Ganztags-Kindergartenplatz: Was sich ab Herbst in Wien ändern soll
Sofern man berufstätig ist, kann man sich eigentlich als Wienerin und Wiener darauf verlassen, dass man für sein Kind im städtischen Kindergarten einen Ganztags-Kindergartenplatz bekommt. Genauso kann man sich aber auch darauf verlassen, dass man diesen Platz wieder verliert, wenn man von heute auf morgen arbeitslos wird oder mit dem nächsten Kind in Elternkarenz geht.
Das Kind ist dann spätestens um 12.30 Uhr abzuholen. Egal, ob es erhöhten Förderbedarf hat, völlig unabhängig davon, dass daheim auch noch ein Säugling versorgt werden muss – in den meisten Fällen von der Mutter.
Wer mit betroffenen Familien spricht, deren Kinder auf eine Halbtagsbetreuung zurückgestutzt wurden, erzählen mitunter von einem stressigen Alltag, in dem es sie zwischen Baby, Haushalt und Abholen zerreißt.
Ebenso ärgern sich Mütter und Väter über die Art und Weise, wie sie zuweilen in den Standorten oder von der zuständigen Magistratsabteilung 10 abgeschasselt werden: Man sei ja „eh zuhause“, würde es dann manchmal heißen; oder es würde einem erklärt werden, dass es ja auch Mütter mit drei oder vier Kindern daheim gäbe, „die es auch schaffen“ würden.
Keine Daten
Wie viele Kinder aufgrund von Karenzen oder Jobverlust der Eltern in städtischen Kindergärten ihren Ganztagsplatz verlieren, wisse man nicht, heißt es aus dem Büro der zuständigen Wiener Vizebürgermeisterin Bettina Emmeling (Neos).
„Es gibt keine zentrale Erfassung der Gründe bei einer Stundenreduzierung, daher ist eine statistische Auswertung nicht möglich.“ Trotz fehlender Zahlen ist das Problem länger bekannt und Gegenstand für wiederkehrende Kritik der Oppositionsparteien.
In den vergangenen Wochen brachten sowohl Grüne als auch die ÖVP das Thema im Wiener Gemeinderat aufs Tapet. Eine Änderung der derzeitigen Praxis sei sowohl aus feministischen genauso wie aus bildungspolitischen Gründen unbedingt notwendig.
Das Begehr der Opposition stößt bei Vizebürgermeisterin Emmerling auf offene Ohren. Nicht nur sie selbst sieht die Notwendigkeit, die rot-pinke Stadtregierung gelobte gar in ihrem Regierungsübereinkommen vom Vorjahr Besserung: „Einmal gewährte ganztägige Kindergartenplätze werden in Zukunft bis zum Ende der Kindergartenpflicht gelten,“ heißt es darin. Dennoch ist bisher nichts passiert. Vor allem die angespannte Personalsituation sei der Grund für die Verzögerungen.
Eklatanter Personalmangel
Ab kommendem Herbst soll sich diese Praxis verändern. Es werde „an einer raschen Änderung für das kommende Kindergartenjahr gearbeitet,“ so Emmerling auf profil-Nachfrage.
Doch wie genau das gehen soll ist die große Frage. Schon jetzt suchen Kindergärten (nicht nur in Wien) händeringend nach Arbeitskräften. Alleine in Wien, und alleine im Bereich der städtischen Kindergärten, werden laut Stadt Wien aktuell 560 Elementarpädagogen gesucht. Dabei wird von den Gemeindekindergärten gerade einmal ein Drittel der Wiener Kindergartenkinder betreut – die Mehrheit ist in privaten Einrichtungen.
Mit 94 Prozent Betreuungsquote ist Wien im Vergleich zu anderen Bundesländern zwar Spitzenreiter. Auch um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist es laut Statistik Austria in Wien deutlich besser bestellt als in anderen Bundesländern. Vielfach jedoch ist das Wiener Kindergartenwesen auch massiv in Kritik, vor allem die privaten Kindergartenträger, die mit öffentlichen Geldern finanziert werden, sind immer wieder im Zentrum haarsträubender Förderskandale. Auch, weil die Stadt Wien nicht hinterherkommt, sie alle lückenlos zu kontrollieren – und das auch aufgrund des eklatanten Personalmangels.
Wiener Kindergartenreform
Die Zahl der privaten Kindergartenplätze in Wien sind vor allem seit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahrs vor 15 Jahren in die Höhe geschossen. Ein zweites verpflichtendes Jahr im Kindergarten will die aktuelle Bundesregierung ab kommendem Jahr einführen – was die Personalsituation nochmals anheizen wird.
Ebenso, wie die Pläne der Vizebürgermeisterin Emmerling, die kürzlich eine Reform des Kindergartenwesens in Aussicht gestellt hat: Nicht nur soll in Zukunft der Anteil einer Fremdsprache im Kindergarten nicht mehr als ein Fünftel betragen; ab 2028 sollen auch die Gruppengrößen von bisher 25 um drei Kinder reduzieren werden.
Das Büro der Vizebürgermeisterin hofft, dass genau diese Maßnahmen zur Attraktivierung des Berufs beitragen werden. „Die rot-pinke Stadtregierung hatte sechs Jahre Zeit die Rahmenbedingungen zu verändern,“ sagt Julia Malle, Bildungssprecherin der Wiener Grünen. „Die Vorhaben sind prinzipiell zu begrüßen, aber sie sind wenig ambitioniert und kommen viel zu spät, sofern es nicht ohnehin einmal mehr bei reiner Ankündigung bleibt.“