Das Ehepaar Schlerith
Das Ehepaar Schlerith

© Clemens Neuhold

Österreich
05/02/2020

Corona: Impfpass für Geheilte?

Rund 13.000 Menschen haben Corona überstanden. Das Ehepaar Schlerith lebt seit zwei Monaten in der Parallelwelt der Genesenen.

von Clemens Neuhold

Mit Maske ein neues Parfüm kaufen, das hat seine Tücken. Ein Geruchstest ist streng genommen verboten. Das musste Birgit Schlerith in der Drogerie ihres kleinen Orts nördlich von Wien feststellen. Als die Verkäuferin sie anwies, die Maske sofort wieder über die Nase zu ziehen, entfuhr ihr es: "Na, Gott sei Dank hab ich es schon gehabt!"

Die Personal-Trainerin und ihr Mann Daniel gehören zur kleinen, aber rasch wachsenden Spezies der Corona-Genesenen. Mitte vergangener Woche waren 2200 Menschen nachweislich infiziert und 12.500 wieder geheilt. Die Schleriths leben seit zwei Monaten in der Parallelwelt jener, die sich vorerst keine Sorgen mehr vor einer Ansteckung machen müssen. Wie ist es da drüben?

Als die Ansteckungswelle im Februar von Italien nach Österreich überschwappte, hatte Corona kein Gesicht. Anonyme Zahlen bestätigten die Ankunft der Krankheit in der Alpenrepublik. Anfang März wurde der Name eines prominenten Anwalts in den Medien ruchbar: Andreas Theiss. Der 73-Jährige landete auf der Intensivstation und danach im Koma. Heute hat der 73-Jährige die Krankheit überstanden. "Es geht ihm gut", lässt eine Sprecherin seiner Kanzlei ausrichten. Und es gab die Schleriths, die Interviews aus der Quarantäne gaben und vor Augen führten, dass Covid-19 den Körper auch bloß streifen kann. Daniel Schlerith fühlte sich die gesamte Zeit über "kerngesund". Kein "Schniefer" habe auf eine Infektion hingedeutet. Birgit Schlerith litt an Atemnot, musste ins Spital, wurde aber nach wenigen Tagen entlassen. Eine Lungenentzündung im Jahr zuvor sei deutlich schlimmer gewesen. "Ohne die weltweiten Berichte hätten wir nicht gewusst, dass wir ein neuartiges Virus durchlebt haben", sagen die beiden Gesundheits-Trainer.

Offiziell geheilt

Heute hat es Birgit Schlerith schwarz auf weiß. Sie ist offiziell von Covid-19 geheilt. Und sie fühlt sich "absolut immun". Ihr Blutplasma hat sie für Antikörper-Therapien gespendet. Wie geht man durch eine Welt, die von der Corona-Angst geprägt ist?"Wie diese Darsteller in Zombiefilmen, die nicht gebissen werden können", sagt Schlerith. "Fühlt sich wie ein Lottogewinn an. Keine Gefahr für das Umfeld. Keine Maske, kein dauerndes Desinfizieren", schrieb auch "Heute"-Herausgeberin Eva Dichand über ihre Heilung (ihr Mann, "Krone"-Herausgeber Christoph, war ebenfalls positiv). Schlerith erzählt von Freundinnen, die halb im Scherz meinten: "Ich schleck dich ab, dann hab ich es hinter mir."

Geheilte können theoretisch auf Abstände pfeifen, Menschen außerhalb der Familie umarmen, quer durch die Welt reisen und beim Einkaufen auf Masken verzichten. Ein Leben jenseits der strengen Corona-Regeln erlaubt der Gesetzgeber aber nicht. Dafür bräuchte es einen Corona-Pass. In manchen Ländern werden solche Immunitätsausweise diskutiert. Doch die WHO warnt davor. Es sei noch unklar, ob die Immunität dauerhaft sei. Auch das Gesundheitsministerium sieht "keinen eindeutigen Hinweis darauf, dass eine durchgemachte Erkrankung vor einer Wiederansteckung schützt". An der Maskenpflicht für alle wird nicht gerüttelt.

"Ich will gar nicht privilegiert sein", sagt Schlerith. Deswegen trägt sie den MundNasen-Schutz dort, wo er vorgeschrieben ist. Gar nicht behage ihr der Alltagskult um genähte Masken. Damit werde ein falsches Bild von Normalität in der Psyche abgespeichert. "Menschen, die an der frischen Luft oder allein im Auto Maske tragen und dabei doch nur ihr eigenes Kohlenmonoxid einatmen, das ist doch nicht normal." Ihr Mann erinnert sich, wie sie auf einer Mountainbike-Tour, "natürlich ohne Maske", auf einem Dorfplatz Rast machten. Vor einer Trafik stellten sich Kunden mit Masken um Stangen Zigaretten an. "Die Welt steht still, weil sich ein Lungeninfekt schnell ausbreitet, der langsame Lungentod ist aber weiterhin um ein paar Euro pro Packung zu haben."

"Es geht blitzartig"

Über so manche Maßnahme in der Frühphase der Krise schütteln die beiden heute noch den Kopf. Zum Beispiel Fieberchecks. Damit wurden am Wiener Flughafen Reisende aus Risikoländern getestet, bis der Flugbetrieb endete. "Meine ersten Symptome waren Muskelschmerzen, die ich auf den Sport zurückführte. Darauf folgte eine ausgeprägte Müdigkeit." Fieber kam später nur kurz auf. "Es geht blitzartig. Das ist das Tückische am Virus."

Das Virus wurden die Schleriths rasch los, die Schuldgefühle nicht. "Wir hatten vor dem Ausbruch der Krankheit mit 150 Kunden Kontakt. Von 15 wissen wir, dass wir sie angesteckt haben", sagt Birgit Schlerith. Die Vienna International School schloss für drei Tage, weil sie Lehrer trainiert hatte. "Durch unseren Beruf bringen wir Gesundheit und Vitalität. Dann brachten wir unbewusst die Krankheit." Damals noch mit unbekanntem Ausgang. Horrormeldungen aus China dominierten die Schlagzeilen. Heute seien alle 15 Kunden genesen.

"Ich wäre ein Super-Spreader gewesen wie dieser Bar-Mann in Ischgl", erinnert sich Daniel Schlerith. Ohne Symptome war er ahnungslos -so wie Schlerith nach einem Brunch mit Freunden, die sich in Italien infiziert hatten. So unterrichtete er weiter seine 58 Studierenden an der Wiener Bundessport-Akademie auf der Wiener Schmelz. Allesamt mussten sie in eine 14-tägige Quarantäne. Doch keiner wurde krank. Im Unterschied zum feuchtfröhlichen Virenherd in Ischgl reichte der Abstand im Lehrbetrieb offenbar aus.

Zu den Schuldgefühlen kam die Stigmatisierung . E-Mail-Nachrichten wie "selber schuld" wurden anonym gesendet. Passanten hatten sich einen Reim aus dem Rot-Kreuz-Wagen und Schutzuniformen vor ihrem Haus gemacht. "Du hast uns Corona gebracht", wurde die 14-jährige Tochter aus dem Schulumfeld gestalkt. Erst kürzlich habe eine Frau im Dorf verbreitet, die beiden hätten eine ganze Firma angesteckt.

Anfeindungen und Zuspruch

Sie wollten keine Aussätzigen sein. Deswegen gingen sie an die Öffentlichkeit. Und weil sie um ihren Ruf in der Branche kämpften. Auf Anfeindungen folgte Zuspruch. Das Geschäft aber ruht immer noch. Bei der Öffnung der Wirtschaft müssen sie sich hinter Friseuren oder Physiotherapeuten anstellen. Das ärgert Schlerith maßlos. Die wirtschaftlichen Folgen der Maßnahmen findet er "katastrophal". Das Ehepaar fragt sich: "Der wirtschaftliche Druck steigt extrem. Wer wird bei einer zweiten Corona-Welle noch die Notrufnummer 1450 rufen und sich als Infizierter outen? Wer will schuld sein, dass die Firma zusperrt oder die Kollegen 14 Tage in Quarantäne landen?"

Es sind solche Fragen, denen sich die Politik rechtzeitig stellen sollte, wenn sie Krankheitsherde rasch aufspüren und abriegeln möchte. Denn nicht nur die wirtschaftliche Situation hat sich seit der ersten Welle verändert. Als sich die Schleriths infizierten, herrschte noch kein Bewusstsein für das Virus. Mittlerweile ist die Gesellschaft von Anti-Corona-Regeln durchzogen. Wer sich dennoch ansteckt, könnte diese womöglich missachtet haben - ein Nährboden für "Selbst schuld"- Vorwürfe samt Stigmatisierung. "Bei milden Verläufen wird die Verlockung massiv steigen, eine andere Krankheit vorzuschützen", ist die Personal-Trainerin überzeugt. Das würde die Dunkelziffer der Corona-Infizierten rasch erhöhen.

Ohne die Symptome seiner Frau wüsste Daniel Schlerith heute noch nichts von seiner Krankheit, wäre Teil der Dunkelziffer. Anfang April waren laut einer Stichproben-Auswertung drei Mal so viele Menschen infiziert als offiziell bekannt. Von Herdenimmunität ist Österreich meilenweit entfernt. "Irgendwann müssen wir eine Durchseuchung erfahren, oder?", fragt sich Schlerith. "Man kann das Land ja nicht jedes Mal zusperren, wenn neue Infektionen dazukommen."

Dann wären Genesene die Norm. Doch die Regierung setzt nicht auf Herdenimmunität, sondern auf einen Impfstoff. "Gegen eine Impfpflicht würden wir auf die Straße gehen. Ich will selbst entscheiden, was in meinen Venen landet", sagt Schlerith. Impfkritiker unter den Geheilten müssen wohl doch auf eine Art Immunitätspass hoffen.

ÜBER DIE GESCHICHTE Endlich wieder Hände schütteln, auf Abstand verzichten, Türschnallen unverkrampft angreifen. Beides hat der Autor beim geheilten Paar nicht geschafft. Erstaunlich, wie eingeimpft die Corona-Regeln mittlerweile sind.

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