Ein leerer Wiener Heldenplatz am ersten Wochenende der Corona-Ära.
Ein leerer Wiener Heldenplatz am ersten Wochenende der Corona-Ära.

© APA/HERBERT NEUBAUER

Österreich
03/22/2020

Die Corona-Chroniken: Dieser Sonntag, ein misslauniger Zwitter

Der tägliche profil-Überblick zur Corona-Krise.

von Michael Nikbakhsh

Tag 7 im Ausnahmezustand. Bis vor einer Woche waren Sonntage für uns alle etwas anderes als Sams- oder gar Werktage. Gut, vielleicht nicht im gleichen Maße wie für die älteren Leserinnen und Leser, die noch mit obligater Teilnahme an der Sonntagsmesse, anschließender Rückführung des Herrn Vatern vom Frühschoppen und dem krönenden Verzehr einer klarerweise von der Mutter zubereiteten Fleischspeise sozialisiert wurden; aber auch ohne Kirchgang und mit Brunch doch erkennbar vom Rest der Woche zu unterscheiden.

Jetzt erleben wir – zumindest in Österreich – das erste Wochenende der Corona-Ära; am vergangenen waren die Epidemie-Beschränkungen noch nicht in Kraft getreten und keiner wusste, was auf uns zukommen würde. Seither nehmen aber alle Tage die gleiche Gestalt an: jene von misslaunigen Zwittern aus Arbeits- und Freizeit: Geschäfte nicht offen; Lokale geschlossen; genauso viele Leute auf der Straße wie am Mittwoch; endlich mal zuhause chillen? Sie scherzen!

Währenddessen akzeptieren wir Einschränkungen unserer persönlichen Freiheit nicht nur, wir begrüßen sie sogar. Und das in einem Ausmaß, das noch vor acht Tagen völlig undenkbar war – alleine der Gedanke an einen Bruchteil davon hätte, politisch geäußert, einen Sturm der Entrüstung entfacht; wir tun es mit gutem Grund: weil es die einzige Chance sein dürfte, die unaufhaltsame Epidemie zumindest so zu verlangsamen, dass sie nicht völlig außer Kontrolle gerät; wir können zunächst nur darauf vertrauen, dass auch später nie jemand Kapital daraus zu schlagen versucht.

Wir sind in der Krise angekommen, der ersten wirklich umfassenden und umfassend existenzbedrohlichen in der Lebenszeit der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung. Und langsam beginnen wir, das auch zu spüren. Erinnern Sie sich noch an die Zeit davor? Lange her, so fühlt es sich zumindest an, oder? Und kein Ende in Sicht. Es wird, wie der Mathematiker Stefan Flasche im Interview mit der Deutschen Welle sagt, vielmehr noch schlimmer, bevor es besser werden kann.

Aber irgendwann wird es auch das. Und bis dahin gilt: Bleiben Sie gesund!

Michael Nikbakhsh und Martin Staudinger

Die Lage bei den Infektionszahlen

Das Gesundheitsministerium meldet landesweit (Stand 22. März.2020, 8.00 Uhr) 3026 bestätigte Coronavirus-Fälle nach 21.368 vorgenommenen Testungen. In den vergangenen vier Tagen hat sich die Anzahl der Infizierten damit knapp mehr als verdoppelt (Vergleichswert 18. März: 1471). Das ist einerseits keine gute Nachricht. Andererseits legt die Entwicklung die Annahme nahe, dass die Verdopplung sich verlangsamt: von zuvor drei Tagen auf vier - und das wäre dann die nicht ganz so schlechte Nachricht. Wie fundiert das ist, werden erst die kommenden Tage zeigen.

Die Zahl der amtlich bestätigten Covid-19-Todesfälle hat sich gegenüber dem 18. März auf neun verdreifacht, die der Genesen liegt unverändert bei neun.

Wie hoch die Infektionsrate in Österreich und darüber hinaus tatsächlich ist, weiß niemand. Tatsache ist, dass mit der Anzahl der Testungen auch der Anteil der positiven Ergebnisse steigt. Am Nachmittag des 14. März zum Beispiel waren von 7467 Tests 655 positiv (Anteil: 8,8 Prozent). Am 17. März waren 12,9 Prozent der Tests positiv, am 19. März 14,7 Prozent und gestern 15,1 Prozent.

Weltweit wurden bisher rund 307.300 Fälle bestätigt (zur Seite des Gesundheitsministeriums geht es hier).

profil und die fliegenden Klassenzimmer

Seit 16. März sind die Schulen in Österreich weitestgehend geschlossen und plötzlich online – sie müssen improvisieren und sich neuen Lehrmethoden stellen. Wie soll das funktionieren? Wie wird jetzt unterrichtet? Wie organisieren sich Lehrerinnen und Lehrer untereinander – und wie helfen sich Jugendliche und Kinder gegenseitig? profil sammelt ab sofort kreative Ideen, Videos, Apps und virtuelle Welten von Schülern, Lehrern und Eltern – und wird sie gesammelt für Sie zur Verfügung stellen. Schicken Sie Ihre Tipps und Fundstücke!

Die Corona-Tagebücher

14 Österreicher haben für profil ihre erste Woche im Ausnahmezustand dokumentiert – stellvertretend für das ganze Land.

„Es ist mühsam“ Ein Lehrer an einer Neuen Mittelschule in Wien-Favoriten kämpft mit dem Fernunterricht.

Montag: Bin daheim und schnaufe durch. Unseren Schüler haben wir letzte Woche vor dem Lock-Down noch rasch ihre Lernmappen zusammengestellt. Jetzt sollen sie sich per E-Mail melden.

Dienstag: Info der Direktorin: Bis 3. April muss jede Lehrkraft einmal anwesend sein. Rufe Mails ab und muss feststellen, dass noch immer kein einziger Schüler gemailt hat. Ich notiere auf meiner To-Do-Liste, dass ich das wohl telefonisch über die Eltern einfordern muss. Sonst wird das schwierig mit dem Fernunterricht.

Mittwoch: Den ganzen Tag nur ein E-Mail. Inhalt: „Guten Tag.“ Schularbeiten, die liegen geblieben sind verbessern, Lernzielkontrollen, YouTube-Tutorials, - fad wird mir trotzdem nicht.

Donnerstag: Aufstehen um 6.15 Uhr. Endlich wieder raus in die Schule. Ich radle durch die unreale und für die meisten jetzt verbotene Öffentlichkeit. Nur eine Mutter kommt in der Schule vorbei und fragt nach einer Schulbesuchsbestätigung für ihren Sohn. Dieses Anliegen können wir nicht erfüllen. Wir bitten sie, wieder nach Hause zu gehen und weisen darauf hin, dass ohnehin alle Ämter auf Sparflamme arbeiten und sämtliche Fristen ausgesetzt sind. In unserer Schule sehe ich den ganzen Vormittag keine Kinder. Am Nachmittag rufe ich die Eltern durch und setzte eine Deadline bis Montag.

Freitag: Kontakt mit Hauptschülern aus bildungsfernen Schichten herzustellen, erweist sich als mühsam. Ab nächster Woche wird meinerseits strenger agiert. Wochenendfeeling kommt keines auf. Schon jetzt gleicht jeder Tag dem anderen. Mir fehlt der persönliche Kontakt zu den Schülern.“

Der Lehrer möchte auf eigenen Wunsch anonym bleiben. Sämtlich Tagebücher finden Sie im aktuellen profil.

Zitat des Tages

„Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird; die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das Urteil jenes auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die List, sie unter diesen zu verbreiten.“

Bertolt Brecht, „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“

(PS: Brecht schrieb den Aufsatz 1934. Der Hinweis auf die „Verbreitung unter ausgewählten Händen“ ist eingedenk der aktuellen Umstände nur im übertragenen Sinne zu verstehen, nicht im übertragenden).

Gute Nachrichten aus China

„Die Leute haben jetzt Zuversicht“ Die 18-jährige Schülerin Xiaomeng (Name geändert) berichtete in den vergangenen Wochen über Vermittlung ihrer österreichischen Freundin Carina Wandl mehrmals für profil aus Wuhan – unter anderem am Donnerstag. Gestern hat sie eine weitere Nachricht geschickt:

„Vorläufig ist die gute Nachricht: Es gibt in Wuhan seit 18. März keinen neuen Patienten. Vorher gebildete temporäre Quarantänestationen werden nach und nach abgerissen; gestern wurde der Hankou-Bahnhof (einer der Hauptbahnhöfe der Stadt, der am 23. Jänner wegen der Corona-Epidemie geschlossen wurde, Anm.) gänzlich desinfiziert. Wann er wieder freigegeben wird, weiß doch niemand, die Transportbranche soll aber schon bald wieder ohne Behinderung arbeiten können.

Tatsache ist aber auch, dass wir doch nicht ausgehen können. Man muss noch etwa zwei Wochen warten, bis die Inkubationszeit vergeht. Wir wissen nicht genau, was nach der Quarantäne passieren würde, aber der individuelle Gesundheits-QR-Code wird bestimmt eine große Rolle spielen: Man muss jeden Tag auf WeChat berichten, ob man Symptome hat und bekommt dafür einen QR Code mit persönlichen Informationen, wie Identität, Gesundheitszustand etc. (den man z.B. vorweisen muss, um Supermärkte betreten zu dürfen, Anm.)

Generell hat sich die Situation aber schon verbessert, die Leute haben jetzt auch die Zuversicht, schnell wieder normales Leben führen zu können.“

Prominent infiziert

Corona macht alle gleich: Schauspieler, Politiker, Sportler und andere Personen des öffentlichen Lebens, die sich mit dem Virus angesteckt haben ¬– und ihre Symptomatik (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Albert II. von Monaco (62), Fürst: leichte Symptome. Rita Wilson (63) ,Schauspielerin („Gloria – das Leben wartet nicht“) bzw. Produzentin („My Big Fat Greek Wedding“) Tom Hanks (63), Schauspieler („Forrest Gump“, „Der Soldat James Ryan“): Erkältungssymptome, Gliederschmerzen, Schüttelfrost und Fieber. Friedrich Merz (64), Anwärter auf die Nachfolge von CDU-Chefin Angela Merkel: nach eigenen Angaben „etwas stärkere“ Grippesymptome. Idris Elba (47), Schauspieler (u.a. „The Wire“, „Luther“, „Thor“): nach eigenen Angaben keine Symptome. Kathrin Gaál (44), SPÖ-Stadträtin: leichte Symptome. Johann Singer (62), ÖVP-Nationalratsabgeordneter: leichte Symptome. Oliver Pocher (42), Comedian, leichte Symptome. Olga Kurylenko (40), Schauspielerin („Ein Quantum Trost“): Fieber, Müdigkeit. Michel Barnier (69), Chefunterhändler der EU für den Brexit: leichte Symptome. Johannes B. Kerner (55), TV-Moderator: kaum Symptome. Kristofer Hivju (41), Schauspieler („Game of Thrones“): leichte Symptome. Sophie Grégoire Trudeau (44), Ehefrau des kanadischen Premierministers Justin Trudeau: leichte Symptome. Alexander Graf Lambsdorff (53), FDP-Politiker: Grippe-Symptome. Hagen Reinhold (41), FDP-Politiker: genesen. Mikel Arteta (37), Fußballtrainer (FC Arsenal): leichte Symptome. Vittorio Gregotti (92), Architekt (Olympiastadion Barcelona): tödlicher Verlauf. Heidi Klum (46), TV-Produzentin und Moderatorin („Germany’s Next Topmodel“): öffentlichkeitswirksam sehr besorgt, vorerst aber nicht infiziert.

Countersound: Philip Dulle findet Musik gegen Corona

Soap&Skin covert 4 Non Blondes’ „What’s Up?“

Die Kunst dient der österreichischen Musikerin Anja Plaschg immer schon als Selbstschutz. Im Krisenmodus hat die gebürtige Steirerin nun eine eindringliche Version des Neunziger-Hits „What’s Up?“ veröffentlicht. Das dürfte der 30-jährigen Komponistin nicht besonders schwer gefallen sein: Unter ihrem Pseudonym Soap&Skin praktiziert sie nicht erst seit der Corona-Krise physical distancing in ihrer Wohnung am Wiener Stadtrand; schreibt Songs grundsätzlich über Lebenskrisen, Selbstreflexion und dem großen Unwohlbehangen – und fragt sich zu Recht: „What's going on?“ Der Klassiker der Bay-Area-Band 4 Non Blondes wird so zur düsteren Nabelschau und sorgt für einen Ohrwurm, der wohl auch diese Ausnahmesituation überdauern wird: „And I say, hey yeah yeah, hey yeah yeah!“

Alles wird gut.

Schöne Grüße aus dem Elfenbeinturm! Wolfgang Paterno macht sich auf die Suche nach Sätzen, die helfen.

„Es war die leichteste Sache von der Welt.“

Ach, Kafkas Sätze. Das Buch „Kafkas Sätze“, vor gut zehn Jahren erschienen, versammelt rund 70 Sentenzen des Pragers, aus dem ewig schaurig-schönen Kafka-Kosmos herausgefischt. Der Satz von der leichtesten Sache der Welt stammt aus der Erzählung „Der Hungerkünstler“, einer Geschichte, die für den Schausteller alles andere als gut ausgeht. Nennen wir es Kafkas schwarzes Wunder, das selbst in der Ausweglosigkeit Türen öffnet: „Es war die leichteste Sache von der Welt.“

Kafkas Sätze. Herausgegeben von Hubert Spiegel. S. Fischer 2009, 239 S., EUR 20,60

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