Psychologische Behandlung wird ab sofort über die Serviceplattform psyhelp.at vermittelt.
Kassenplätze für psychologische Behandlungen kommen früher als gedacht
Depressionen, Burnout, Zwangsstörungen – Diagnose und Behandlung mussten viele Betroffene bisher aus eigener Tasche zahlen. Doch für sie gibt es zum Jahreswechsel eine gute Nachricht, denn mit 2026 starten erstmals Kassenplätze für klinisch-psychologische Einheiten für alle Versicherten. Davor gab es nur Kostenzuschüsse, und die auch erst seit 2024. Zuständig für die Abwicklung des neuen Modells ist der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP). Der wurde damit beauftragt, eine zentrale Servicestelle zu schaffen. Startzeitpunkt, hieß es bei der Präsentation im Dezember, soll im Frühjahr sein. Jetzt war der BÖP aber doch schneller, die Plattform soll schon Ende Jänner online gehen.
Klinisch-psychologische Behandlungen
Klinische Psychologinnen und Psychologen haben ein fünfjähriges Psychologiestudium und danach eine umfassende Ausbildung absolviert. Sie diagnostizieren, behandeln und beraten Betroffene und Angehörige allen Alters bei psychischen Belastungen und Erkrankungen. Sie sind unter anderem zuständig für Diagnosen und Einstufungen. Häufig geht es um Diagnosen von Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen und mehr. Sie können auch therapieren, bei Krisen intervenieren und nach schweren Ereignissen wie Trauma direkt unterstützen. Psychiaterinnen und Psychiater haben im Gegensatz dazu Medizin studiert und können auch Medikamente verschreiben.
Sie dient einerseits als Kontaktstelle, andererseits zur Vermittlung von Behandlungsplätzen. Wer eine der Kassenstellen in Anspruch nehmen will, braucht eine Bestätigung vom Hausarzt. Viola Ghavidel vom BÖP rät dazu, sie sich jetzt schon zu holen. Diese Arztbestätigung kann dann gleich in der Anmeldemaske auf der Website hochgeladen werden. Auch die Abrechnung erfolgt über die Plattform, Betroffene müssen nicht in Vorleistung gehen, also selbst zahlen und dann auf Rückerstattung warten, wie es etwa oft bei der Psychotherapie der Fall ist. Mit der Serviceplattform hat der BÖP etwas komplett Neues aufgezogen, meint Ghavidel.
Fast 130.000 Einheiten finanziert
Nachteil der Kassenplätze: Klientinnen und Klienten können sich nicht aussuchen, bei wem sie in Therapie gehen wollen, es erfolgt eine wohnortnahe Zuweisung, heißt es. Bei der Anmeldung werden Kriterien wie Dringlichkeit, Behandlungssprache, Präferenzen beim Geschlecht der Behandlerinnen und Behandler und mehr nachgefragt. Das alles fließt in die Entscheidung ein, wer wann einen Kassenplatz bekommt. 120.700 Einheiten stehen bundesweit zur Verfügung, die Finanzierung ist bis 2029 gesichert. 75 Millionen Euro sind veranschlagt.
Wie viele Personen einen Platz bekommen werden, lässt sich nicht sagen, heißt es vom BÖP. Denn es würde stark variieren, wie viele Einheiten jemand braucht. Laut ÖGK sollte mit den Einheiten der Bedarf abgedeckt sein. Anders sieht das Günter Klug, Präsident des Österreichischen Dachverbands der Vereine und Gesellschaften für psychische und soziale Gesundheit „pro mente“. Er glaubt nicht, dass die Stunden reichen. Bei der Psychotherapie habe man auch gesehen, wie der Bedarf stetig steigt und die Kontingente erweitert werden mussten.
Derweil genug Bewerbungen, aber Sorge vor Zukunft
Wartelisten wird es sicher geben, hieß es im Dezember. Genug klinische Psychologinnen und Psychologen hat man aber gefunden, sagt Ghavidel. Mehrere hundert Interessentinnen hätten sich gemeldet. Die Bewerbungen werden gerade abgearbeitet.
Die Personen, die sich beworben haben, würden meistens auch private Leistungen anbieten. Ähnlich wie bei Ärztinnen und Ärzte, die auf Kasse und als Wahlarzt praktizieren. Das Honorar für die vollfinanzierten Kassenleistungen liegt bei 86,74 Euro pro Einheit, davon werden dann noch drei Prozent Verwaltungsgebühren abgezogen. Normalerweise verlangen Psychologinnen und Psychologen Honorare von bis um die 150 Euro. Dafür müssen sie sich bei der Kassenfinanzierung nicht selbst um die Patientenakquise kümmern.
Auch wenn es jetzt genug Bewerbungen gibt, Klug von pro mente warnt vor einem möglichen Versorgungsengpass in der Zukunft. Um den zu verhindern, müsse man jetzt schon handeln. Denn es gab eine Änderung in den Ausbildungsvoraussetzungen, was dafür sorgt, dass weniger klinische Psychologinnen und Psychologen nachkommen. Seit einigen Jahren müssen sie für ihre Ausbildung bezahlt werden, allerdings gibt es nicht genug finanzierte Plätze: Laut dem Verein nur 200 für 600 Auszubildende in Österreich. In manchen Bundesländern müssen Ausbildungskandidatinnen und -kandidaten mehrere Jahre auf eine Ausbildungsstelle warten: „Die Folge: Ein infrastrukturelles Nadelöhr, das seit einem Jahrzehnt bekannt ist – und nun zu einem akuten Versorgungsproblem wird.”. Momentan könne der Bedarf noch gedeckt werden, aber Klug schätzt: In einigen Jahren sieht das ganz anders aus.
Für die jetzigen Kassenstellen hat man nach Kolleginnen und Kollegen mit viel Erfahrung gesucht, und ist auch fündig geworden, sagt Ghavidel. Das neue Modell startet damit mit genug Personal – aber auch hohem Erwartungsdruck. Für die Betroffenen bietet es erstmals einen niederschwelligen, leistbaren Zugang zu psychologischer Versorgung. Aber ob die Einheiten reichen, um den wachsenden Bedarf zu decken, wird sich erst zeigen.
Ergänzung: In der Infobox wurde der Satz gestrichen, dass nur klinische Psychologen klinische Diagnosen nach standardisierter Testdiagnostik treffen dürfen.