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Antidepressiva-Mangel: Ein Engpass, der bleibt?
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„Es hat etwas Demütigendes an sich. Du hast das Gefühl, Bittsteller zu sein.“ Jeden Monat legt Lena H.* den gleichen Weg aufs Neue zurück: Sie ruft beim Hausarzt an, holt sich ihr Rezept ab, nimmt die e-card, geht zur nahe gelegenen Apotheke. Um den Alltag zu meistern, nimmt die 21-jährige Studentin Antidepressiva. In Phasen, in denen es ihr schlechter geht, kann die wiederholte Prozedur herausfordernd sein. Am Schalter fragt Lena nach ihrem Medikament. Sie hofft, dass es diesmal tatsächlich lagernd ist.
Psychopharmaka – Medikamente gegen Angststörungen, Depressionen oder zur Unterstützung bei ADHS, Bipolarität oder Schizophrenie – sind in Österreich regelmäßig Mangelware. Heuer trifft der Engpass vulnerable Menschen zu einer besonders kritischen Zeit: im tiefsten Winter, wenn es kalt, nass und finster ist.
Vor allem Bupropion, ein Antidepressivum aus der Gruppe der Noradrenalin-Dopamin-Wiederaufnahmehemmer (NDRI), ist derzeit für Patientinnen kaum zu finden. Und so wird es voraussichtlich auch bis März bleiben.
„Ich bin selber jeden Tag in drei, vier Apotheken gefahren und habe für unsere Patienten Medikamente gekauft, damit ich die Leute über die Weihnachtszeit bringe“, erzählt Primar Gerald Grundschober. Er ist Facharzt für Psychiatrie und leitet die Privatklinik Hollenburg in Niederösterreich. Etwa zehn Prozent seiner Patienten sind im Alltag auf Bupropion angewiesen. Einer hat die Therapie aus Frust über den Mangel bereits abgesetzt.
An Präparaten, wo nur Noradrenalin und Dopamin unterstützt werden, haben wir in Österreich nur Bupropion. Ich habe keinen Ersatz, den ich verschreiben kann.
Gerald Grundschober, Facharzt für Psychiatrie und Leiter der Privatklinik Hollenburg
Für einige Präparate, die regelmäßig von Lieferschwierigkeiten betroffen sind, gibt es wirkstoffgleiche oder -ähnliche Alternativen. Die Antidepressiva Sertralin, Citalopram und Escitalopram beispielsweise wirken ähnlich: Sie alle gehören zur Gruppe der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) und sind untereinander weitgehend austauschbar – wenn auch mit einer gewissen Eingewöhnungszeit. Nicht so Bupropion. „An Präparaten, wo nur Noradrenalin und Dopamin unterstützt werden, haben wir in Österreich nur Bupropion. Ich habe keinen Ersatz, den ich verschreiben kann“, erklärt Grundschober.
Im Gehirn übertragen Botenstoffe wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin Signale zwischen den Nervenzellen. So steuern sie Stimmung, Energielevel, Aufmerksamkeit und stabilisieren Emotionen. Serotonin ist hier vor allem für emotionale Stabilität und Angstdämpfung zuständig, Noradrenalin und Dopamin fördern Antrieb und Konzentration. Wird ein ausgeschickter Botenstoff von der Senderzelle zu schnell wieder eingesammelt, kann das Signal zu kurz oder zu schwach ausfallen. Erschöpfung, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsprobleme und innere Unruhe bis zum Burnout oder zur Depression sind die Folge. Die Wiederaufnahmehemmer leisten daher, was der Name verspricht: Das schnelle Rückholen der Botenstoffe wird gebremst, um das positive Signal zu verlängern und den psychischen Zustand zu stabilisieren.
Eine medikamentöse Therapie beginnt meist mit Serotoninpräparaten – der Verschreibung von SSRI-Medikamenten, so Grundschober. Erst wenn deren Wirkung nicht ausreicht, kommt Bupropion, das NDRI-Präparat, zum Zug. Bei einem Mangel an Bupropion ist ein Rückgriff auf SSRI daher meist keine echte Alternative – diese Therapien wurden in den meisten Fällen vorher bereits ausgeschöpft.
Plötzlich privat
„Kurz hatte ich so Schiss.“ Die 22-jährige Studentin Daria T.* nimmt seit einigen Monaten Bupropion und hat mit dem Wirkstoff gute Erfahrungen gemacht. Es hilft gegen die Konzentrationsschwierigkeiten ihres ADHS und stabilisiert ihre Stimmung. Ihr bewährtes Medikament Wellbutrin, das Markenpräparat mit dem Wirkstoff Bupropion, wurde im Sommer 2025 von der Liste der erstattungsfähigen Medikamente genommen. Statt der Rezeptgebühr von 7,55 Euro kosten 30 Tabletten nun ab 40 Euro aufwärts. „Ich kann nicht regelmäßig so viel Geld für die Pillen ausgeben, die mein Funktionieren im Alltag sicherstellen“, so T. Laut Primar Grundschober haben gerade psychisch kranke Menschen in vielen Fällen nicht viel Geld zur Verfügung. Auch für Studierende wie Daria T. sind solche monatlichen Mehrausgaben von 40 bis 70 Euro finanziell nicht vorstellbar.
Markenpräparate wie Wellbutrin bekommen nach Auslaufen ihres Patents billige Konkurrenz, die sogenannten Generika. Andere Unternehmen dürfen dann wirkstoffgleiche Präparate – in diesem Fall Bupropion – produzieren. Das Original verliert an Marktmacht. Wellbutrin rechnet sich als billiges Kassenmedikament für die Hersteller nicht mehr und wird somit zur Privatleistung umgestellt. Patientinnen wie Daria T. sind oftmals nicht über Alternativen informiert und sehen sich plötzlich mit einem drastischen Preisanstieg ihres bewährten Medikaments konfrontiert. Gleichzeitig erleben Generika-Hersteller eine schlagartige Nachfragesteigerung als Folge der Lücke, die das Originalpräparat am Markt hinterlässt.
Die Heilmittel-Evaluierungs-Kommission (HEK) habe die Generika-Hersteller bloß zwei Monate vor der Einstellung von Wellbutrin informiert. Viel zu knapp, so Grundschober. „Die Hersteller brauchen heutzutage aufgrund von Lieferengpässen und internationalen Krisen fünf bis zwölf Monate, um die Entwicklung oder die Produktion hinaufzufahren. Wenn man die Hersteller so kurzfristig informiert, kann zusätzlich ein Engpass entstehen.“
Die Glieder der Lieferkette
Globale Lieferketten spielen bei solchen nationalen Marktentscheidungen eine zentrale Rolle. Bei 68 Prozent der benötigten Wirkstoffe ist Europa von wenigen Produktionsstandorten in Asien, allen voran China und Indien, abhängig. Im Gegensatz zu Europa sind dort Produktionskosten, Umweltauflagen und Löhne deutlich niedriger, was die Herstellung in großen Mengen wirtschaftlich attraktiver macht.
Wir sehen zunehmend, dass Handelsabhängigkeiten als geopolitische Druckmittel eingesetzt werden.
Peter Klimek, Komplexitätsforscher und Wissenschaftler des Jahres 2021
Die Abhängigkeit vom internationalen Markt bei essenziellen Arzneimitteln könne Europa zum Verhängnis werden, so Peter Klimek, Komplexitätsforscher an der MedUni Wien und Direktor des Austrian Supply Chain Intelligence Institute (ASCII). „Wir sehen zunehmend, dass Handelsabhängigkeiten als geopolitische Druckmittel eingesetzt werden“, so Klimek. Auch die Abhängigkeit von den USA – etwa bei Blutplasma oder hochtechnologischen Innovationen wie mRNA-Impfstoffen – müsse vor dem Hintergrund aktueller politischer Entwicklungen neu bewertet werden. „Wenn wir mehr Versorgungssicherheit haben wollen, wird das etwas kosten. Es wird nicht die eine Lösung für alles geben, und es ist weder machbar noch wünschenswert, dass wir uns in der EU komplett selbst versorgen können“, so Klimek.
Damit spricht der Forscher die Arzneimittelpreise an. Österreich ist ein Billigland für Medikamente. Ein Großteil der hier vertriebenen Arzneimittel sind vom Erstattungskodex erfasst, bei denen Kundinnen nur eine Rezeptgebühr von 7,55 Euro entrichten müssen. Den Großteil der Einkaufskosten, den die Apotheke an die Pharmagroßhändler und jene wiederum an die Hersteller zahlt, übernimmt die Sozialversicherung. Um Kosten zu sparen und Patientinnen zu entlasten, sind die Verkaufspreise der erstattungsfähigen Medikamente für Hersteller gesetzlich gedeckelt: Der höchste Preis eines Medikaments darf maximal 20 Prozent über dem Preis des billigsten Mittels mit gleichem Wirkstoff liegen. Um von den Krankenkassen gedeckt zu sein, musste sich der Preis von Wellbutrin also am billigsten Generikon orientieren – bis der Hersteller das Produkt im Sommer aus der Erstattung nahm.
Dieser „Preiskorridor“ sei ein Mitgrund für Lieferengpässe, heißt es etwa von der Ärztekammer in einem Interview mit dem „Standard“ oder auch in einer Presseaussendung des Generikaverbands. Österreich sei durch diesen Preisdruck ein unattraktiver Markt für Arzneimittelhersteller geworden. Bei begrenzten Produktionsmengen würden daher Länder mit höheren Erstattungspreisen bevorzugt beliefert.
„Wenn das nicht einmal so viel kostet wie ein Kaugummi, nimmt man das vom Markt“, meint auch Gerhard Kobinger, Vizepräsident der Apothekerkammer. Die niedrigen Preise seien auch für Apotheken eine Belastung. Der von den Sozialversicherungen erstattete Preis vieler Arzneimittel reiche angesichts steigender Personalkosten – insbesondere für Nacht- und Notdienste – kaum zur Kostendeckung aus. „Wenn internationale Konzerne, die aus einem Lagerhaus agieren, mit Kampfpreisen unseren Privatumsatz zusammenschießen, wird es für die klassischen Vor-Ort-Apotheken immer schwieriger, wirtschaftlich zu überleben,“ so Kobinger.
Auch die Pharmagroßhändler sehen sich von dieser Preisgestaltung unter Druck gesetzt. In Zeiten des Mangels bemühen sich Pharmahändler beispielsweise um Alternativprodukte aus dem Ausland, um die nationale Versorgung sicherzustellen. „Die sachgerechte Aufteilung und Alternativen aus dem Ausland zu besorgen, ist die ureigenste Aufgabe des Großhandels“, so Monika Vögele, Generalsekretärin des Arzneimittelvollgroßhändler-Verbands Phago, zu profil. Dies müsse sich jedoch wirtschaftlich rechnen und wertschätzend vergütet werden. „Zwei Drittel der über 200 Millionen jährlich ausgelieferten Packungen haben eine niedrigere Vergütung als ein Briefporto“, so Vögele.
„Zweiklassenmedizin“
Mehr Geld für die einzelnen Glieder der Lieferkette als Vorbeugung gegen Engpässe? Doch wie würde das letztendlich die Patienten treffen? Es herrsche jetzt schon eine Zweiklassenmedizin, kritisiert die Betroffene Elli N.* Die bipolare Diagnose wurde bei der 58-Jährigen – wie bei vielen Frauen – erst spät gestellt. Mithilfe ihrer Medikation führt N. ein erfülltes und erfolgreiches Leben als selbstständige Unternehmensberaterin und Politikerin.
Es heißt immer, man soll arbeitsfähig sein, aber so entsteht ein großer Produktivitätsverlust.
Elli N.*, 58, Betroffene
Der akute Mangel an Bupropion gefährde diese Stabilität, sie selbst sei jedoch finanziell gut abgesichert und wisse sich zu helfen. Andere Betroffene hätten jedoch nicht die Mittel oder das Sicherheitsnetz wie N. „Ich verstehe nicht, wieso man den Zugang zu Medikamenten dermaßen erschwert. Es heißt immer, man soll arbeitsfähig sein“, richtet sie sich mit einem Appell an die Entscheidungsträger. „Aber so entsteht ein großer Produktivitätsverlust.“ Elli N. wünscht sich keine höheren Kosten für ohnehin schwer erhältliche Arzneimittel.
Primar Grundschober spricht sich in diesem Lieferketten- und Preisdilemma darum für höhere Medikamentenkosten bei gleichzeitiger Entlastung der Patientinnen aus. Eine leistbare Versorgung müsse weiterhin gewährleistet werden. Das hieße wohl entweder Einsparungen bei anderen Behandlungsleistungen oder eine Steigerung der Lohnnebenkosten – beides politisch unbeliebte Maßnahmen.
Das zuständige Gesundheitsministerium sieht auf profil-Anfrage die gesetzliche Preisregelung nicht als ursächlich für Lieferengpässe. Sie seien im Gegenteil notwendig für den leistbaren Zugang zu medizinischer Versorgung. Zur Einschränkung wirtschaftlich motivierter Parallelverkäufe führe die Regierung regelmäßig Parallelexportverbote von knappen Arzneigütern ein. Wirkstoffe, die wie Bupropion nicht auf der Exportverbotsliste aufscheinen, seien dementsprechend nicht von Lieferengpässen betroffen, so ein Sprecher des Ministeriums. „Besonders häufig betroffen sind Medikamente für das Nervensystem, das Herz-Kreislauf-System sowie für Verdauung und Stoffwechsel. Trotz dieser Einschränkungen sind derzeit keine konkreten Versorgungslücken ohne verfügbare therapeutische Alternativen bekannt“, so die Stellungnahme.
Schon in Zeiten der Pandemie, zwischen 2020 und 2023, kam es zu erhöhten Lieferschwierigkeiten, vor allem bei Fiebersenkern oder Antibiotika. Seither hat die Regierung eine Versorgungskommission ins Leben gerufen. Die Fiebermedikamente und Antibiotika werden seit dem letzten Lieferengpass in großen Mengen in Apotheken gelagert. Mit dem Infrastruktursicherungsbeitrag erhalten Großhändler außerdem einen Zuschuss, wenn sie günstige Arzneimittel, die nicht verkauft wurden, weiterhin im System halten. Darüber hinaus müssen Großhändler seit 1. Jänner ihren Lagerstand täglich an das Ministerium melden. Wenn die benötigten Arzneimittel von vornherein nicht vorhanden sind, nützt jedoch weder ein Exportverbot noch ein Zuschuss noch die regelmäßige Meldung des Lagerbestandes.
Die Ursachen des Mangels sind vielschichtig. Den Auslöser kann man kaum bei einem einzelnen Akteur festmachen. Und ob man von einem Mangel sprechen kann, hängt davon ab, wen man danach fragt. Eine einfache Lösung wird es nicht geben. Am Ende der Debatte stehen jedoch vulnerable Menschen wie Lena H., Daria T. und Elli N., die auf die Versorgung angewiesen sind. An den kürzesten und kältesten Tagen des Jahres klappern viele Betroffene wie sie die umliegenden Apotheken ab. Sie hoffen auf Restbestände, damit ihr Alltag weiterhin bewältigbar ist. „Ich habe keine Ahnung, wie ich das sonst überbrücken soll“, sagt Daria T.
*Die Namen aller Betroffenen wurden von der Redaktion geändert.
Hannah Müller
ist seit September 2025 bei profil.