Israel-Fancafé: „Wien ohne Kaffeehaus für Juden schafft sich ab“
„Sind Sie die Chefin? Wir sind heute zum ersten Mal in Ihr Lokal gekommen, weil wir uns bedanken wollten. Es ist großartig, dass Sie das machen.“ – „Kommen Sie wieder, wir sorgen auch für Sicherheit“, sagt Lisa Wegenstein zu den beiden Frauen, die sie gerade angesprochen haben. Wer dieser Tage mit Lisa Wegenstein spricht, wird garantiert unterbrochen. Es liegt, natürlich, am Song Contest. Seit 23 Jahren führt sie mit ihrem Mann Johannes Wegenstein die „MQ Kantine“ im Wiener MuseumsQuartier. „Ich kann mich nicht an so viele jüdische Gäste erinnern wie in diesen Tagen“, sagt sie und blickt sich um.
„Sehen Sie die Familie dort? Oder hinten die weißhaarige Dame? Sie sitzen nur deswegen hier.“ Mit „deswegen“ meint sie ihre Entscheidung, die „MQ Kantine“ zum offiziellen Fan-Café für den israelischen Teilnehmer Noam Bettan zu machen, mit Lesungen, Konzerten und DJ-Abenden bis zum 17. Mai. Unter anderem las Katharina Stemberger bereits hier. Im Lokal sind Israel-Fahnen drapiert, auf der Speisekarte steht ein „ESC Jerusalem Teller“.
Immer wieder bieten sich Gäste ein, mitzuhelfen. „Ich könnte die Erdäpfel schälen.“ Eine Freundin Wegensteins hat in den ersten Tagen nach Eröffnung des Fancafés ihr Homeoffice hier her verlegt, um potenzielle Störenfriede im Blick zu behalten.
„So viel jüdische Gäste wie nie“
Wegensteins Lokal ist zu einem Ort jüdischer Solidarität, aber auch der Enttäuschung geworden. Am 16. April hatten ORF, Echo-Medienhaus und die Wiener Kaffeesieder den Teilnehmer-Ländern per Los ihr jeweiliges „Eurofan-Partnercafé“ zugeteilt. Deutschland landete im Café Hummel, Schweden im Café Mozart. Am Ende hatte nur ein Land keine Herberge: Israel.
Wie das passieren konnte? Darüber gehen die Versionen auseinander. Die höheren Sicherheitsauflagen spielten wohl eine Rolle. Beschämend war es allemal. „Ein Wien ohne Kaffeehaus für die israelische Delegation und Fans des Song Contests schafft sich ab!“, empörte sich der Kolumnist, Ex-Bezirksrat der SPÖ Wien und deklarierte Zionist Götz Schrage am 17. April auf Facebook. Das schlug ein in der Wiener jüdischen Community und Wellen bis Israel, wo Medien über den „Ausschluss Israels“ berichteten – zumindest vom Kaffeehaus-Contest.
Als die Wegensteins Schrages Posting lasen, beschlossen sie: „Dann machen wir es.“ Wegenstein hat jüdische Vorfahren und ist eine Nichte des Schriftstellers Johannes Mario Simmel. „Wiener Kaffeehäuser waren immer Orte der Juden“, sagt sie: „Und dann steht keines dieser Kaffeehäuser für Israel auf?“
Was IKG-Präsident während ESC empfiehlt
Wieder muss sie das Interview unterbrechen. Dieses Mal für zwei Polizisten, die vorstellig werden. Bis 17. Mai wird die „MQ Kantine“ durchgehend von zwei uniformierten Polizisten beschützt. Hat die Gastronomin Angst? „Ich weiß es nicht.“
Auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, ist an diesem Tag im Fancafé im Bild ganz rechts). Welche Sicherheitstipps gibt er den Mitgliedern der Kultusgemeinde für die Zeit des Song Contests? „Viele Mitglieder fiebern mit. Wir wollen uns von israelfeindlichen Schreihälsen nicht beeinflussen lassen.“ Ein „gewisses Risiko“ sei aber „evident“.
Ob man im Umfeld der Veranstaltung sichtbar als Jude auftreten solle, etwa mit der Kippa, müsse jeder selbst entscheiden. Deutsch würde sich wünschen, dass „Israel-Fahnen während der Veranstaltung ebenso bedenkenlos geschwungen werden können wie Fahnen anderer Teilnehmer“. Die Realität sei aber, „dass dies nur dort ratsam ist, wo es professionelle Sicherheitsmaßnahmen gibt. Das ist allen Jüdinnen und Juden sowie den vielen Fans von Israel in ganz Europa bewusst.“