Präsident Pröll war zwar nie Kicker, allerdings einmal zweiter Vizepräsident der Wiener Austria, und sagt über sich: „Ich bin ein Teamplayer, und People-Management liegt mir im Blut.“ Auch wenn er die Funktion nicht aktiv anstrebte – was er auch von all seinen politischen Ämtern behauptete –, darf man sich Pröll als glücklichen Mann vorstellen. Er ist der erste ÖFB-Präsident seit Beppo Mauhart im Jahr 1998, der die Nationalmannschaft zu einer Weltmeisterschaft verabschiedete. Pröll tat das bei strahlendem Sonnenschein am 4. Juni am Flughafen Wien-Schwechat. Die aktuelle politische Führung war mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Sportminister Andreas Babler, SPÖ, höchstrangig vertreten. „Fußball ist ein Spiel, da gibt es mal Glück, mal Unglück. Tragen Sie es mit Fassung, tragen Sie es mit Freude, die wir mit Ihnen teilen, wenn es klappt“, gab das Staatsoberhaupt dem Team mit auf die Reise.
Besuch vom Kanzler
Heimsuchen wird der Bundespräsident die Spieler um Kapitän David Alaba in den USA nicht. Das erledigen Christian Stocker und Andreas Bab-ler. Der Sportminister wird das erste Spiel des Nationalteams gegen Jordanien am 16. Juni (Ortszeit) in Santa Clara besuchen, der Kanzler das zweite Match gegen Argentinien am 22. Juni in Dallas – jede Wette, dass beide rot-weiß-rote Fanschals um den Hals tragen werden.
Vom Bundespräsidenten abwärts beehren Spitzenpolitiker gern die Länderspiele der Nationalmannschaft. Nirgendwo sonst kann man – so TV-Kameras die VIP-Tribüne einblenden – so leicht Volksverbundenheit und Patriotismus zeigen. Die engste, weil finanzielle Bindung zum Team hat wohl Landeshauptmann Hans Peter Doskozil, denn das Burgenland ist seit Langem ein Sponsor-Partner des ÖFB. Ohne die öffentliche Hand wäre der Profifußball – auch in Österreich die wichtigste Nebensache der Welt – nicht möglich. Private Sponsoren reichen nicht.
Sponsoring der Energiekonzerne
Die direkte Förderung durch eine Gebietskörperschaft ist dabei die Ausnahme. Finanziert werden die Vereine – via Sponsoren- und Werbeverträge – über Unternehmen in Staats-, Landes- oder Stadteigentum. Vor allem die Energieversorger müssen ableisten, wohl aus ihren „Übergewinnen“, die auch der Finanzminister gern anzapft: Die Wien Energie ist Hauptsponsor von Rapid, offiziell aus Marketing- und Imagegründen, inoffiziell auf Vorgabe des Rathauses. Zum Ausgleich sponsert die städtische Wien Holding den Lokalrivalen Austria, die zusätzlich vom Verbund finanziert wird – was im Vorstand des teilstaatlichen Unternehmens bisweilen hinterfragt werden soll.
Energie Graz und Energie Steiermark sponsern Sturm Graz, Linz AG und Energie AG den LASK. Ein Fan des Doublegewinners (Meisterschaft und Cup) ist ÖVP-Landeshauptmann Thomas Stelzer, der bei der Meisterfeier von der Bühne aus den Fans von Schwarz-Weiß (aber nicht unbedingt von Schwarz) zujubelte. Ohne den finanziellen Einsatz Oberösterreichs wäre der Erfolg des Klubs nicht denkbar. Neben den Energieversorgern unterstützen auch das Land, die OÖ-Wirtschaftsagentur und sogar der Flughafen Linz den LASK. Nach einer Berechnung des Fußballmagazins „ballesterer“ auf Basis der Transparenzdatenbank der KommAustria erhielt der LASK 2024 insgesamt 4,6 Millionen Euro aus öffentlichen oder quasi-öffentlichen Mitteln, mehr als jeder andere Bundesligaverein. Kein Wunder, dass die Spieler neben dem Vereinsabzeichen auch das Wappen des Landes Oberösterreich auf ihren schwarz-weiß gestreiften Trikots tragen.
Doppelpräsidenten
In den Führungsgremien des LASK ist die Spitzenpolitik nicht vertreten, im Gegensatz zu den Wiener Traditionsvereinen. Wolfgang Katzian, SPÖ, ist ein Doppelpräsident. Seit 2018 steht er an der Spitze des ÖGB. Davor diente er 13 Jahre lang als Vorsitzender der Gewerkschaft der Privatangestellten – und acht Jahre lang als Präsident von Austria Wien. Bei Interviews mit Katzian war nicht zu übersehen, dass auf dessen Schreibtisch die violette Mappe ganz oben auf dem Stapel lag. Anton Benya, Nationalratspräsident und einer von Katzians Vorgängern an der Spitze des ÖGB, teilte mit diesem zwar die Partei-, aber nicht die Klubfarbe. Benya war Präsident von Rapid, der frühere SPÖ-Finanzminister Rudolf Edlinger ebenso.
Auch im 40-köpfigen Rapid-Beirat (früher: Kuratorium) saßen oder sitzen SPÖ-Politiker wie Renate Anderl (AK-Präsidentin), Jürgen Czernohorszky (Wiener Stadtrat), Andreas Schieder (EU-Abgeordneter) und Renate Brauner (Ex-Vizebürgermeisterin Wien). Die langjährige Wiener SPÖ-Stadtpolitikerin Nurten Yılmaz ist derzeit Präsidiumsmitglied. Es ist daher nicht ganz falsch, wenn man Rapid als Werksmannschaft der Wiener SPÖ bezeichnet.
Prominente Politiker fanden oder finden sich auch im Kuratorium der Wiener Austria: Christian Kern (Bundeskanzler, SPÖ), Peter Hanke (Verkehrsminister, SPÖ), Hans Niessl (Ex-Landeshauptmann Burgenland, SPÖ), Karl Blecha (Ex-Innenminister, SPÖ), Manfred Juraczka (ehemaliger ÖVP-Wien-Obmann), Barbara Teiber (Vorsitzende der Gewerkschaft der Privatangestellten), Michael Häupl (Ex-Bürgermeister Wien, SPÖ). Wolfgang Katzian ist als derzeitiger Vorsitzender des Kuratoriums weiterhin Austria-Funktionär.
Karlheinz Kopf ist derzeit Präsident der Vorarlberger Wirtschaftskammer und war ÖVP-Abgeordneter, Klubobmann, Zweiter Präsident des Nationalrates, Generalsekretär der Bundes-Wirtschaftskammer und jahrelang Präsident des Bundesligavereins SCR Altach sowie des Vorarlberger Fußballverbandes. Er sieht Parallelen zwischen Politikern und Spitzenfunktionären: „In einem großen nationalen Sportverband müssen neun Bundesländer koordiniert werden. Es geht um Finanzierungen in Millionenhöhe, um Kommunikation mit der Öffentlichkeit und um internationale Kontakte. Das lässt sich mit politischen Spitzenfunktionen durchaus vergleichen.“
Apolitische Fußballstars
Dank der Kontakte zur Politik dürfen die traditionsreichen, aber finanziell armen Wiener Klubs jederzeit mit städtischer Hilfe rechnen. Die Austria schrammte in den vergangenen Jahren knapp am Verlust der Bundesliga-Lizenz vorbei. 2025 entlastete die Stadt Wien den Verein, indem sie ihm das Stadion in Favoriten um 39 Millionen Euro abkaufte und postwendend um eine jährliche Miete in Höhe von 1,4 Millionen Euro verpachtete. Rapid kann auch nicht klagen. Zum Neubau des Stadions 2014 – nicht am Stadtrand, sondern an gleicher Stelle in Hütteldorf – steuerte die Stadt Wien 26,4 Millionen Euro bei.
So eng die Beziehung von Politik und Fußball ist, so apolitisch geben sich die Fußballstars. Bekenntnisse zu einer Partei gelten als garstig und würden zur sofortigen gelben Karte durch die Klubführung führen. Die Politik soll sich im VIP-Bereich eines Stadions abspielen, nicht auf dem Rasen.
Manche politischen Bräuche sind im Fußball mittlerweile obsolet. Früher durften anwesende Landeshauptleute zu Beginn eines Fußballspiels einen Ehrenanstoß ausführen. Heutzutage werden sie vom Stadionsprecher nicht einmal mehr begrüßt.