Der Eurovision Song Contest startet unter widrigen Umständen. Der Streit um die Teilnahme Israels ist noch lange nicht ausgestanden, der ORF mit sich selbst beschäftigt, die touristischen Hoffnungen leicht enttäuscht. Nachrichten zu einer gigantischen Show, die noch wachsen muss.
Vorbereitung ist die halbe Miete. Wer eine der neun Final-Shows des Eurovision Song Contest 2026 in der Wiener Stadthalle besuchen möchte, ist gut beraten, seine sieben Sachen kompakt bei der Hand zu haben. Das Sicherheitskonzept sieht nämlich eine „No Bag Policy“ vor, Taschen aller Art sind von der Teilnahme ausgeschlossen, inklusive Bauchtaschen, und auch die Liste der dezidiert erlaubten Gegenstände ist knapp. Darauf stehen Schlüssel, Handys, Geldbörsen, dringend notwendige Medikamente (mit ärztlicher Bestätigung) – und Fahnen. Zu Letzteren gibt es sogar nähere Auskünfte: „Bei den Shows sind sämtliche Länderflaggen sowie die EU-, die Regenbogen- und die Progress-Pride-Flagge gestattet. Sie müssen nach den geltenden Brandschutznormen (ÖNORM B 3822:2010-06-15 bzw. DIN EN 13501-1) zertifiziert sein. Vor den Shows gibt es die Möglichkeit, nach der Ticketkontrolle lokal gefertigte Flaggen der teilnehmenden Länder sowie Regenbogen- und Progress-Pride-Flaggen zu kaufen.“ Auch Palästina- und Israelflaggen sind selbstverständlich von dieser Spezifikation betroffen, schließlich handelt es sich um ganz zentrale, um nicht zu sagen ursächliche Requisiten dieses ganzen Theaters.
Nicht einmal dem Hausherren, also dem Wiener Bürgermeister, bleibt die strenge ESC-Security-Prozedur erspart, Vorschrift ist immer noch Vorschrift, sprich: persönliche Registrierung, Sicherheitsschleuse, Identitätsfeststellung. Michael Ludwig, 65, Bürgermeister, ESC-Fan (von Amts wegen).
Falls das alles gut geht, wovon auszugehen ist, kommt Ludwig in den Genuss einer gigantischen Bühne, die insgesamt 210 Tonnen wiegt, fast 2000 Quadratmeter groß ist, alle technischen Stücke spielt und angeblich von der Wiener Secession inspiriert wurde, es könnte aber auch ein Formel-1-Grand-Prix in Abu Dhabi gewesen sein.
Bundespräsident Alexander Van der Bellen ließ sich dieses Wunderwerk der Eventtechnik schon beim VIP-Preview Ende April vorführen und erklärte bei der Gelegenheit: „Der Song Contest zeigt, wie bunt unser Kontinent ist. Er zeigt, was wir können und wer wir sind, und das ist viel.“
Das ist aber auch noch nicht alles.
Am Sonntag beginnt mit der „Opening Ceremony“ und dem „Turquoise Carpet Event“ samt Einmarsch der 35 nationalen Delegationen am Wiener Rathausplatz die Eventserie zum 70. Eurovision Song Contest in Wien und damit die wohl größte Entertainment-Shows des Jahres, je nach Maßzahl sogar bigger als das Champions-League-Finale Ende Mai – auf jeden Fall aber umstrittener.
Das ESC-Finale am Samstag werden im Fernsehen wohl mehr als 160 Millionen Menschen sehen (im Vorjahr waren es 166 Millionen, das in den Quoten erfolgreichste ESC-Finale bis dato fand im Jahr 2016 mit 204 Millionen Zusehern und Zuseherinnen statt). Mehr als 10.000 Menschen (sowie Hunderte Journalisten, freiwillige Helfer und ein Maskottchen aus der Hölle, nämlich der knallbunte Hudriwudri-Bär „Auri“) werden in der Stadthalle klatschen und brüllen und zu Tränen gerührt sein, nicht alle aus denselben Gründen vermutlich, denn beim Song Contest liegen Hit and Miss traditionell sehr nah beieinander.
Der Song Contest emotionalisiert, aber leider nicht immer in die gewünschte Richtung. Ausgerechnet das bunteste Event des Jahres wird heuer von einer Schwarz-Weiß-Debatte überschattet.
Der Krieg in Gaza hat sich zwar zu einer Art Waffenstillstand verfestigt, die Kritik an Israels Vorgehen gegen die palästinensische Bevölkerung reißt deswegen nicht ab. Sehr öffentlich – und sehr deutlich – werden deshalb Fragen aufgeworfen: Soll Israel an dem Gesangswettbewerb teilnehmen, als wäre nichts? Warum wurde Russland nach dem Überfall auf die Ukraine von der European Broadcasting Union (EBU) suspendiert, Israel aber trotz seiner wohl ebenfalls völkerrechtswidrigen Angriffe weiterhin eingeladen? Und überhaupt, ganz grundsätzlich: Wie politisch ist der Song Contest?
Fünf Nationen haben ihre Teilnahme am ESC 2026 schon vor Monaten abgesagt: Niederlande, Slowenien, Spanien, Island und Irland schicken aus Protest gegen die Teilnahme Israels keine Künstler nach Wien. Der Schweizer ESC-Gewinner Nemo hat seine Trophäe im Vorjahr aus demselben Grund zurückgegeben, der österreichische Sieger JJ unmittelbar nach seinem Triumph 2025 mit einschlägigen Debattenbeiträgen für Aufsehen gesorgt (seither gibt er sich zu dem Thema betont wortkarg).
In den vergangenen Tagen wogten die Pro- und Kontra-Boykottaufrufe gegeneinander: Der britische ESC-Boykottaufruf „No Music for Genocide“ wurde unter anderem von Roger Waters, Peter Gabriel, Brian Eno, Mogwai, Primal Scream und Massive Attack (sowie rund 1000 anderen Pop-Künstlern, darunter auch einige österreichische Bands) unterschrieben. Gegen einen Boykott sprachen sich daraufhin eine Reihe von Hollywoodstars wie Helen Mirren, Amy Schumer, Mila Kunis und Selma Blair aus. Eine österreichische Unterschriftenkampagne, die den Ausschluss Israels von dem Bewerb forderte, hatte zuletzt gut 2500 Unterzeichnerinnen.
Beim Mai-Aufmarsch der SPÖ ging die Sozialistische Jugend Simmering mit einem Plakat um, auf dem „Keine Bühne für Völkermord! Israel raus aus dem ESC!“ stand (die SJ-Vorsitzende Larissa Zivkovic distanzierte sich, betonte aber die „Meinungsfreiheit“ innerhalb ihrer Organisation).
In Wien wird in den kommenden Tagen noch eine ganze Reihe von anti-israelischen Protestkundgebungen erwartet. Am Freitag der ESC-Woche, dem 15. Mai, wird am „Nakba-Tag“ der Vertreibung arabischer Palästinenser während des Palästinakrieges 1948 gedacht, allein an diesem Tag sind drei Kundgebungen in Wien angemeldet, dazu noch ein musikalischer „Song Protest“. Am 16. Mai, dem Tag des Finales, soll in Wien eine Großdemonstration unter dem Motto „Keine Bühne zur Legitimation des Völkermords“ stattfinden.
Für und Wider
Eine der Stimmen hinter der Wiener Petition ist die Oberösterreicherin Viktoria Eibensteiner. profil trifft die junge Frau in einem Café unweit der Stadthalle. Aus der Song-Contest-Location dröhnt schon der Bass, vor einem Hintereingang finden sich große Transparente mit Song-Contest-Referenzen Made in Austria: „Merci Chérie“, „Rise like a Phoenix“, „Wasted Love“.
Für Eibensteiner steht fest, dass Israel nicht mehr aus dem Contest ausgeschlossen wird, auch wenn das die Hauptforderung ihrer Online-Petition ist: „Retten wir den Song Contest – Ausschluss Israels JETZT!“.
Aber der Song Contest bietet aus der Sicht der Aktivisten eine Gelegenheit, das Thema Israelkritik wieder in den Mainstream zu heben. „Der Song Contest ist ein Großereignis, das sehr viele Leute kennen, die noch wenige Berührungspunkte mit Aktivismus im Bereich Palästina hatten.“ Eibensteiner sieht ihre Meinung vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht abgebildet. „Sie entpolitisieren dieses Event so weit, dass es einfach nur mehr Musik auf einer Bühne ist. Und das ist beim ESC einfach nicht der Fall.“
Mit dieser Einschätzung trifft sich die Gaza-Aktivistin übrigens mit dem obersten europäischen Song-Contest-Direktor Martin Green. In einem Interview mit dem „Standard“ erklärte der 54-jährige Brite: „Wir sind eine der weltweit größten Veranstaltungen, deshalb sind wir nie vollkommen unabhängig von dem, was im Rest der Welt passiert. Aber unser Publikum ist klug genug, zu verstehen, dass es einen Unterschied zwischen einem teilnehmenden öffentlich-rechtlichen Sender und der jeweiligen Regierung gibt.“
Israel hat eine lange, durchaus intensive Geschichte mit dem Song Contest. Seit 1973 nimmt das Land an dem Bewerb teil und zählt mit vier Siegen und drei zweiten Plätzen zu den erfolgreichsten ESC-Staaten. Bahnbrechend war etwa der Sieg von Dana International 1998 in Birmingham. Die Künstlerin, die erste offene Trans-Frau im ESC, bescherte der queeren Community mit ihrem Triumph ein Erweckungserlebnis – und israelischen ultraorthodoxen Juden einen Anlass für eine massive Hasskampagne.
Beim ersten Song Contest in Lugano vor 70 Jahren trat für Deutschland der jüdische Holocaust-Überlebende Walter Andreas Schwarz auf. In seinem Lied „Im Wartesaal zum großen Glück“ wird – sehr subtil – auch die fehlende Auseinandersetzung Deutschlands mit der NS-Vergangenheit thematisiert – und siehe da: Im selben Jahr trat mit dem gebürtigen Österreicher Freddy Quinn auch noch ein zweiter Künstler für Deutschland an. Sein Beitrag, „So geht das jede Nacht“, wurde von Lotar Olias komponiert, einem frühen Mitglied der NSDAP und Texter von Propagandaliedern für verschiedene NS-Organisationen. (Der Sieg ging damals an die Schweizerin Lys Assia mit ihrem Chanson „Refrain“).
„In Russland gibt es keine unabhängige Kunst, da wäre jeder Vertreter ein Abgesandter des Putin’schen Regimes. Israel ist immer noch ein wesentlich freierer Staat als Russland.“
Völkerrechtler Ralph Janik
über den Ausschluss Russlands vom ESC
Der diesjährige Teilnehmer aus Israel, Noam Bettan, singt gewiss nicht nur ein Lied, auch wenn seine „Michelle“ einigermaßen unpolitisch daherkommt. Er singt es als Teilnehmer aus Israel und ist somit, ob er will oder nicht, ein politischer Faktor. Matti Bunzl, Direktor des WienMuseums und Ausrichter des offiziellen Wiener „Eurofan House“, sieht es ganz realistisch: „Natürlich wäre der Idealfall, dass man sich auf die Dauer von ein paar Stunden auf völkerverständigenden Eskapismus einigt. Aber man kann die Menschen ja nicht zwingen, diesem Argument zu folgen.“
Man kann freilich differenzieren: Der Völkerrechtler Ralph Janik von der Sigmund Freud Privatuniversität erklärte in einem APA-Interview, was in diesem Kontext den Unterschied ausmacht. Sowohl Russland als auch Israel hätten mit ihren Kriegshandlungen das Völkerrecht missachtet, Russland jedoch im Unterschied zu Israel ohne äußere Bedrohung. Einen zentralen Unterschied sieht Janik auch, was die Verknüpfung von Politik und Kultur in den beiden Staaten angeht: „In Russland gibt es keine unabhängige Kunst, da wäre jeder Vertreter ein Abgesandter des Putin’schen Regimes. Israel ist immer noch ein wesentlich freierer Staat als Russland.“
Im Israel-Café
„Sind Sie die Chefin? Wir sind heute zum ersten Mal in Ihr Lokal gekommen, weil wir uns bedanken wollten. Es ist großartig, dass Sie das machen.“ – „Kommen Sie wieder, wir sorgen auch für Sicherheit“, sagt Lisa Wegenstein zu den beiden Frauen, die sie gerade angesprochen haben. Wer dieser Tage mit Lisa Wegenstein spricht, wird garantiert unterbrochen. Es liegt, natürlich, am Song Contest. Seit 23 Jahren führt sie mit ihrem Mann Johannes Wegenstein die „MQ Kantine“ im Wiener MuseumsQuartier. „Ich kann mich nicht an so viele jüdische Gäste erinnern wie in diesen Tagen“, sagt sie und blickt sich um. „Sehen Sie die Familie dort? Oder hinten die weißhaarige Dame? Sie sitzen nur deswegen hier.“ Mit „deswegen“ meint sie ihre Entscheidung, die „MQ Kantine“ zum offiziellen Fan-Café für den israelischen Teilnehmer Noam Bettan zu machen, mit Lesungen, Konzerten und DJ-Abenden bis zum 17. Mai. Im Lokal sind Israel-Fahnen drapiert, auf der Speisekarte steht ein „ESC Jerusalem Teller“.
Wegensteins Lokal ist zu einem Ort jüdischer Solidarität, aber auch der Enttäuschung geworden. Am 16. April hatten ORF, Echo-Medienhaus und die Wiener Kaffeesieder den Teilnehmer-Ländern per Los ihr jeweiliges „Eurofan-Partnercafé“ zugeteilt. Deutschland landete im Café Hummel, Schweden im Café Mozart. Am Ende hatte nur ein Land keine Herberge: Israel.
Wie das passieren konnte? Darüber gehen die Versionen auseinander. Die höheren Sicherheitsauflagen spielten wohl eine Rolle. Beschämend war es allemal. „Ein Wien ohne Kaffeehaus für die israelische Delegation und Fans des Song Contests schafft sich ab!“, empörte sich der Kolumnist, Ex-Bezirksrat der SPÖ Wien und deklarierte Zionist Götz Schrage am 17. April auf Facebook. Das schlug ein in der Wiener jüdischen Community und Wellen bis Israel, wo Medien über den „Ausschluss Israels“ berichteten – zumindest vom Kaffeehaus-Contest.
Als die Wegensteins Schrages Posting lasen, beschlossen sie: „Dann machen wir es.“ Wegenstein hat jüdische Vorfahren und ist eine Nichte des Schriftstellers Johannes Mario Simmel. „Wiener Kaffeehäuser waren immer Orte der Juden“, sagt sie: „Und dann steht keines dieser Kaffeehäuser für Israel auf?“
Wieder muss sie das Interview unterbrechen. Dieses Mal für zwei Polizisten, die vorstellig werden. Bis 17. Mai wird die „MQ Kantine“ durchgehend von zwei uniformierten Polizisten beschützt. Hat die Gastronomin Angst? „Ich weiß es nicht.“
„Die einzigen, die wirklich vom Ausschluss Israels profitieren würden, wären Benjamin Netanjahu und seine Regierung, die ja auch stark versuchen, Kan einzuschränken.“
Lia Guttmann, Co-Präsidentin der Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen
Auch der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG), Oskar Deutsch, ist an diesem Tag im Fancafé. Welche Sicherheitstipps gibt er den Mitgliedern der Kultusgemeinde für die Zeit des Song Contests? „Viele Mitglieder fiebern mit. Wir wollen uns von israelfeindlichen Schreihälsen nicht beeinflussen lassen.“ Ein „gewisses Risiko“ sei aber „evident“. Ob man im Umfeld der Veranstaltung sichtbar als Jude auftreten solle, etwa mit der Kippa, müsse jeder selbst entscheiden. Deutsch würde sich wünschen, dass „Israel-Fahnen während der Veranstaltung ebenso bedenkenlos geschwungen werden können wie Fahnen anderer Teilnehmer“. Die Realität sei aber, „dass dies nur dort ratsam ist, wo es professionelle Sicherheitsmaßnahmen gibt. Das ist allen Jüdinnen und Juden sowie den vielen Fans von Israel in ganz Europa bewusst.“
Die Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) suchten in der Vorwoche noch nach einem Ort, an dem sie ihr eigenes ESC-Public Viewing ausrichten können. Es sei nicht einfach, aktuell einen entsprechend sicherbaren Ort zu finden, erzählt Lia Guttmann, eine der Co-Präsidentinnen der JöH. Auch sie ruft zur Differenzierung auf: Kan, der öffentlich-rechtliche TV-Sender Israels, sei nicht vergleichbar mit dem russischen Propagandasender RT und berichte durchaus regierungskritisch. „Die einzigen, die wirklich vom Ausschluss Israels profitieren würden, wären Benjamin Netanjahu und seine Regierung, die ja auch stark versuchen, Kan einzuschränken.“
Elias Berner und Niklas Herrberg, Antisemitismusforscher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, betonen: „Wenn jemand etwas Antisemitisches sagt, muss er deswegen kein überzeugter Antisemit sein.“ Das gelte auch für die Boykott-Bewegten rund um den ESC. Freilich sehen die Forscher eine „sehr selektive Solidarität“ am Werk, wenn etwa wie beim ESC-Finale 2025 in Basel Empathie für die Opfer des Gazakrieges gefordert, gleichzeitig aber die israelische Teilnehmerin Yuval Raphael ausgebuht werde, die ihrerseits eine Überlebende des Hamas-Massakers am Nova Festival vom 7. Oktober 2023 ist.
Bitte anschnallen!
Insgesamt 95.000 Karten wurden für die neun ESC-Shows in der Stadthalle verkauft. Rund 60 Prozent davon gingen an österreichische Fans, der Rest wurde in 74 weitere Länder verkauft, großteils nach Deutschland, Großbritannien, die Schweiz und die USA, kleinere Chargen aber auch nach Japan, Neuseeland, Paraguay oder Sri Lanka. Der ESC ist schon lange keine rein europäische Angelegenheit mehr. Weltweit gibt es 42 offizielle ESC-Fanclubs, die in der „Organisation Générale des Amateurs de l’Eurovision“ organisiert sind; die European Broadcasting Union hat ihrerseits Mitglieder in 56 Ländern, darunter auch Algerien, Ägypten, Libanon und die Vatikanstadt. Dazu kommen assoziierte Mitglieder in weiteren 20 Staaten wie Australien, China, Kuba, Syrien und den USA. Nicht alle zugereisten Fans werden in der Stadthalle Platz haben, für sie gibt es allein in Wien mehr als 30 Public-Viewing-Events zum Song Contest. Deren größtes wird am Wiener Rathausplatz stattfinden, wo ein „Eurovision Village“ aufgebaut wurde, in dem an Showabenden bis zu 30.000 Menschen Platz finden sollen.
Entsprechend massiv sind die Sicherheitsvorkehrungen. Die Wiener Landespolizeidirektion fährt in diesen Tagen sämtliche Einheiten hoch, inklusive Hundestaffel, Drohnenabwehr und Cobra-Einheit, das FBI sondiert für die Wiener Kollegen die internationale Bedrohungslage, der israelische Geheimdienst Mossad kümmert sich direkt um die Sicherheit seiner Delegation.
Auch die privaten Security-Mitarbeiter im ESC-Einzugsbereich wurden streng kontrolliert, „ungefähr 15.000 Überprüfungen“ zählte der Landespolizei-Vizepräsident Dieter Csefan. Die zuständige Gewerkschaft vida sah hier freilich noch einen Systemfehler: „Zwei Wochen vor Beginn des ESC wurde noch Sicherheitspersonal in den sozialen Medien gesucht. Ob sich hier eine ordentliche Sicherheitsprüfung ausgeht, darüber bin ich mir nicht sicher“, meint der vida-Vorsitzende Roman Hebenstreit. Nach der Absage der Wiener Taylor-Swift-Konzerte 2024 war die Forderung nach einem neuen Sicherheitsdienstleistergesetz aufgekommen (damals war ein Facility-Mitarbeiter mutmaßlich in die Anschlagsplanung involviert gewesen). Vergangene Woche gab die Regierung bekannt, dass das Gesetz in Ausarbeitung sei und schon im Juli beschlossen werden könne. Knapp vorbei ist auch daneben.
Business as usual?
Die Veranstalter tun derweil ihr Möglichstes, um die guten alten sorglosen Zeiten des Song Contests zu beschwören, und „ihr Möglichstes“ heißt: Vicky Leandros. Die griechisch-deutsche Schlagerikone, die 1972 in Edinburgh mit dem Song „Apres toi“ für Luxemburg den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewann, wird in Wien das erste Semifinale am 12. Mai mit einer Darbietung ihres Song-Contest-Beitrags aus dem Jahr 1967, „L’amour est bleu“, bereichern. Und im Finale am Samstag wird zur Voting-Überbrückung eine Revue von ESC-Veteraninnen wie Erika Vikman, Ruslana und Lordi durchgeführt. Schön war’s, schon möge es wieder werden.
Im ORF werden momentan wohl sehr viele Daumen dafür gedrückt, dass man „den Schas“ (ORF-Moderator Andi Knoll) nicht so bald wieder veranstalten muss. Das sollte durch die Nominierung von Cosmó sichergestellt sein, der sich das blaue Auge, das ihm im Finale bevorsteht, vorsorglich schon einmal selbst geschminkt hat. Den österreichischen Rundfunk trifft der ESC in einer empfindlichen Zeit, die Affäre Weißmann ist noch lange nicht ausgestanden, und schon in ruhigeren Zeiten wäre die Ausrichtung eines derartigen Events keine Kleinigkeit. Die Kosten für den Sender belaufen sich auf mindestens 16 Millionen Euro (die Stadt Wien zahlt ihrerseits rund 23 Millionen ein). Hört man sich im ORF um, vernimmt man in der Belegschaft doch eine gewisse Resignation angesichts der Gleichzeitigkeit von stressigem Event und Management-Krise. „Das war kein gutes Timing, für niemanden“, meint eine Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte.
Die interimistische ORF-Chefin Ingrid Thurnher übt sich, ganz öffentlich, in Schönwetter-Parolen. Der Wiener ESC werde „phänomenal“, die Produktion des ORF suche ihresgleichen. „Der Eurovision Song Contest in Wien wird ein Event für alle sein und eine Show, die die Herzen höherschlagen lässt“, meinte die Generaldirektorin bei der Präsentation der Bühne Ende April. Michael Krön, Executive Producer des ESC für den ORF, gab es profil auch gerne schriftlich: „Die aktuellen Diskussionen rund um den ORF haben keinen Einfluss auf die operative Arbeit des ESC-Teams. Wir biegen derzeit auf die Zielgerade dieses Megaprojekts ein – das erfordert unsere volle Konzentration. Das gesamte Team arbeitet hochfokussiert, mit enormem Einsatz und freudigem Enthusiasmus daran, den Auftrag der EBU, das größte Musikfest der Welt in Wien auszurichten, professionell umzusetzen. Wir freuen uns auf den Eurovision Song Contest und darauf, Wien als weltoffene Gastgeberstadt zu präsentieren.“
In der Bevölkerung ist die Stimmung, den Song Contest betreffend, ungebrochen mittelprächtig. In einer Umfrage des WienTourismus gaben aber immerhin zwei Drittel der befragten Wienerinnen und Wiener an, dass der ESC für die Stadt „positiv bis sehr positiv“ sei, 19 Prozent wollten sogar persönlich an einem ESC-Event teilnehmen. Tourismusdirektor Norbert Kettner nahm das zum Anlass für ein positives Fazit: „Der ESC hat starken Rückenwind aus der Stadt.“
Aus touristischer Sicht bleibt trotzdem Luft nach oben. Zwei Wochen vor Start des Events lag die Mai-Auslastung in der Wiener Hotellerie bei 70 Prozent, im Mai des Vorjahres waren es 74 Prozent, 2024 sogar 77 Prozent gewesen. Branchen-Fachleute rechnen freilich damit, dass es noch zu kurzfristigen Buchungen kommen werde. Aber: „Der ESC allein füllt die Hotelbetten niemals – auch wenn die Crews der verschiedenen Fernsehanstalten dazugerechnet werden“, sagt Martin Stanits von der Österreichischen Hoteliervereinigung. Der Obmann der Hotellerie-Fachgruppe der WKO Wien, Felix Neutatz, geht sogar davon aus, dass der ESC manche Gäste im höherpreisigen Segment eher abschreckt – hier werde der Trubel eher abgewartet. Vergleiche mit anderen ESC-Städten zeigen, dass die mittelbare Auswirkung auf den Tourismus oft überschaubar bleibt und gegenüber den wirklichen Treibern im Städtetourismus wie Konferenzen oder Sportevents verblasst. Wichtig sei der Song Contest freilich für das Image der Stadt.
Tourismus-Staatssekretärin Zehetner bezifferte den „wirtschaftlichen Impuls“ durch den ESC in dieser Woche mit rund 57 Millionen Euro, betonte aber, „dass Sicherheit die Grundvoraussetzung für das Vertrauen der internationalen Gäste und Künstler“ sei. Österreich präsentiere sich gerade in einem „internationalen Schaufenster“.
ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.
ist seit Dezember 2024 im Digitalteam. Davor arbeitete sie als Redakteurin bei PULS 24, und als freie Gestalterin bei Ö1. Sie schreibt über Politik, Wirtschaft und Umwelt.
2026 findet der Song Contest in Österreich statt. Kleine Gemeinden wittern ihre große Chance auf globale Aufmerksamkeit. Großstädte kämpfen mit logistischen und finanziellen Herausforderungen.
Am Donnerstag sing Österreich als Mitfavorit beim Eurovision Song Contest. Ein Sieg könnte für ORF und Gemeinden zur Herausforderung werden: Denn die Ausrichtung des Bewerbs verschlingt Millionen.