Betroffene: „Alles war besser als die Hölle Kinderdorf“
Die gebürtige Tirolerin Marina Hubmann und ihre Geschwister wurden 1989 von ihrer Mutter ans SOS-Kinderdorf Stübing abgegeben. Hubmann wurde außerdem von ihrem Stiefvater sexuell missbraucht, ihre Mutter erfuhr davon allerdings erst Jahre später. Die Kinder kamen über SOS zu einer Pflegemutter, die sie schlug, folterte und psychisch erniedrigte. Nach vier Jahren gelang es ihnen, ihre Mutter zu kontaktieren und zu ihr zurückzukehren. 1999, nach Hubmanns Volljährigkeit, begann sie, ihren eigenen Fall aufzuarbeiten. Sie meldete die Pflegemutter beim SOS-Kinderdorf, erstattete Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Graz und wandte sich mit ihrer Geschichte an eine Wiener Redaktion – überall wurde sie abgewiesen. Die Pflegemutter betreute bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2018 weiterhin Kinder als Angestellte der SOS-Kinderdörfer. Mit einem eigenen Buch und ihrem Verein „Marina's Mission – Hilfe für Opfer aus Kinderheimeinrichtungen“ will Hubmann anderen Betroffenen Mut machen und helfen.
Frau Hubmann, in Ihrem neuen Buch schreiben Sie über die traumatischen Erlebnisse, die Sie im SOS-Kinderdorf Stübing gemacht haben. Was hat Sie dazu bewogen, darüber überhaupt zu schreiben?
Marina Hubmann
Ich wünsche mir Veränderung. Und die kann nur dann beginnen, wenn man hinschaut, auch wenn das Thema unbequem ist. Es ist kein feines Thema, aber es ist echt. Und deswegen finde ich auch, dass man die Gesellschaft dafür sensibilisieren sollte. Dafür ist die Perspektive der Betroffenen ganz wichtig.
Was empfinden Sie, wenn sie an Ihre Kindheit zurückdenken?
Hubmann
Immer noch Schmerzen. Ich trauere um vieles, was ich verloren, verpasst habe und nicht erleben durfte. Und dazu gehört auch, kein Urvertrauen entwickeln zu dürfen – das ist ein großes Defizit im Leben.
In Ihrer leiblichen Familie gab es Missbrauch seitens Ihres Stiefvaters. Ihre Mutter gab Sie und Ihre Geschwister ab, weil Sie mit Ihrer Erziehung überfordert war, das haben Sie auch in Ihrem Buch beschrieben. Warum ist es Ihnen wichtig zu erklären, weshalb Sie ins SOS-Kinderdorf gekommen sind?
Hubmann
Ich möchte, dass die Gesellschaft sieht, woher die SOS-Kinder kommen. Sie stammen aus sozial schwachen Familien, wo schlimmste Dinge passieren, wo einfach wenig Fundament da ist. Und dann werden sie von ihren Familien getrennt und erleben noch viel Schlimmeres.
Ich trauere um vieles, was ich verloren, verpasst habe und nicht erleben durfte.
Sie sind im Jahr 1989, im Alter von sieben Jahren, zu Ihrer Pflegemutter gekommen und wurden wieder zum Opfer von Gewalt.
Hubmann
Im Kinderdorf kam es durch die Kinderdorfmutter zu schwerster körperlicher Gewalt. Zusätzlich wurden wir psychisch terrorisiert und es wurden Methoden angewendet, die als Folter bezeichnet werden.
Was ist Ihnen widerfahren?
Hubmann
Sobald die Mitarbeiter des Jugendamts weg waren, begann die Gewalt. Zuerst hat die Kinderdorfmutter meiner Schwester die Luft abgeschnürt, dann wurde sie geschlagen. Danach hat sie meine Brüder und mich gewaltsam voneinander getrennt. Wir hatten uns an den Händen festgeklammert. Sie sagte uns, dass sie ab heute unsere Mutti sei und auch so genannt werden will. An diesem Tag bekam ich durch einen Schlag ins Gesicht eine aufgerissene Lippe. Ich war so schockiert, wusste damals aber noch nicht, dass das erst der Anfang war.
„Ich habe keine Kindheit oder Jugend gehabt und war immer Leibeigene von irgendwelchen anderen Menschen.“
Marina Hubmann, Betroffene aus dem SOS-Kinderdorf Stübing
Wie haben Sie es geschafft, diese Zeit zu überstehen?
Hubmann
Ich habe mir selbst geholfen, indem ich in meine Fantasiewelten geflüchtet bin. Ich habe Welten für mich erfunden, weil ich von Dunkelheit und Kälte umgeben war. Das Zweite war mein Lebenswille, meine fröhliche Natur und mein Wesen, meine Lebenslust, meine Lebensfreude. Obwohl ich damals keine Gründe dafür hatte. Das Dritte, da wird es ein bisschen emotionaler: Ich habe mir als Mädchen versprochen, dass kein Kind jemals wieder dasselbe durchmachen soll, wie ich.
Nach vier Jahren ist es Ihnen und Ihren Geschwistern gelungen, zurück zu Ihrer leiblichen Mutter zu kommen. Der Frau, die Sie ja eigentlich weggeschickt hat. Wie war Ihre Rückkehr?
Hubmann
Alles war besser als die Hölle Kinderdorf. Die Zeit vor dem Kinderdorf war Paradies und die Zeit danach war Paradies, überspitzt gesagt. Aber ich habe es auch Zuhause nicht leicht gehabt. Ich habe keine Kindheit oder Jugend gehabt und war immer Leibeigene von irgendwelchen anderen Menschen.
Sieben Jahre später, 1999, haben Sie sich erstmal um eine Aufarbeitung Ihres Falls bemüht. Warum erst dann?
Hubmann
Natürlich wollte ich, dass meine Mutter schon früher vorgeht, aber sie wurde eingeschüchtert. Ab dem Zeitpunkt, als ich volljährig war, habe ich es deshalb selbst in die Hand genommen. Der Grund war, dass ich erfahren habe, dass noch immer Kinder in der Obhut dieser grausamen Kinderdorfmutter waren. Ich wollte auch eine Art von Gerechtigkeit für meine Geschwister und mich. Wobei es dafür keine wirkliche Gerechtigkeit gibt. Aber in dem Fall war mein wichtigstes Ziel die Kinder da wegzubringen.
Sie haben sich an die Staatsanwaltschaft Graz gewandt, an SOS-Kinderdorf selbst und an eine Wiener Redaktion – niemand hat reagiert.
Hubmann
Die Ungerechtigkeiten haben mich fast erdrückt. Oft bin ich vor dem Fernseher gesessen oder vor einem Bus, der voll bedruckt war mit der Werbung von SOS-Kinderdorf. Ich war kurz davor zu platzen, ich habe mich hilflos und ohnmächtig gefühlt, aber wollte unbedingt etwas verändern.
2025 hat die Wochenzeitung „Der Falter“ eine große Recherche über schweren Missbrauch in anderen Kinderdorf-Institutionen veröffentlicht. Was hat das in Ihnen ausgelöst, als Sie erfahren haben: Sie sind nicht das einzige Opfer.
Hubmann
Ich wusste schon lange, dass ich nicht das einzige Opfer bin, schon seit meiner Kindheit. Ich habe mich gefragt, wie lange das in der Öffentlichkeit sein wird und wie schnell das wieder unter den Teppich gekehrt wird. Die Medienberichte haben mich überhaupt nicht überrascht, aber natürlich sehr traurig gemacht. So vieles hätte verhindert werden können, wenn man zum Beispiel mir damals zugehört und auch gehandelt hätte. Ich bin mit einigen Ex-SOS-Kindern in Kontakt und habe auch aus Bosnien Hilferufe bekommen.
Die Scham sollte bei den Tätern liegen und nicht bei den Opfern.
Mittlerweile versucht man zumindest bei SOS-Kinderdorf alles aufzuarbeiten. Etwa mit einer Reformkommission oder einem neuen Aufsichtsrat. Wie bewerten Sie das?
Hubmann
Ich sehe das kritisch. Auch, dass das SOS-Kinderdorf eine weitere Chance bekommt. Ich weiß, das werden viele nicht gerne hören, aber sie haben es trotz des Geldes und des Einflusses, den sie hatten oder immer noch haben, nicht geschafft, echten Schutz für die Kinder in ihrer Hilfsorganisation zu gewährleisten.
Annemarie Schlack, die aktuelle Geschäftsführerin, hat sie um ein Treffen gebeten, wie war das für sie?
Hubmann
Sie hat sich bei mir für das, was mir im SOS-Kinderdorf angetan wurde, entschuldigt. Die Vergangenheit kann man leider nicht mehr rückgängig machen, viel lieber würde ich heute darüber sprechen, was man in Zukunft verändern kann, um echten Schutz in solchen Einrichtungen zu gewährleisten. Ich habe einen Verein gegründet, mit dem ich andere Opfer in Zukunft finanziell unterstützen möchte, zum Beispiel indem Therapien bezahlt werden oder auch durch Hilfe im täglichen Leben. Viele sind so traumatisiert, dass sie im Arbeitsleben nicht mehr funktionieren.
Es gibt auch ein Opferschutzverfahren für ehemalige SOS-Kinder. Haben Sie vor, sich daran zu beteiligen?
Hubmann
Nein, weil ich erstens kein Vertrauen in SOS-Kinderdorf habe und zweitens investiere ich keine Zeit und Energie mehr darin, meinen eigenen Fall aufzuarbeiten – das habe ich lange versucht. Heute würde ich mich einfach viel lieber damit auseinandersetzen, wie man Kinder in Zukunft in solchen Systemen wirklich schützen kann, und das macht meiner Meinung nach auch mehr Sinn. Und ums Geld ist es mir nie gegangen.
Gibt es etwas, was Sie anderen Opfern mitteilen möchten?
Hubmann
Ich wünsche mir, dass sie sehen, dass sie sich für nichts schämen müssen, weil man sich daran erinnern sollte, dass man selbst ein Kind war. Hilflos, körperlich unterlegen, überhaupt unterlegen. Die Scham sollte bei den Tätern liegen und nicht bei den Opfern. Gleichzeitig möchte ich ihnen auch Mut machen, nicht aufzugeben und für ihre Werte und Rechte weiter einzustehen.
Marina Camilla Hubmann: Kinderdorf. Die Geschichte einer Betrofffenen.
edition a. 160 S.,
EUR 24,–