Trotz Terror des iranischen Regimes: Künstler droht Abschiebung
Ein Tag im April 2023. Omid M. und seine Freunde sprühen in Teheran Graffitis. Sie wollen sich auf den Rückweg machen, die Polizei hält sie auf. Seinen Freunden gelingt es abzuhauen, Omid wird mitgenommen. Daraufhin verbringt er fünf Tage in einer Art Kellergefängnis, erzählt er. Seine Mutter kann ihn freikaufen. Den Iran wollte Omid nach seiner Verhaftung nicht verlassen, erzählt er. Zu groß war die Wut auf das Regime, er wollte sich lieber am Widerstand beteiligen. Nur seine Familie, allen voran seine Mama, überzeugte ihn, dass er besser gehen sollte.
Eigentlich wollte Omid M. in Österreich Kunst studieren. Er bewarb sich für ein Schülervisum an der Kunstschule Wien. Die Schule bietet Vorkurse für Menschen an, die Kunst im Diplom studieren wollen. Verlassen hat er den Iran dann, weil die Behörden seine politischen Graffitis als Aktivismus sahen.
Nur wird Protest jeder Art im Iran bestraft. Bei den Massenprotesten im Jänner gab es laut Angaben des US-Magazins „TIME“ 30.000 Tote. Laut Berichten und Videos wurde mit Munition in die Menge der Protestierenden geschossen.
Dass Omid wegen seinen Graffitis im Iran Probleme mit den Behörden hatte, wird ihm in Österreich nicht geglaubt, deshalb droht ihm nun hier die Abschiebung.
Lebensnah?
Omid stellte im Juni 2023 einen Asylantrag, den Visaantrag als Kunstschüler schloss er nicht ab. Sein Antrag auf Asyl wird im März 2024 von den österreichischen Behörden abgelehnt, weil sie seine Aussagen für widersprüchlich halten. In der Entscheidung steht zu lesen, dass Omid angab, am 26. April 2023 inhaftiert worden zu sein, aber auch das Datum 23. April 2023 nennt. Er legt gegen den Bescheid Beschwerde ein, sie wird im November 2025 abgewiesen, eine Revision ist nicht zulässig. Dass Omid als Graffiti-Künstler überhaupt im Iran bestraft werden könnte, wird als nicht glaubwürdig angesehen.
Im Akt heißt es: „Dass der Beschwerdeführer wegen Sprayen von Graffiti mitgenommen und fünf Tage angehalten, [...] sowie gefoltert worden sei, ist daher in Gesamtschau seiner Aussagen und seines Aussageverhaltens, zumal seine Angaben widersprüchlich, nicht stringent, unplausibel und gesteigert waren, nicht glaubhaft.“
Hier beginnt Omids Dilemma: Die Asylbehörden glauben dem 32-Jährigen seine Geschichte nicht. Er hat keine Fotos und Belege für seine Graffitis, andererseits erwähnte er die Details seiner Folter im Iran bei der ersten Befragung in Österreich nicht.
Er gab bei seiner zweiten Befragung mehr Details zur der Gewalt an, die die iranischen Sicherheitskräfte ihm gegenüber anwandten. Die Gewalt, die er erfuhr, grenzt laut eigenen Angaben an Folter. Derartige Übergriffe werden von NGOs weltweit bestätigt und dokumentiert. Trotz Schmerzen suchte er damals keinen Arzt auf, zu groß war die Angst vor Konsequenzen bei den Behörden.
In der Kellerzelle wurde ihm gesagt, dass er erhängt werden soll. Dazu kam es nicht, seine Mutter kaufte ihn mit dem Geld, das sie für seine Ausbildung gespart hatte, frei. Wie ein Tier sei er aus der Haft zurückgekommen, er wollte es dem Regime heimzahlen. Nur seine Familie sagte ihm, er solle seinem Plan folgen und nach Österreich studieren gehen. Gegenüber profil bestätigte die Kunstschule Wien, dass Omid sich bei ihr beworben habe, um einen Visumantrag zu stellen.
Nachdem er das Land verlassen hatte, wurde seine Familie immer wieder von Passanten darauf angesprochen, wo er denn sei und dass man wisse, was er getan habe. Auch deshalb denkt er, dass es nicht sicher für ihn wäre, wenn er wieder in den Iran zurückkehren würde.
Sein Gesuch auf Asyl wurde im November in zweiter Instanz abgelehnt. Vor dem Verfassungs- oder Verwaltungsgerichtshof legte er keine Beschwerde ein.
Fragliche Kooperation mit dem Regime
Wann Omid abgeschoben wird, ist unklar, aus dem Innenministerium (BMI) heißt es, dass die Zulässigkeit einer Auslandsbringung in jedem einzelnen Fall umfassend beurteilt werden muss, und auch eventuell drohende Gefahren im Falle einer Rückkehr berücksichtigt werden müssen.
80 iranische Staatsbürger reisten 2025 freiwillig aus Österreich aus, 25 Personen wurden auf Grundlage der Dublin-III-Verordnung in andere Mitgliedsstaaten überstellt, vier Personen wurden abgeschoben, so das BMI gegenüber profil. Die Statistik erfasse die Personen allerdings nach Nationalität, nicht nach Zielland der Abschiebung.
Österreich kann aktuell nicht in den Iran abschieben, so Lukas Gahleitner-Gertz von der asylkoordination Österreich. Vorgelagert sei aber, dass nur Personen, denen eine Ausreiseverpflichtung auferlegt wurde und die dieser nicht nachkommen, überhaupt abgeschoben werden können. Bereits in der Vergangenheit habe es dazu keine nennenswerten Zahlen zu Iraner:innen gegeben. „Und selbst bei den wenigen, die es in der Vergangenheit gab und noch immer in Österreich sind, muss auf Grundlage der Länderberichte davon ausgegangen werden, dass die jüngsten Ereignisse zu einer geänderten Bewertung führen wird“, so Gahleitner-Gertz.
Omids Fall kann er nicht beurteilen. Dass der geschilderte Übergriff pauschal als unrealistisch abgetan wird, empfindet der Experte als nicht lebensnah. Für Opfer von sexualisierter Gewalt sei es oft mit Scham behaftet, überhaupt über derartige Gewalt zu sprechen, dazu brauche es häufig erst den Aufbau eines Vertrauensverhältnisses.
Das Innenministerium hat seine Länderbeurteilung zum Iran zuletzt im Jänner 2026 aktualisiert. Hier wird auch die aktuelle Protestwelle in Betracht gezogen, inklusive der Gewalt des Regimes gegen die Bevölkerung.
Unklare Zukunft
Seit drei Jahren ist Omid nun in Österreich. Er arbeitete in einem Café in Wien, so lange er durfte, er spricht Deutsch und hat bereits zu lernen begonnen, als er den Iran verlassen hat.
Nicht nur wegen seines eigenen Schicksals macht ihn die aktuelle Lage im Iran nervös, erzählt Omid. Er habe kurz mit seiner Mutter telefoniert, seit dem Beginn der Proteste im Land. Er greift sich an den Kopf, während er das erzählt, seine Mutter hätte ihn nicht anrufen sollen, findet er, das bringe sie in Gefahr. Ein Freund, mit dem er gesprayt hat, wurde bei den jüngsten Protesten angeschossen, er ist im Krankenhaus, ob er lebt oder nicht, das weiß er nicht.
Dass die USA im Iran intervenieren ist für Omid der einzige Weg, den er aktuell für Freiheit in seinem Herkunftsland sieht. „Wir können die Revolution nicht alleine machen.“ Auch eine Rückkehr des Sohns des ehemaligen iranischen Schahs, Reza Pahlavi, würde er begrüßen, denn sonst gäbe es niemanden, auf den man sich einigen könne, oder der die Unterstützung der USA habe.
Aktuell rechnet Omid damit, jederzeit abgeschoben zu werden. Weil die iranischen Sicherheitsbehörden den Flughafen kontrollieren, ist er sich sicher, dass er dort sofort ins Gefängnis kommen wird. „Vor ein paar Monaten wäre ich vielleicht noch irgendwie davon gekommen, aber ich glaube aktuell gibt es keine Chance.“