Morgenpost

Linke Kante, rechter Haken

Die SPÖ sucht ihren Kurs, die ÖVP kämpft mit den langen Schatten von Ex-Kanzler Sebastian Kurz und der Ibizia-Lockvogel ist (vielleicht) gefunden.

Drucken

Schriftgröße

Der neue SPÖ-Vorsitzende gab profil ein Antrittsinterview, das mit der Frage begann, ob er ein Linkspopulist sei. Andreas Babler beschied in aller Kürze: „Nein.“ Meine Kolleginnen Eva Linsinger und Iris Bonavida blieben natürlich noch ein bisschen dran. Ob Populismus schlecht sei, hakten sie nach („Ja, wenn…“) und dass er, Babler, doch gerne den „linken Underdog“ gebe, um sich von seinem Kontrahenten Hans Peter Doskozil abzuheben – was Babler damit quittierte, er „formuliere eben kantiger“.

Das kann man – je nach politischem Standpunkt – gut oder schlecht finden. Rein journalistisch betrachtet macht diese Bablersche Eigenschaft das profil-Gespräch recht lesenswert. Ob diese Kantigkeit sich auch bei der nächsten Nationalratswahl ausgezahlt haben wird – ein hübscher Anwendungsfall für die grammatikalische Vorzukunft – ist Thema einer ausführlichen SPÖ-Geschichte, die Sie ebenfalls im aktuellen profil nachlesen können (auch als E-Paper).

Nicht nur das. Auch von einem „rechten Haken“ werden Sie in der neuen Ausgabe des Magazins erfahren. Die Metapher ist dem Boxsport entlehnt. Gemeint ist damit ein Schlag aus der Halbdistanz, was insofern passend ist, als sich Recherchen von Chefredakteurin Anna Thalhammer zufolge ein ehemaliger Manager des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) als Kronzeuge im Verfahren gegen den türkisen Ex-Kanzler Sebastian Kurz erbötig gemacht hat. Der ÖIF war eine Spielwiese des damaligen, aufstrebenden Integrationsstaatssekretärs Kurz.

Stefan Melichar wäre gerne etwas mehr auf Halbdistanz zum Ibizia-Lockvogel gegangen. Aber die vermeintliche Oligarchennichte, die im Sommer 2017 auf der spanischen Ferieninsel die FPÖ-Politiker Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus in die Falle tappen ließ, war darauf nicht erpicht. Der profil-Investigativreporter spürte die Frau in der lettischen Hauptstadt Riga auf. Er war stundenlang um einen Wohnblock gestreift, doch als er ihrer schließlich angesichtig wurde, wollte die Konversation nicht so recht in Gang kommen. Es bleibt also etwas Geheimnisvolles zurück. Ist sie es oder nicht?

Ich selbst besuchte vergangene Woche mit ein paar Burschen das Parlament. Das war recht spannend, weil die Jugendlichen – alle so zwischen 14 und 16 – aus eher demokratieskeptischen Milieus stammen und vom Koran eigentlich mehr halten als von politischen Wahlen. Für manche von ihnen ist Demokratie sogar „Schirk“, was so viel wie Götzendienst oder Abgötterei bedeutet. Die Ideologen des globalen Neo-Salafismus reden jungen Muslimen im Westen ein, dass politische Ordnungen, die sich nicht auf Gott beziehen, nichts taugen. Etwa die Demokratie. Und dass Gesetze, die von Menschen – gemeinhin sündige, schwache Wesen – gemacht werden, rein gar nichts gegen die Übel der Welt wie Ungerechtigkeit, Rassismus, Armut und Krieg ausrichten. Man kann sich als überzeugte Demokratin über diese Anfeindungen extrem aufregen. Man kann mit diesen Burschen – es sind immerhin noch Jugendliche – aber auch arbeiten. Wie das geht, lesen Sie in der Reportage aus dem Hohen Haus.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Woche,

herzlich,

Edith Meinhart

Edith   Meinhart

Edith Meinhart

war von 1998 bis 2024 in der profil Innenpolitik. Schreibt über soziale Bewegungen, Migration, Bildung, Menschenrechte und sonst auch noch einiges.