Woran der neue Wiener Erzbischof Josef Grünwidl glaubt – außer an Gott
Zur Vorbereitung auf seinen großen Tag zog sich Josef Grünwidl zu Exerzitien ins Benediktinerstift Göttweig zurück, wo er mit Altabt Columban Luser den 2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus studierte, um sich für sein neues Amt als Wiener Erzbischof inspirieren zu lassen. Den wichtigsten „Ratschlag“, wie es Grünwidl nennt, fand er in Kapitel 1, Vers 7 des Briefes: „Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Nicht verzagt, aber – wie er zugibt – doch sehr erschrocken war Grünwidl im Juni vergangenen Jahres, als er erfuhr, dass sein Name auf der Liste des Heiligen Stuhls für die Nachfolge von Christoph Schönborn als Wiener Erzbischof stand; und dass er Schönborns Wunschkandidat sei. Bestürzt lehnte er ab. Zu diesem Zeitpunkt leitete Grünwidl als Apostolischer Administrator die Erzdiözese Wien interimistisch. Doch als keiner der österreichischen Bischöfe bereit war, das Amt zu übernehmen, wurde der Druck auf Grünwidl immer stärker. Da half es ihm auch nichts, dass er im ORF-Interview den Zölibat hinterfragte.
Mittwochvormittag trifft Grünwidl in der Barbarakapelle des Stephansdoms mit Journalistinnen und Journalisten zusammen, um über seine bevorstehende Bischofsweihe und seine Einführung in das Amt des Erzbischofs am Samstag zu reden. Am Hauptaltar sind gerade drei Handwerker der Dombauhütte damit beschäftigt, den Bischofsstuhl, die Cathedra, zu montieren, auf dem Grünwidl am Samstag erstmals Platz nehmen wird.
Woran glaubt Wiens neuer Erzbischof – außer an Gottvater, Sohn und Heiligen Geist? Und wie wird er sein Amt anlegen?
Ja und Amen
„Ich habe lang gebraucht, ,ja‘ zu sagen“, bekennt Grünwidl. Nun sehe er seinem Amt „mit Dankbarkeit“ entgegen. Der neue Erzbischof spricht klar, flüssig, priesterlich bildhaft, aber nicht zu salbungsvoll. Er trägt eine randlose Brille, eine kurze schwarze Winterjacke über dem schwarzen Hemd mit Priesterkragen und eine eng geschnittene schwarze Hose. Grünwidl wird der erste Slim-Fit-Erzbischof von Wien sein – und der erste mit Dreitagebart, wie er einem Oberhirten durchaus steht. Am 31. Jänner wird er 63 Jahre alt und ist damit im besten Bischofsalter.
Josef Grünwidl mag es schlicht. Das zeigen auch seine Bischofsinsignien. Der Ring ist nicht aus Gold, sondern aus Silber. Der Bischofsstab ist secondhand: Früher gehörte er dem Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, als dessen Zeremoniär Grünwidl einst diente. Sein Brustkreuz ist aus Metall und eine Kopie des Kreuzes, das Papst Franziskus trug, an dessen Hang zur Schlichtheit sich Grünwidl wohl ein Beispiel nimmt. Wie auch an dessen Einsatz für Arme: Seinen ersten Gottesdienst als Erzbischof wird Grünwidl am Sonntag – an nicht genanntem Ort – mit Armutsbetroffenen feiern.
Wirklich neu ist nur die Mitra, die Bischofsmütze. Eine alte auf seine Kopfgröße umzuschneidern, wäre teurer gewesen. Als Wahlspruch wählte Grünwidl ein Zitat des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“. Auf dem Bischofsstuhl wird dieser auf Lateinisch eingraviert werden: „Melodiam Dei recipite“. Grünwidl, der ausgebildete Orgelspieler, glaubt an die Kraft der Musik – und daraus abgeleitete Allegorien. Eine Orgel habe viele verschiedene Pfeifen, die zusammen eine Harmonie bilden. Und wie eine Orgel benötige auch der Glaube frischen Wind, das sei der Heilige Geist.
Schwierige Journalistenfragen bleiben Grünwidl in der Barbarakapelle nicht erspart. Wird er auch als Bischof den Zölibat thematisieren? Er stehe zu seinen Aussagen, sagt Grünwidl, aber der Zölibat sei eine kircheninterne Frage. Dass Dompfarrer Toni Faber jüngst mit Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“ über seine Beziehung zu Frauen sprach, werde er nicht im Rahmen eines Pressegesprächs kommentieren, sondern im Gespräch mit Faber erörtern. Zudem halte er es für geboten, dass auch Frauen Diakone werden können. Die Kirchenaustritte und die schrumpfende Katholikenschar seien eine „Herausforderung“, aber dank der „biblischen Verheißung“ werde es die Kirche weitergeben. Zudem würden Umfragen zeigen, dass es in der Bevölkerung „eine spirituelle Sehnsucht“ gebe, die aber oft „diffus“ sei.
Am kommenden Mittwoch absolviert der neue Erzbischof seinen Antrittsbesuch bei Bundeskanzler Christian Stocker. Zu tagespolitischen Fragen will sich Grünwidl nicht äußern, aber zu großen Themen wie Migration und Armut – und das wohl ohne Verzagtheit.