Geschwistern aus Nigeria droht Abschiebung: „Leute wollen uns hier haben“
Der 22-jährige Joseph und seine 24-jährige Schwester Victoria sitzen vergangenen Mittwoch gerade in ihrer Wohnung in der Tiroler Stadt Wattens, als Polizeibeamte vor ihrer Wohnungstüre stehen und sie mitnehmen. Den beiden droht die Abschiebung nach Nigeria. Vor über acht Jahren sind sie – damals 13 und 15 Jahre alt – als unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zuerst nach Wien, danach nach Innsbruck gekommen. Um endgültig in Österreich bleiben zu können, haben sie dreimal Asyl beantragt – der erste Antrag wurde 2019 abgelehnt.
Den letzten negativen Bescheid bekamen die beiden im März diesen Jahres, kurz danach kam der Abschiebeversuch vergangenen Mittwoch. „Als ich die Polizei gesehen habe, war mir schwindelig, ich konnte mich nicht mehr bewegen“, erzählt der 22-Jährige Joseph gegenüber profil. Man brachte sie in Schubhaft – zuerst in Tirol, anschließend in Wien. Kurz vor der geplanten Ausreise wurden die Geschwister allerdings doch entlassen und konnten vorübergehend zurück nach Tirol. Grund dafür war, dass sich die nigerianische Botschaft geweigert hat, die Einreisepapiere für das afrikanische Land zu unterzeichnen. „Wir wurden über nichts, was passiert ist, aufgeklärt“, so Joseph: „Ich habe die Beamten mehrmals gefragt, wo meine Schwester ist. Sie haben mir nur gesagt, dass es ihr gut gehe – nicht, wo sie ist.“
Als nigerianischer Staatsbürger in Österreich einen positiven Asylbescheid zu bekommen, ist eher unwahrscheinlich, das beweisen die Zahlen: 2025 bekamen insgesamt 30 Nigerianer in Österreich einen positiven Asylbescheid, 132 einen negativen. Aufgrund der ehrgeizigen Integration des Geschwisterpaars hoffte man trotzdem auf einen positiven Asylbescheid.
Lebensmittelpunkt in Tirol
Beide machen derzeit eine Ausbildung in Tirol, nachdem sie am Akademischen Gymnasium in Innsbruck maturiert haben – Joseph studiert am MCI (Management Center Innsbruck) Betriebswirtschaftslehre, seine Schwester Victoria macht eine Ausbildung im IT-Bereich. Sie sprechen fließend Deutsch, im Tiroler Dialekt. Schließlich haben sie ihren Lebensmittelpunkt im Westen. „Ich baue mir gerade eine Zukunft in Tirol auf“, meint Joseph. Die Geschwister haben außerdem neben Studium und Ausbildung gearbeitet. Doch auch ihre Jobs sind in Gefahr, denn ohne Aufenthaltsgenehmigung bekommen sie keine Arbeitserlaubnis.
Ihre Eltern haben sie seit ihrer Flucht nicht mehr gesehen, Ankerpunkte, wie Freunde oder Kollegen, haben sie in Nigeria keine mehr. „Ich habe nicht verstanden, warum uns das passiert ist. Insbesondere, als wir in die Haftanstalt gebracht wurden, obwohl wir ja nichts Böses getan haben“, erzählt der 22-Jährige profil.
Ich habe nicht verstanden, warum uns das passiert ist. Insbesondere, als wir in die Haftanstalt gebracht wurden, obwohl wir ja nichts Böses getan haben.
Dazu kommt: Joseph und Victoria sind gläubige Christen, sie engagieren sich in Tirol in einer Freikirche und haben Angst davor, in Nigeria aufgrund ihrer Religion verfolgt zu werden. In jüngster Vergangenheit kam es immer wieder zu Angriffen auf gläubige Christen. Im November 2025 wurden insgesamt 303 Schülerinnen und zwölf Lehrkräfte eines katholischen Internats entführt.
Welle an Solidarität
Seit die drohende Abschiebung publik wurde, erleben die Geschwister eine Welle an Solidarität – von unterschiedlichen Seiten. Eine Online-Petition wurde gestartet, in der gegen eine Abschiebung der beiden angekämpft wird – es wurden bereits über 22.000 Unterschriften gesammelt. Josephs Studienkollegen vom MCI, die Österreichische Hochschülerinnenschaft, der Präsident des Roten Kreuzes Tirol und mehrere Tiroler Fußballvereine sprechen sich öffentlich für ein Bleiberecht der Geschwister aus. Am 10. April soll eine Kundgebung vor dem Innenministerium in Wien stattfinden, am 11. April wird in Innsbruck für Joseph und Victoria demonstriert. „Wir hatten zuerst Angst, dass es zu negativen Kommentaren kommen würde, aber bisher waren die Reaktionen überaus positiv“, meint Joseph. Für die vielen Unterschriften und die Solidarität ist er sehr dankbar: „Das zeigt, dass wir hier willkommen sind. Wir sind es eigentlich gewohnt, dass uns die Leute hier haben wollen.“
Selbst auf politischer Seite versucht man sich für die Geschwister einzusetzen. SPÖ-Frauen- und Wissenschaftsministerin Eva-Maria Holzleitner meinte in einem Statement, dass „vorbildhafte Integration nicht bestraft werden dürfte“ und fordert eine Prüfung der rechtlichen Möglichkeiten. Auch Landeshauptmann-Stellvertreter Philip Wohlgemuth (SPÖ) stimmt ihr zu: „Die Heimat Josephs und Victorias ist längst hier in Tirol.“ Ungewöhnlich: Selbst FPÖ-Landesparteichef Markus Abwerzger hofft, dass die Geschwister beispielsweise über das humanitäre Bleiberecht in Österreich bleiben können.
Humanitäres Bleiberecht als Option
Das humanitäre Bleiberecht ist ein befristeter Aufenthaltstitel in Österreich für Asylwerber mit negativem Bescheid und kann dann gewährt werden, wenn eine Abschiebung das Recht auf Privat- und Familienleben negativ beeinflussen würde. Voraussetzung sind eine lange Aufenthaltsdauer und tiefe Integration (Arbeit, Ausbildung, Beherrschung der Sprache) – diese Kriterien würden sowohl Joseph, als auch Victoria Oshakuade erfüllen. Das humanitäre Bleiberecht wird allerdings nur als Ausnahme im Einzelfall geprüft und erteilt.
Ob der politische Druck Wirkung zeigt? profil fragte beim Innenministerium nach. Das BMI hält weiterhin an der Abschiebung fest und sprach über beide wegen „beharrlicher Ausreiseverweigerung“ ein zweijähriges Einreiseverbot in die EU aus.
Theoretisch könnte die Fremdenpolizei also jederzeit wieder an Josephs und Victorias Tür klopfen und versuchen, sie außer Landes zu bringen. Was macht das mit den jungen Erwachsenen? „Ich versuche gerade so gut wie möglich weiterzuleben und mich von dem Gedanken nicht zerfressen zu lassen“, so Joseph. Aktuell hat der 22-Jährige wegen der Osterferien keine Vorlesungen auf der Uni – er hofft, auch danach keine Lehrveranstaltungen mehr zu verpassen: „Wir haben nämlich Präsenzpflicht.“