1450 im Test: Kann diese Gesundheitshotline das Gesundheitssystem retten?
„1450, die telefonische Gesundheitsberatung. Was kann ich für sie tun?“ – „Sind Sie Ärztin?“ – „Ich bin diplomierte Krankenschwester. Wie kann ich Ihnen helfen?“ – „Ich bin adipös, habe Brustschmerzen und angeschwollene Knöchel.“ – „Wegen der Hitze?“ – „Die Hitze ist eine Katastrophe. Ich bin am Wochenende viel gelegen.“ – „Spüren Sie jetzt Schmerzen in ihrer Brust?“ – „Ich bin nur schlapp.“ – „Haben Sie das Gefühl, ohnmächtig zu werden?“ – Nein, ich bin nur extrem müde.“
Es ist Montag, 11.13 Uhr, in der niederösterreichischen Notrufzentrale in St. Pölten. Raphaela Jäger ist seit 6 Uhr im Dienst und nimmt ihren 18. Anruf entgegen. In der Leitung ist eine Frau, die 1450 in der Arbeit gewählt hat. Vom Call-Center aus wurde sie in die Abteilung durchgestellt, in der 40 diplomierte Pflegepersonen wie Jäger arbeiten. Hier nennt man sie „Emergency Care Nurses“. Je nach Tageszeit sind eine bis neun Kolleginnen und Kollegen gleichzeitig im Einsatz – in der Zentrale oder im Homeoffice. Am meisten ist in der Früh und am frühen Abend los.
„Haben Sie weitere Vorerkrankungen?“ Die Anruferin leidet an einer Fettleber.
Jäger stellt Ja-Nein-Fragen entlang eines Leitfadens, der weltweit in Rettungsstellen zum Einsatz kommt. So ist sie rechtlich abgesichert, wenn sie beispielsweise einen Herzinfarkt ausschließt. Je nach Antwort werden die Fragen immer individueller. Die Anruferin ist mitteilungsbedürft. Jäger erfährt, dass sie alleinstehend ist, sich im Leben gerade eher „durchwurstelt“ und auf Homöopathie vertraut.
Nach ein paar Minuten ist der Punkt erreicht: Sie soll zum Arzt. Ihr Kardiologe sei nicht erreichbar. Jäger sucht ihr einen Hausarzt in der Umgebung raus. „Rufen Sie gleich an. Baldige Besserung.“
profil hört mit
Redakteur Clemens Neuhold durfte live bei Beratungen mithören.
Hilfe zur Selbsthilfe – im Idealfall
Jäger ist seit vier Jahren eine der Expertinnen hinter 1450. Sie hat zwei Kinder und arbeitet 25 Stunden pro Woche. Davor war sie Langzeitpflegerin. Die körperlich schweren Nachtdienste im Spital hat sie gegen Headset und Gesundheitssessel eingetauscht.
Stürze, Erbrechen, Übelkeit, Bluthochdruck, Ohrenbeschwerden vom Schwimmen: Jäger empfiehlt passende Hausärzte, Fachärzte oder – wenn nicht anders möglich – Spitalsambulanzen. Sie kann aber auch selbst helfen. Beispiel: Eine Mutter ist unsicher, wie sie einen Zeck beim Kind entfernen soll. Sie bekommt per SMS einen Code für die Video-Schaltung übers Smartphone. Und Jäger assistiert beim Zecken-Ziehen.
Menschen, denen über 1450 geholfen wird, sich selbst zu helfen: Das ist der Idealfall. Weil es keine weiteren Kosten in einem System verursacht, dem das Geld ausgeht.
Die Gesundheitshotline 1450 soll künftig „bundesweit als erste Anlaufstelle für Patient:innen dienen“. So steht es in den Gesundheitsreformplänen der Bundesregierung, die im Rahmen der Reformpartnerschaft vergangenen Dienstag präsentiert wurden. Die Nummer soll Menschen dorthin steuern, wo sie hingehören. Und das ist oft nicht ein Spital, das überfüllt ist und den Steuerzahler am meisten kostet.
Link zum Video-Doktor
Was kann die Hotline 1450 heute schon? Wer landet dort? Und was muss sie künftig können, damit die Massen sie wählen? „Gesundheitsberatung Wien, Sie sprechen mit einer diplomierten Pflegeperson.“ – „Seit Freitag ist mein Knöchel rot“, sagt ein Mann mit gedämpfter Stimme. - „Haben Sie Atembeschwerden?“, „Brustschmerzen?“, „Herzstechen?“
Wie ihre niederösterreichische Kollegin stellt auch Elisabeth Maikits zuerst die obligatorischen Notfallfragen. Sie wechselte vor sechs Jahren von der Pflegestation zu 1450 und telefoniert seither Vollzeit.
Wie sich herausstellt, nimmt der Anrufer aus Simmering Antidepressiva und das Drogen-Ersatzmittel Substitol. Er geht davon aus, auch an Diabetes zu leiden, weil er in der Früh oft „ein komisches Gefühl“ habe und „orientierungslos durch die Wohnung“ gehe.
Der Fragepfad auf Maikits Computer passt sich entsprechend an. Maikits empfiehlt, heute noch zur Hausärztin zu gehen. Er ist unsicher, ob er dort einen Termin bekommt. Deswegen legt sie ihm eine „telemedizinische Videoberatung“ an. „Das wäre super“, nimmt der Mann dankend an. Er müsse vorher noch eine passende SIM-Karte suchen und will sich wieder melden.
„Telemedizin wird gerne angenommen“, sagt Maikits, selbst von Menschen über 80, weil es den Weg zum Arzt erspart.
Eine Nummer, neun Ausgänge
Freigeschaltet wurde die Gesundheitshotline 1450 am Weltgesundheitstag 2017 – als Pilotprojekt in Wien, Niederösterreich und Vorarlberg. Doch die Leitung blieb lange kalt. Dann kam Corona und 1450 wurde zur Pandemie-Hotline. Symptome abklären, Impftermine ausmachen: Das Anrufaufkommen explodierte – in Wien von durchschnittlich 167 Anrufen pro Tag auf 1000, dann 10.000 und am stärksten Tag auf 67.000.
Nach dem Ende der Pandemie wurde es wieder ruhig auf 1450, die Personalzahl schrumpfte. Die Nutzung der Nummer blieb den Bundesländern überlassen. In Oberösterreich und Salzburg ist sie ans Rote Kreuz angebunden, in Tirol wie in Niederösterreich an die Notruf-Leitstelle, in Wien betreibt sie der Fonds Soziales Wien.
Kärnten und Burgenland ließen sich von Niederösterreich mitbetreuen, was St. Pölten locker bewältigen konnte. Das Burgenland hielt wenig von so viel föderaler Arbeitsteilung und holte die Nummer nach Eisenstadt.
Niederösterreich bertreut Kärnten mit
„1450, die telefonische Gesundheitsberatung, was kann ich für sie tun?“ – „Ich habe Drehschwindel. Ich konnte nur auf allen Vieren auf die Toilette.“ Bevor Jäger ihre Notfallfragen stellt, klingelt es. Die Rettung. Ein Kärntner hatte sie bereits gerufen und wollte die Zeit über 1450 überbrücken.
Im Unterschied zu Niederösterreich betreut Wien keine anderen Bundesländer mit, hat 1450 aber mit zusätzlichen Diensten erweitert. So bietet die Hotline mit 150 Mitarbeitern auch ein Geburtsservice für werdende Eltern sowie eine Beratung für Menschen mit Krebsdiagnose an. Auch die Terminbuchung für Spitalsambulanzen läuft über 1450.
Von 420.000 Anrufen im Jahr 2025 entfielen 80 Prozent auf diese Sonderdienste – die es beim Anruf auf 1450 außerhalb von Wien nicht gibt.
Fledermaus-Biss am Hals?
Dafür erhält man über 1450 Niederösterreich Gesundheitsratschläge auch in Sprachen wie Türkisch, Arabisch oder Farsi und zwar über eine Chat-Funktion, die übersetzt. In Wien, wo diese Mehrsprachigkeit noch gefragter wäre, „spricht“ 1450 nur Deutsch. Auch die Videoberatung durch die „Emergency Care Nurses“ funktioniert nur in Niederösterreich.
Wien wiederum kann Telemedizin-Ärzte rund um die Uhr vermitteln. In Niederösterreich steht diese Alternative zum Hausarzt nur in der Nacht oder am Wochenende zur Verfügung.
„Können Sie die Beine bewegen?“
Im zweiten Raum bei 1450 Wien wird eine Mitarbeiterin anhand eines Echtfalls eingeschult. Eine zweite Kollegin analysiert die bisherigen Fälle an diesem Tag. Es gibt nichts, was es nicht gibt: „Mit Fledermaus in Kontakt gekommen, rote Flecken am Hals“, steht im Protokoll über eine 26-jährige Anruferin. An sie erging der Rat, auffällige Symptome zu beobachten und mit einem Arzt abzuklären.
Sonst überwiegen an diesem Hitzetag typische Beschwerden wie Schwindel, Übelkeit oder Sonnenbrand. Beim Sonnenbrand reicht die Empfehlung einer Salbe über die nächstgelegene Apotheke.
Die Anrufe kommen auch über 144 rein. Darauf ist David Reif, Leiter der Gesundheitshotline 1450 im Fonds Soziales Wien (FSW) besonders stolz: „Über 16.000 Anrufe wurden vergangenes Jahr von der Berufsrettung Wien an 1450 Wien übergeben. In drei Viertel der Fälle konnten Rettungseinsätze und Ambulanzbesuche dadurch vermieden werden. Das ist eine spürbare Entlastung für das Gesundheitssystem.“ Auch in Niederösterreich leitete der Notruf 20.000 Personen an 1450 weiter, weil kein Notfall vorlag.
Noch weit entfernt von Massen-Hotline
Wird 1450 zur ersten Anlaufstelle im Gesundheitswesen, wie von der Regierung geplant, müsste die Hotline bald so heiß laufen wie zu Covid-Zeiten. Wie weit man noch davon entfernt ist, zeigen die Zahlen: Pro Jahr gehen 370.000 Anrufe bei der Wiener Berufsrettung ein – wovon 16.000 an 1450 weitergeleitet werden. In Österreich wird die E-Card im Jahr 140 Millionen Mal gesteckt. Auf Wien runtergebrochen wären das rund 40 Millionen Steckungen. Im Vergleich dazu wandten sich im Vorjahr 88.000 Menschen für eine gesundheitliche Ersteinschätzung an 1450 Wien – Tendenz aber deutlich steigend. In Niederösterreich waren es 59.000.
Ein Schlüssel für die Zukunft von 1450 ist die Terminbuchung. In Wien vermittelt die Hotline die Hälfte aller Anrufer an niedergelassene Ärzte. In ausgewählten Primärversorgungseinheiten (PVE) können die Emergency Care Nurses schon jetzt direkt Termine einbuchen. PVE sind Hausarztzentren, mit erweiterten Öffnungszeiten und Gesundheitsdiensten. Die Regierung will sie bis 2040 massiv ausbauen – von aktuell 119 auf 600. Parallel dazu sind auch 75 neue Facharztzentren in ganz Österreich geplant, die Spitalsambulanzen entlasten sollen.
Bekommen Patienten über 1450 direkt einen Termin in allen PVE und Facharztzentrum, wäre das eine Patientensteuerung, die ihren Namen verdient. Einzelordinationen sind derzeit noch kaum an 1450 angebunden.
Auch den Spitalsambulanzen könnte 1450 noch stärker vorgeschalten werden. In Wien müssen sich Patienten mit Überweisung schon jetzt ihren Termin über 1450 holen. Wäre ein Anruf auch ohne Überweisung verpflichtend, könnten wohl viele Patienten umgeleitet werden, damit sie erst gar nicht ins Spital gehen.
1450 ist keine Taxi-Nummer
„Sollte die Gesundheitsreform 1450 künftig stärker als zentrale Steuerungsstelle für Selbsteinweiser vorsehen, wäre das mit einem deutlichen Anstieg der Anrufzahlen verbunden und müsste selbstverständlich mit einem entsprechenden Ausbau der personellen Kapazitäten einhergehen“, sagt dazu der Chef des Notrufs NÖ, Christian Fohringer. Aus der Politik habe noch niemand mit ihm über den versprochenen Ausbau von 1450 gesprochen. So viel zur Ankündigungspolitik der Regierung.
Taxi-Nummer? Kummer-Nummer? Rat auf Draht? Wer Bekannte nach 1450 fragt, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit bei solchen Antworten; und nach einer Nachdenkpause bestenfalls bei „Impfservice“. Damit die Gesundheitshotline populärer und bekannter wird, muss sie noch mehr können und dürfen – von der Terminbuchung bis zum 24/7-Link zur Telemedizin. Und es sollte in allen Bundesländern ein ähnliches Service hinter der Nummer stecken.
Sonst bleibt 1450 ein Auswuchs des Föderalismus und politisch eine Luftnummer.