Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen eintritt, sollte das nicht vergessen.

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