profil-Morgenpost

Neue Lage: Sieben Wochen Wahlkampf

Über die Bundespräsidentschaftswahl als Bühne für Wundersame und was ein Schwarzer Gardesoldat über Viktor Orban denkt.

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Noch wenige Wochen bis zur Bundespräsidentschaftswahl: Und der Amtsinhaber muss sich - zumindest laut der aktuellen profil-ATV-Umfrage vom Wochenende - noch keine Sorgen machen. Der Wahlkampf läuft bislang auch ohne ihn gut. 

Im Moment heißt es Unterstützungserklärungen sammeln, Marco Pogo (bürgerlich: Dominik Wlazny) hat seine Aufgabe gemeistert. Im rechten Politik-Spektrum wird es jedoch eng. Neben FPÖ-Kandidat Walter Rosenkranz (Umfragewert: 13 Prozent), versuchen es Ex-BZÖ-Politiker Gerald Grosz (6 Prozent), Ex-Krone-Kolumnist Tassilo Wallentin (6 Prozent) und MFG-Chef Michael Brunner (3 Prozent), es zunächst auf den Stimmzettel und dann in die Hofburg zu schaffen. Es nützt da vielleicht Wallentin ein wenig, dass am Wochenende in der Kronen Zeitung drei Seiten Anzeige inklusive Unterstützungserklärung zum Ausschneiden waren (bezahlt durch Frank Stronach). In jedem Fall ist es ein politisches Kuriositätenkabinett, das hier um Unterstützung kämpft.

Alle antretenden Kandidat:innen (21 Männer und zwei Frauen haben ihre Pläne bekanntgegeben, genaue Anzahl am Stimmzettel wissen wir nach dem 2.September, wenn die Frist für die Unterstützungserklärungen verstrichen ist) werden diese nächsten Woche nutzen, um sich als politische Stimmen zu etablieren. Und sei es nur um sich für weitere Wahlen in Stellung zu bringen oder sich selbst als Marke zu festigen. 

Es wird vermutlich ein Rennen um Platz zwei. Und: Um die Frage, ob es überhaupt eine Stichwahl braucht. Ein Thema, mit dem sich Philip Dulle und Meinungsforscher Peter Hajek in ihrem aktuellen Podcast auseinandergesetzt haben. Hier nachhören!

Die Wahl ist für Van der Bellen jedoch trotz der guten Umfragewerte nicht ohne Hürden, wie profil-Innenpolitik-Chefin Eva Linsinger analysiert. Die Proteststimmung im Land ist hoch, die Zustimmungswerte der Regierungsparteien im Keller (ÖVP: 21 Prozent, Grüne: 11 Prozent). Und die FPÖ hat es in der Geschichte schon mehrfach geschafft, die Hofburg-Wahl als  Bühne zu nutzen. “Wer immer gegen Corona-Maßnahmen, Lockdowns, Impfung, Russland-Sanktionen, Teuerung, Energiekrise rebellieren will – die Bundespräsidentenwahl ist die erste bundesweite Wahl, seit der Ausnahmezustand im Jahr 2020 mit Corona begann,” schreibt Linsinger. 

Was ein Bundespräsident - oder eine Präsidentin - den ganzen Tag eigentlich so macht, hat sich mein Kollege Gernot Bauer vor ein paar Wochen angeschaut. Auf jeden Fall gehören Staatsbesuche dazu, und dabei auch das Abschreiten der Garde des österreichischen Bundesheers. 

Unlängst war Viktor Orbán in Wien bei Karl Nehammer, kurz zuvor ist der ungarische Ministerpräsident mit rassen-theoretischen Äußerungen aufgefallen. Auch Orbán schritt entlang der Garde, in der ersten Reihe: Yvrel Musasa, gebürtiger Kongolese und Soldat des Österreichischen Bundesheers. Musasas Einschätzung: „Als Privatperson haben mich Orbáns Worte an die Apartheid erinnert.“ Mein Kollege Clemens Neuhold hat ihn an der österreichisch-ungarischen Grenze besucht, wo er im Assistenzeinsatz ist. Ein bemerkenswertes Gespräch über Orban, Flüchtlingspolitik und den heimischen Alltagsrassismus. 

Einen guten Dienstag wünscht Ihnen, 

Sebastian Pumberger

 

Sebastian Pumberger

Sebastian Pumberger

ist seit Jänner 2022 bei profil und leitet das Online-Team. Davor war er bei der Tageszeitung "Der Standard".