Energie und Schönbrunn
Hattmannsdorfer hat einen großen Zuständigkeitsbereich. Er trägt die Verantwortung für die Wirtschaftspolitik, die Energieagenden, den Tourismus, das Gewerbe, die Industriestrategie, die Außenwirtschaft, die staatliche Beteiligungsholding ÖBAG, Schloss und Tiergarten Schönbrunn.
Zu seinen vordringlichen Aufgaben als Minister – Wirtschaft ist bekanntlich Psychologie – zählt Hattmannsdorfer auch das flächendeckende Verbreiten von guter Laune. Kein anderes Regierungsmitglied wäre als Animator geeigneter. Hattmannsdorfer versprüht Skilehrer-Charme mit Strahler-Lächeln, perfekt gegeltem blonden Haar, und auch sein oberösterreichischer Akzent verströmt einen Gute-Laune-Sound, vor allem im Vergleich zum Wiener Dialekt.
In den vergangenen Wochen war der 46-Jährige medial allgegenwärtig. Sein Ministerium erarbeitete die Senkung der Elektrizitätsabgabe und das Günstiger-Strom-Gesetz, das der Nationalrat vor Weihnachten beschlossen hat. Ursprünglich sollte das Gesetz ja „Elektrizitätswirtschaftsgesetz“ heißen, aber Neos-Klubobmann Yannick Shetty, ein Mann mit Gespür für politisches Marketing, sprach stets vom „Billigstromgesetz“. Hattmannsdorfer wollte dem offenbar nicht nachstehen und schuf mit dem „Günstiger-Strom-Gesetz“ sogar ein legistisch-offizielles Branding.
Von Politkommunikation versteht der Wirtschaftsminister viel, in Washington absolvierte er 2007 einen Uni-Kurs für politisches Marketing. Nach diversen Jobs in der Volkspartei Oberösterreich diente er von 2013 bis 2021 als Landesgeschäftsführer. Seine Hauptaufgabe bestand neben dem Parteimanagement darin, die Bürger vom Mühlviertel bis ins Salzkammergut vom Wirken der ÖVP-Landeshauptleute zu überzeugen.
Als Landesgeschäftsführer erzählte er gern, nach der Landtagswahl 2015 seinen Parteimanagement-Job aufgeben und in die Privatwirtschaft wechseln zu wollen. Schließlich sehe er sich nicht als Berufspolitiker. Tatsächlich wurde er nach der Wahl zusätzlich Landtagsabgeordneter.
Jahre später teilte er in privaten Runden mit, nach der Wahl 2021 nun wirklich in die Privatwirtschaft wechseln zu wollen. Tatsächlich wurde er Landesrat für Soziales, Integration und Jugend in Linz. Und als jeder damit rechnete, dass er sich langsam auf die Nachfolge von Thomas Stelzer vorbereite, wechselte Hattmannsdorfer immer noch nicht in die Privatwirtschaft, sondern wurde Anfang 2025 neuer Generalsekretär der Wirtschaftskammer.
Die Lorbeeren des Caesar
Offenbar hat Hattmannsdorfer ein spezielles Verständnis von Privatwirtschaft. Er sagt: „Ich habe den Nachweis erbracht, dass ich den Absprung von der Politik in die Privatwirtschaft probiert habe. Als Generalsekretär der Wirtschaftskammer wäre ich für die Interessenvertretung der Unternehmer des Landes verantwortlich gewesen.“ Was Hattmannsdorfer geflissentlich unerwähnt lässt: Jeder Wirtschaftskammer-Generalsekretär hat de facto ein garantiertes Nationalratsmandat. Bei der Wahl 2024 kandidierte er daher auf dem fünften Platz der ÖVP-Bundesliste. Im März 2025 stieg er zum Bundesminister für Wirtschaft, Energie und Tourismus in der Dreierkoalition auf. Mehr Berufspolitik geht eigentlich nicht.
Der geschmeidige Umgang mit Widersprüchen gehört zu Hattmannsdorfers Stärken. Aus dem Staat heraus würden nie Innovationen entstehen, sagt er. Daher brauche es „weniger Staat“. Die logische Konsequenz eines solchen wirtschaftspolitischen Verständnisses ist in jedem Handbuch für Volkswirtschaftslehre nachzulesen: Privatisierungen. Dazu würden sich etwa Anteile der ÖBAG an Post, Telekom und Casinos Austria eignen. Doch so weit will Hattmannsdorfer nicht gehen. Die ÖBAG sei „kein Veräußerungsverein“.
Eines würden dem ambitionierten Hochgeschwindigkeitsminister selbst die größten Kritiker nicht absprechen: Der Mann will etwas. Als Landesrat für Integration in Linz erhielt er sogar Lob von ÖVP-kritischen NGOs, weil er die Integration von Zuwanderern am Arbeitsmarkt vorantrieb.
Als Hattmannsdorfer Wirtschaftsminister wurde, erhielt er jede Menge Vorschusslorbeeren. Aus Sicht der Industriellenvereinigung hat er sich die Lorbeeren verdient. So wird sein Einsatz für den Abschluss des EU-Südamerika-Freihandelsabkommens Mercosur geschätzt. Die Landwirtschaftsvertreter in der ÖVP sehen das Engagement ihres Parteifreundes dagegen mit Argwohn. „Wenn der Wirtschaftsminister einen Beliebtheitspreis gewinnen will, ist er eine Fehlbesetzung“, sagt Hattmannsdorfer.
Lifestyle-Delle
Im Juli gelang es Hattmannsdorfer, die eigenen Beliebtheitswerte zu senken. In einem Interview kritisierte er die hohe Teilzeitquote unter Österreichs Beschäftigten, die nicht nur an der Kinderobsorge liege, sondern längst ein „Lifestyle“-Phänomen sei. In internen ÖVP-Umfragen gingen Hattmannsdorfers Beliebtheitswerte nach unten. Auch in den veröffentlichten Erhebungen der APA und des Meinungsforschungsinstituts OGM, dem sogenannten Vertrauensindex, verschlechterte sich Hattmannsdorfer von April auf September deutlich, ist aber immer noch eines der beliebtesten ÖVP-Regierungsmitglieder. Wenn er etwas als richtig erkannt habe, ziehe er dies auch durch, so Hattmannsdorfer. Intern soll er sich allerdings beklagt haben, die Medien würden Finanzminister Markus Marterbauer schonender behandeln als ihn.
Für flotte Sprüche ist Hattmannsdorfer bekannt: Bei der Sitzung des Nationalrats Mitte Dezember zur Senkung der Elektrizitätsabgabe bezeichnete er FPÖ-Obmann Herbert Kickl als „Grinch“, in Anlehnung an die boshafte, Weihnachten hassende grüne Fantasiefigur aus einem Kindermärchen. Zuvor hatte Kickl Bundeskanzler Stocker „als Polit-Weihnachtsmann mit leeren Paketen und Mogelpackungen“ bezeichnet.
Im Allgemeinen hat Hattmannsdorfer keine Berührungsängste gegenüber Freiheitlichen. In der oberösterreichischen Landesregierung arbeitete er gut mit ihnen zusammen. Und auch Herbert Kickl wollte er in persönlichen Gesprächen im Parlament davon überzeugen, das Energiewirtschaftsgesetz der Koalition zu unterstützen. Klassenfeindschaften kennt Hattmannsdorfer ebenso wenig. Mit dem rauflustigen Wiener SPÖ-Sozialstadtrat Peter Hacker verstand er sich als Soziallandesrat besser als mancher Genosse.
Hattmannsdorfer wurde in der Jungen ÖVP sozialisiert, zu der er über den Mittelschülerkartellverband fand. Als Student trat er einer CV-Verbindung bei – Couleurname: Caesar. Er habe ein „konservatives Wertefundament“, sagt Hattmannsdorfer im profil-Gespräch und will sich als „sozialliberal“ verstanden wissen. Kein Problem hatte Hattmannsdorfer mit einem umstrittenen Posting auf Instagram, in dem die ÖVP auf Basis einer Umfrage des Österreichischen Integrationsfonds die Frage stellte: „Wusstest du, dass zwei Drittel das Zusammenleben mit Muslimen als schwierig empfinden?“ Hattmannsdorfer: „Wenn die Leute Probleme in Zusammenhang mit der Zuwanderung sehen, dann soll man das klar und unmissverständlich ansprechen.“
Mitbewerber Kurz?
Zudem glaubt Hattmansdorfer an die Maxime einer Leitkultur: „Kein Zuwanderer muss sich assimilieren und auf einmal an den Nikolo glauben. Aber wer zu uns kommt, muss unsere Werte respektieren und Deutsch erlernen.“ Auch den umstrittenen Begriff vom „Straßenbild“ hält er für zulässig: „Wenn man durch manche Viertel in Österreichs Städten geht, bekommt man eine Wahrnehmung von einem Straßenbild. Das zu benennen, halte ich für berechtigt, weil die Leute Sorgen haben.“
Es ist die Linie der ÖVP, die vom früheren Bundesparteiobmann Sebastian Kurz geprägt wurde. Dass der Ex-Kanzler mit der Politik nicht abgeschlossen hat, glauben viele in der Partei. Als nächster Bundesparteiobmann wird auch Wolfgang Hattmannsdorfer gehandelt. Bei diversen ÖVP-Veranstaltungen plaudern die zwei stets in bester Laune miteinander. Genaue Beobachter könnten aber auch den Eindruck gewinnen, beide würden genau registrieren, mit wem und wie lange der jeweils andere sonst noch spricht.
Mit Kurz verbindet Hattmannsdorfer die Meisterschaft der Selbstvermarktung. Bei öffentlichen Terminen des Wirtschaftsministers ist regelmäßig ein Mitarbeitertrupp dabei, der sich um Presseaussendungen, Fotos, Filmchen und Social-Media-Beiträge kümmert.
Wolfgang Hattmannsdorfer will vom Aufstieg zum Parteiobmann nichts wissen. Die ÖVP habe mit Christian Stocker einen unumstrittenen Chef und Kanzler. Und vielleicht zieht es Hattmannsdorfer nach der nächsten Wahl ja wieder einmal in die Privatwirtschaft.