© Screenshot/oe24.tv

Österreich
05/02/2018

Drei Wochen lang mit "oe24.tv"

Drei Wochen lang mit dem Fernsehsender "oe24.tv": Wie viel von Wolfgang Fellners Medienprogramm ist dem Land noch zumutbar?

von Christina Pausackl

Im September 2016 erfüllte sich für Wolfgang Fellner ein jahrelanger Traum, der nicht zuletzt durch den jährlichen Zuschuss von 990.000 Euro aus der Privatrundfunkförderung ermöglicht wurde. Mit oe24.TV startete der Chef der Mediengruppe "Österreich" neben seiner Gratiszeitung einen eigenen TV-Sender. Nach eineinhalb Jahren kurioser Politikund Society-Berichterstattung steigt Fellner jetzt auch ins Sportgeschäft ein: Für die Übertragung der Fußball-WM im Juni hat er die Zweitrechte vom ORF erworben. Nun soll ein landesweiter Radiosender folgen. Bei der Medienbehörde ist er mit einer Lizenz vorerst abgeblitzt, aber wer Fellner kennt, weiß: Er wird nicht Ruhe geben. Nach drei Wochen oe24.tv-Konsum stellt sich jedoch die Frage: Wie viel Fellner-Programm ist zumutbar?

Wer der Meinung war, dass Österreich ohnehin seit Jahren über Kopftuch oder Abtreibung diskutiert, hat in Fellners Welt falsch gedacht. Denn die "großen Diskussionen" darüber fanden erst in den vergangenen Wochen "exklusiv" auf oe24.tv statt. Man muss wissen: Auf oe24.tv ist überhaupt alles "exklusiv" und "live" - auch aufgezeichnete Beiträge. In der täglichen Mittags-Show wird nicht einfach nur aus Österreich berichtet, sondern über alles aus ganz Österreich.

Das tägliche Highlight: "Fellner! Live". Um 21 Uhr lädt der "Österreich"-Chef höchstpersönlich ins TV-Studio, führt Interviews mit Politikern und anderer Prominenz, und zwar "unabhängig, unparteiisch und wirklich kritisch!" Einmal wöchentlich stellt Fellner das aktuelle Politbarometer vor - jedes Mal mit einer großen Sensation. So auch Anfang April: "HC Strache ist wieder im Höhenflug!", verkündet der "Österreich"-Chef. (Die FPÖ hat einen Prozentpunkt zugelegt. Schwankungsbreite: plus/minus drei Prozentpunkte.) Details werden im Anschluss mit "den Insidern" besprochen.

Kein Platz für empirische Feinheiten

Nach einer Werbepause nehmen die Innenpolitikchefin der Tageszeitung "Österreich", Isabelle Daniel, sowie Mitherausgeber Werner Schima im Studio Platz. Die Männer bejubeln den großen Erfolg von Vizekanzler Heinz-Christian Strache und sind überzeugt: "Sein Wochenende ist gerettet." Irgendwann darf auch Isabelle Daniel etwas sagen. Zum Leidwesen der beiden Männer entpuppt sie sich als Spielverderberin und gibt zu bedenken, dass "wir uns natürlich in der statistischen Schwankungsbreite befinden". Doch Fellner findet einen eleganten Weg, um von dieser empirischen Feinheit abzulenken: "Jo, des war ma' die letzten Male a immer."

Dass Fellners politische Analysen nicht immer stichfest sind, stellte er schon in der Sendung zur Nationalratswahl unter Beweis. Vor der Verkündung der Ergebnisse erklärte er im Minutenabstand, dass "Niederösterreich möglicherweise die Wahl entscheiden wird","wer in Oberösterreich vorn liegt, gewinnen wird","wer in der Steiermark gewinnt, der wird am Schluss wahrscheinlich vorn sein", dass "die Wahl in Wien entschieden wird". Außerdem werde die FLÖ, eine Abspaltung der FPÖ, "in Niederösterreich 3 bis 5 Prozent machen" (sie kam auf 0,17). Bis zum Schluss glaubte er noch an einen möglichen Sieg der FPÖ, die bekanntlich auf den dritten Platz kam.

"Ministerin Gnadenlos nennt man Sie ja, na?"

Dennoch schafft es Fellner, die gesamte politische Elite ins Studio zu holen, fast jede Woche sitzen mindestens zwei Minister bei ihm. FPÖ-Sozialministerin Beate Hartinger-Klein ist in jenen Tagen "live" bei Fellner zu Gast (das Interview wurde aufgezeichnet), als sie mit ihren Zerschlagungsplänen der Unfallversicherungsanstalt (AUVA) für heftige Proteste sorgt. In Anbetracht dessen zeigt sich selbst Hartinger-Klein irritiert über Fellners Eingangsfrage: "Beate Hartinger-Klein, Ministerin der Herzen, heißt es ja, na?" Hartinger-Klein will das natürlich nicht verneinen. Sie lächelt geschmeichelt. Das Gespräch schreitet mit fröhlichen Gesichtern und freundlichem Ton voran. Doch dann, drei Minuten später, plötzlich die dramatische Wende. Fellner packt nun offenbar seine wirklich kritische Seite aus: "Ministerin Gnadenlos nennt man Sie ja, na?" Es ist alles sehr verwirrend, darum lacht Hartinger-Klein einfach wieder.

Vergangene Woche holt Fellner einen 14-jährigen Start-up-Unternehmer ins Studio: "Er darf mit 14 nicht mal in der U-Bahn allein fahren, aber er sitzt bei Fellner live!" Wie wird wohl die "Österreich"-Schlagzeile ausfallen, wenn Fellner erfährt, dass 14-Jährige in Wien nicht nur allein U-Bahn fahren, sondern auch bis ein Uhr nachts unterwegs sein dürfen?

Die Highlights neben den exklusiven, wirklich kritischen Live-Interviews sind die "Top-Storys" der Woche. Dazu zählt zum Beispiel: "Heidi Klum nackt in Mexiko" oder "Mordalarm in Wien-Favoriten". Letztere handelt von einer Frau, die von ihrem Sohn erschlagen worden sein soll. Die Berichterstattung des Fellner-TV ist ein Paradebeispiel für Fernsehen aus der Boulevard-Hölle: Im Studio wird - erraten! "live" - zur Reporterin vor Ort geschaltet, die der Nachbarin der ermordeten Frau ein Mikrofon unter die Nase hält. Die fühlt sich sichtlich unwohl und macht umgehend klar, dass sie nicht viel sagen kann: Sie habe die Familie nicht gekannt. Weil die Reporterin nicht locker lässt, fällt der Nachbarin irgendwann ein, dass der Sohn eher "braun" im Gesicht sei, also vielleicht "ein Afrikaner". Und die Mutter? Die habe eher "asiatisch" ausgeschaut. Die Reporterin: "War sie Afrikanerin oder Asiatin?" Die Nachbarin weiß es nicht. Zurück ins Studio! Live!

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