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03/31/2021

Kirche und Homosexualität: Für immer Nein

Der Vatikan verbietet die Segnung homosexueller Verbindungen. Das größte Problem hat jetzt die Kirche selbst.

von Robert Treichler, Gernot Bauer, Sebastian Hofer, Elena-Ligia Crisan, Thomas Migge

Nein.

Die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre, eine der bedeutendsten Institutionen der katholischen Kirche, lässt keinen Interpretationsspielraum. Die Frage, die ihr gestellt worden war, verlangte nach einer solchen Eindeutigkeit: „Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?“ Als das Dokument, gezeichnet vom Präfekten der Kongregation, Kardinal Luís Ladaria, am Montag der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, sorgte dies innerhalb und außerhalb der Kirche für Verwunderung und Entsetzen – auch bei hohen und höchsten Würdenträgern. 

In Österreich etwa sprach der Innsbrucker Bischof Hermann Glettler, Familien-Referent in der Bischofskonferenz, von einer „Enttäuschung“, und der Kärntner Bischof Josef Marketz stellte klar, gleichgeschlechtliche Paare seien „nicht Christen zweiter Klasse“. Aus Sicht der Katholischen Aktion Österreich, der größten Laienorganisation des Landes, würde Rom „homosexuellen Menschen in einer diskriminierenden Sprache und mit diskriminierenden Regelungen“ entgegentreten. Die reformatorische „Pfarrer-Initiative“ zeigte sich „zutiefst entsetzt über das neue römische Dekret“. Gar ein „intellektuelles und auch moralisches Armutszeugnis“ stellte die Grazer Universitätsprofessorin für alttestamentliche Bibelwissenschaft, Irmtraud Fischer, der Kongregation aus und wunderte sich, dass „Autos, Haustiere oder österliches Schweinefleisch“ gesegnet werden können, nicht aber sich liebende Menschen gleichen Geschlechts. Der Wiener Dompfarrer Toni Faber kündigt im profil-Interview seinen pastoralen Ungehorsam an:

    Wenn meine Institution, Mutter Kirche, von mir verlangt, dass ich alle nach Hause schicke, die homosexuell lieben, dann muss ich sagen: Nicht mit mir.

    Toni Faber

    Das sagt die Glaubenskongregation

    Ihr „Nein“ begründete die Glaubenskongregation in einer langen „Erläuternden Note“. Demnach seien Segnungen nur möglich, wenn „die zu segnende Wirklichkeit objektiv und positiv“ im Dienst „der Pläne Gottes“ stünde. Es gebe aber „keinerlei Fundament dafür, zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen“. Die Segnung einzelner Schwuler und Lesben sei aber weiter möglich.

    In einer an der Universität Münster ausgearbeiteten Stellungnahme kritisieren 200 Theologie-Professoren aus dem deutschsprachigen Raum, der „Erläuternden Note“ mangle es „an theologischer Tiefe, an hermeneutischem Verständnis sowie an argumentativer Stringenz“. Der Text ignoriere wissenschaftliche Erkenntnisse und sei „von einem paternalistischen Gestus der Überlegenheit geprägt“. 

    Im Nein der Glaubenskongregation hallt eine mehr als 2000-jährige Geschichte nach: die Konstruktion einer sogenannten Sünde, die zu manchen Zeiten als eines der schwersten Verbrechen angesehen wurde, das ein Mensch in den Augen der mächtigsten Religionsgemeinschaft des Abendlandes begehen konnte, und die mit den schlimmsten Strafen belegt war – zuweilen auch mit dem Tod. Von der Bibel und der darin beschriebenen Legende von Sodom ausgehend wurzelt die Verurteilung gleichgeschlechtlicher Sexualität tief in der kollektiven Psyche der Christenheit und lebt auch noch in säkularen Gesellschaften weiter. Überlieferungen von Folter und Kastration, abstruse Gleichsetzungen mit Perversionen wie Sodomie und irrige, religiös hergeleitete Ansichten über Homosexualität wirken bis heute nach. Die Argumentation des negativen „Responsum“, so das vom Vatikan verwendete lateinische Wort für „Antwort“, erscheint angesichts dieser schaurigen Vergangenheit eigentlich wenig überraschend. 

    Für die Kirche ist Sex nur in einer Ehe zur Zeugung kleiner Christen zulässig. Da Homosexuelle miteinander keine Kinder zeugen können, sind sie zur Keuschheit verpflichtet. Die Ablehnung der Segnung für gleichgeschlechtliche Paare ist somit auch mit der – verkorksten – katholischen Sexualmoral begründbar. Und als Folge der Überbetonung der Ehe als Sakrament: Im Katechismus wird die Ehe als Gemeinschaft von Mann und Frau definiert, „die durch ihre natürliche Eigenart auf das Wohl der Ehegatten und auf die Zeugung und die Erziehung von Nachkommenschaft hingeordnet ist“.

    Der Papst hatte große Hoffnungen geweckt

    Wieso also entfacht die vatikanische Ablehnung der Segnung homosexueller Partnerschaften einen derartigen Aufruhr? Konnte man, allen Ernstes, von dem Kollegium aus Kardinälen und Bischöfen, die über die Einhaltung der Glaubenslehre wachen, ein „Ja“ erwarten? 

    Der Papst will über eine nachhaltige Wirtschaft beraten

    Doch, ja, das konnte man. Schuld daran trägt der Papst. Seit Jorge Mario Bergoglio als Franziskus im März 2013 zum Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche gewählt wurde, herrscht in der Kirche Aufbruchsstimmung – mal deutlicher, mal verhaltener. Nach dem knorrig-konservativen deutschen Papst Benedikt XVI. erhofften sich reformfreudige Christen von dem umgänglich lächelnden, bescheiden und volksnah auftretenden Argentinier Bergoglio Modernisierungsschritte in vielen Bereichen – vor allem auch in Fragen der katholischen Sexualmoral. Franziskus befeuerte solche Erwartungen durch gezielte Statements. 

    Bereits in seinem ersten Jahr als Pontifex sprach er das Thema Homosexualität gegenüber Journalisten an. Auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien 2013 wandte sich Franziskus gegen Ausgrenzung und Diskriminierung. Was er damals sagte, klang wie der Auftakt zu einer grundlegenden Änderung der Haltung der Kirche zu gleichgeschlechtlicher Liebe:

    Wenn jemand homosexuell ist, Gott sucht und guten Willens ist – wer bin ich, über ihn zu richten?

    Papst Franziskus

    Zwei Jahre später traf Franziskus bei einer USA-Reise seinen ehemaligen Schüler Yayo Grassi in der Apostolischen Nuntiatur in Washington DC. Grassi erzählte danach gegenüber CNN, er habe auch seinen langjährigen Partner Iwan zu der Begegnung mit dem Papst mitgebracht. Franziskus wisse um seine Homosexualität und habe das schwule Paar bereits einmal in Rom empfangen. Das berichtete auch „Radio Vatikan“. 

    Immer wieder signalisierte der Papst, Homosexualität sei in seinen Augen nicht sündhaft und schon gar keine Rechtfertigung für Diskriminierung. „Ich habe in meinem Leben als Priester, als Bischof und auch als Papst Menschen mit homosexuellen Tendenzen begleitet, auch solche, die ihre Homosexualität praktizieren“, sagte er auf dem Rückflug aus Aserbaidschan im Jahr 2016. 

    Schließlich befürwortete der Papst in einem 2020 beim römischen Filmfestival „Festa del Cinema“ ausgestrahlten Dokumentarfilm des israelisch-amerikanischen Filmemachers Jewgeni Afinejewski sogar eine gesetzliche Regelung homosexueller Partnerschaften: „Sie sind Kinder Gottes und haben das Recht auf eine Familie.“ 

    Dann wieder bezeichnete Franziskus in einem Interview-Buch Homosexualität als „Modeerscheinung“ und riet schwulen Priestern, sie sollten „das Priesteramt niederlegen, um kein Doppelleben zu führen“. 

    Doch die dunkle Vergangenheit, in der Homosexualität für die Kirche einen hinreichenden Grund zur Diskriminierung darstellte, schien überwunden. Spät, aber doch hatte der Geist der Liberalität die hierarchische Spitze der Amtskirche erreicht. Unter katholischen Laien und auf den unteren Ebenen hatte sich die Akzeptanz von Homosexualität längst abgezeichnet.

    Der Widerstand gegen die Diskriminierung innerhalb der österreichischen Kirche

    Auch in Österreich regte sich der offene Widerstand gegen die Diskriminierung von Homosexuellen zunächst an der kirchlichen Basis. Im Jahr 1995 formierte sich eine Schar engagierter Christen und startete unter dem Titel „Kirchenvolks-Begehren“ eine Unterschriftenaktion, um Reformen anzustoßen. Unter anderem forderten sie „mehr Menschlichkeit statt pauschaler Verurteilungen in Fragen der Homosexualität“. Das „Kirchenvolks-Begehren“ wurde von 505.000 Katholikinnen und Katholiken unterschrieben – und blieb ohne Folgen. Weder beim Zölibat noch bei der Gleichberechtigung der Frauen und auch nicht im Umgang mit Homosexuellen zeigte die Amtskirche Beweglichkeit. 

    Einzelne Vertreter des Klerus demonstrierten weiterhin offen ihre Verachtung für Lesben und Schwule. Der Feldkircher Generalvikar Elmar Fischer führte 1996 in einem Schreiben an die Pfarrämter seiner Diözese aus, dass „gewisse geistige Störungen unter Homosexuellen häufiger“ auftreten würden. Der Weihbischof von Salzburg, Andreas Laun, sah in Schwulen und Lesben Leidende, denen geholfen werden müsse, statt sie der „derzeit stetig wachsenden Gruppe in der Kirche“ zu überlassen, die „die Ideologie der militanten Schwulen-Bewegung übernommen“ habe. Bis zu seiner Emeritierung 2017 fiel Laun immer wieder durch einschlägige Äußerungen über Lesben und Schwule („irgendwie gestörte Männer und Frauen“) auf. 

    Offen homophob wie Laun und Fischer waren Österreichs Diözesanbischöfe nicht. Allerdings galt auch für sie Homosexualität lange nicht als Bestandteil des göttlichen Plans. In einer Erklärung der Bischofskonferenz im Jahr 1996 hieß es, Homosexualität sei „nicht einfach als Schöpfungsvariante anzusehen“. Es sei „keine Diskriminierung, auf mit Homosexualität verknüpfte Gefahren und Probleme und auf Sünde hinzuweisen.“ 

    Diesem Weltbild stellte sich ein rebellischer Priester entgegen: Der Pfarrer von Trautmannsdorf an der Leitha und Sarasdorf (Bezirk Bruck/Leitha), Johannes Wahala, forderte 1996 die Bischöfe öffentlich auf, sich den „Realitäten der Natur“ zu stellen. Wahala engagierte sich für homosexuelle Christen, zelebrierte öffentlich Gottesdienste für Lesben und Schwule und trat im ORF auf, wo er die Amtskirche kritisierte. Im November 1997 setzte ihn Erzbischof Christoph Schönborn ab. Der konkrete Vorwurf: Wahala habe „eine ausdrückliche Homosexuellen-Seelsorge“ betrieben, obwohl es dafür kein Mandat gab. Theologisch wurde er beschuldigt, Homosexualität als eine der Heterosexualität gleichwertige „Schöpfungsvariante“ zu sehen.  

    Am Wiener Kardinal lässt sich auch die langsame Haltungsänderung der Kirchenoberen nachvollziehen. Im Jahr 2010 sagte Schönborn in einem Interview: „Beim Thema Homosexualität sollten wir stärker die Qualität einer Beziehung sehen. Und über diese Qualität auch wertschätzend sprechen.“ 2012 stellte er – gegen heftigen Widerspruch aus Rom – klar, dass Homosexuelle Pfarrgemeinderäte werden könnten.

     

    Johannes Wahala ist kirchenrechtlich immer noch Priester. Sein Amt übt er nicht mehr aus, er arbeitet seit Jahren als Sexual- und Psychotherapeut in Wien. Mit Schönborn steht er „in wertschätzendem Einvernehmen“. Der Erzbischof habe sich vom Theologieprofessor mehr und mehr zum Seelsorger gewandelt und mehr Verständnis für „Lebensrealitäten“ gewonnen, so Wahala gegenüber profil. Umso mehr verstört ihn die Erklärung der Glaubenskongregation: „Ich bin in den vergangenen Tagen von lesbischen und schwulen Gläubigen kontaktiert worden, die erschüttert sind.“ Das Evangelium verpflichte die Kirche, gegen jede Form von Diskriminierung und für die Würde homosexuell orientierter Menschen einzutreten. Ansonsten, so Wahala, verliere sie ihren Anspruch, „moralische Autorität in der Gesellschaft zu sein“. Es werde sich zwangsläufig Ungehorsam breitmachen.  

    Auch an der Spitze der Amtskirche sind Anzeichen von Widerstand zu sehen. Wenn österreichische Pfarrer für homosexuelle Paare Segnungsfeiern ausrichten, tun sie das auch in Zukunft mit dem Segen ihrer Vorgesetzten wie Kardinal Schönborn: „Wenn die Bitte um den Segen ehrlich ist, es wirklich die Bitte um den Segen Gottes für einen Lebensweg ist, den zwei Menschen, in welcher Situation auch immer, zu gehen versuchen, dann wird man ihnen diesen Segen nicht verweigern.“ Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Salzburgs Erzbischof Franz Lackner. Bei gleichgeschlechtlichen Beziehungen voller „Liebe, Freundschaft, Fürsorge oder Verantwortung“ falle es schwer, zu glauben, „dass hier durch die Kirche gar keine rituelle Begleitung möglich ist“. Der Kärntner Bischof Josef Marketz bekannte öffentlich, weiterhin Segnungen durchzuführen. Und an zahlreichen Kirchen des Landes wurden als Ausdruck des stillen Protests und der Solidarität mit Lesben und Schwulen Regenbogenfahnen aufgezogen.  

    Andreas Kowatsch, Professor für Kirchen- und Religionsrecht an der Universität Wien, spricht gegenüber profil von „Prozessen, die vor 20 Jahren in Kirche und Gesellschaft noch nicht vorstellbar“ gewesen wären: „Die Kirche lässt Erkenntnisse aus der Humanwissenschaft und den Naturwissenschaften in die Glaubenslehre einfließen. Dass es dabei zu Verwerfungen kommt, ist verständlich.“ 

    Solche „Prozesse“ mündeten schließlich in einen Zweifel an der herrschenden Lehre der Kirche, die Homosexuelle diskriminiert, indem sie ihnen, wenn sie eine partnerschaftliche Verbindung eingehen, den Segen dafür verweigert. Dieser Zweifel, lateinisch „dubium“, war der Ausgangspunkt für die Beschäftigung der Glaubenskongregation mit dieser Angelegenheit.

    Die Gläubigen sind mehrheitlich anderer Meinung als der Vatikan

    Was berichten homosexuelle Gläubige?

    Jonathan Z.* braucht keinen Segen mehr. Voriges Jahr trat er aus der katholischen Kirche aus. Für den Gang zum Magistrat brauchte er mehrere Anläufe, Panikattacken befielen ihn. „Das Schlimme ist, man hat trotzdem ein schlechtes Gewissen.“ Heute fühlt er sich befreit. Er besucht evangelische Gottesdienste und lebt mit seinem Freund in Wien. *Name von der Redaktion geändert 

    Mit der Kirche aufgewachsen, später Jugendleiter und Vorsitzender der Katholischen Jugend Oberösterreich – eine typisch katholische Laufbahn. Doch Stefan Asböck ist homosexuell. „So wie man ist, darf man sein,“ war die Botschaft seiner Jugendgruppe. Während Asböck von der einen Seite Unterstützung erfuhr, kam die Ernüchterung von der anderen. Sein ehemaliger Priester schickte ihm einen dreiseitigen Brief: Er verwechsle bloß Freundschaft mit Liebe. Er sei krank, in einem Männerkloster könnte er geheilt werden. „Dieses Wort – krank – macht viel aus.“ Heute fühlt er sich gefestigt und selbstbewusst. Bis zur Bekanntgabe des Vatikans, homosexuelle Paare nicht zu segnen, hatte er noch auf Veränderung gehofft.

    Die Lesbisch-Gay-Bisexuell-Transgender-Intersexuell-Queer-Szene in die Kirche bringen oder mit der Kirche in die LGBTIQ-Szene gehen? Katharina Payk möchte beides. Sie ist Vikarin, also angehende Pfarrerin, in der evangelischen Kirche. In der ökumenischen LGBTIQ-Community arbeitet sie mit Menschen aus allen Konfessionen. Die Vikarin möchte queere Muster in der Bibel sichtbar machen – in Predigten, Vorträgen und in der Seelsorge. So sei etwa der Treuespruch „bis uns der Tod scheide“ auf zwei Frauen aus dem Alten Testament zurückzuführen – Ruth und Naomi. Der christliche Glaube biete der LGBTIQ-Community viele Ressourcen, weswegen sie im Rahmen der Langen Nacht der Kirchen am 28. Mai einen queeren Gottesdienst „One of Us“ in der Bekenntniskirche Wien-Donaustadt veranstaltet. „Wir müssen hinschauen, was wir als Kirchen kaputtgemacht haben, und was davon man wieder aufrichten kann.“

    Heute arbeitet Baumgartner als Pastoralassistent in Brunnenthal in Oberösterreich. Vor wenigen Tagen hängte er eine Regenbogenfahne an die Kirchentür und stellte sich zum Predigen vor die Pfarre. „Ich will diesen Kräften nicht das Feld überlassen.“ Es sei verlockend, in eine Konfession überzutreten, die gleichgeschlechtliche Liebe segnet. Doch „ich lass’ mir meine Kirche nicht kaputtmachen“, sagt er. Er möchte informieren, hilft Homosexuellen, sich selbst zu akzeptieren, und zeigt Gemeinden bei Workshops, wie sie sich dem Thema öffnen können. „Viele fragen mich, wo sie auch so eine Fahne bekommen können.“ Was macht die Entscheidung des Vatikans mit Baumgartner? „Es tut weh, wie die Botschaft transportiert wurde.“ Die Aussage selbst sei nichts Neues – er glaubt aber, „dass gleichgeschlechtliche Paare schon von Gott gesegnet sind.“ Ein Priester könne diesen Segen aussprechen – oder nicht.

    Die Lage scheint paradox. In fast allen westlichen Demokratien sind gleichgeschlechtliche Ehen mittlerweile gesetzlich erlaubt, in Österreich seit 1. Jänner 2019. Die Gläubigen haben sich längst an diese Realität gewöhnt, auch Priester und sogar hohe Würdenträger bis hinauf zum Papst sehen keinen Grund, homosexuelle Gläubige als Mitglieder ihrer Gemeinden abzuweisen. Die aktuelle profil-Umfrage ergibt, dass bloß 13 Prozent der Befragten Verständnis für die Entscheidung des Vatikans haben. Eine Mehrheit von 64 Prozent lehnt die negative Haltung ab, 21 Prozent interessieren sich nicht dafür, was die Kirche tut. Warum also beharrt der Vatikan auf dem umstrittenen Verbot, homosexuelle Partnerschaften zu segnen?

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    Die Antwort darauf ist im Palazzo del Sant’Uffizio zu finden, dem Sitz der Glaubenskongregation, neben dem Petriano-Eingang zur Vatikanstadt gelegen. Diese Institution wurde 1542 von Papst Paul III. als „Heilige Römische und Universale Inquisition“ gegründet und fungierte als eine Art Tribunal für Fälle von Abweichungen vom rechten Glauben. Bis ins Jahr 1917 führte sie auch den Index der verbotenen Bücher. Was die Glaubenskongregation ihrem Selbstverständnis nach ist, erfahren sie auf ihrer Webseite.

    Heute dient das Kollegium aus Kardinälen, Bischöfen und Experten aus allen Ländern der Welt gemäß seinem Selbstverständnis als „Werkzeug in den Händen des Papstes“, um wichtige Fragen des Glaubens und der Moral zu klären. Das macht die Glaubenskongregation, indem sie die Heilige Schrift, den Katechismus und die Dogmen der Kirche studiert. 1975 erklärte sie Homosexualität als „in sich nicht in Ordnung“. Erst 1986 stellte ihr Präfekt Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. – klar, homosexuelle Neigungen seien keine Sünde mehr, homosexuelle Praxis aber sehr wohl. Ratzingers starre Haltung spiegelt sich im Katechismus, dem Regelwerk der Kirche, wider. Dort heißt es: „Homosexuelle Handlungen verstoßen gegen das natürliche Gesetz, denn die Weitergabe des Lebens bleibt beim Geschlechtsakt ausgeschlossen.“ Sie seien „in keinem Fall zu billigen“, homosexuelle Menschen „zur Keuschheit gerufen“. Da diese ihre Veranlagung nicht selbst gewählt hätten, sei ihnen aber „mit Achtung, Mitleid und Takt zu begegnen“.  

    Lässt sich ein Verbot der Homosexualität aus der Bibel ableiten? Kaum. Nur im Buch Levitikus findet sich im Kapitel 18,22 eine entsprechende Stelle:

    Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel.

    Levitikus 18,22

    Unter 18,23 findet sich eine weitere Unzucht:

    Keinem Vieh darfst du beiwohnen; du würdest dadurch unrein.

    Levitikus 18,23

    Dass ein alttestamentlicher Text, der Homosexualität auf eine Stufe mit Sodomie stellt, im 21. Jahrhundert noch Richtschnur sein könnte, mutet einigermaßen grotesk an. Im Neuen Testament findet sich ein Hinweis zur Homosexualität allein in den Paulusbriefen, etwa im Brief an die Römer, Kapitel 1,27:

    Männer trieben mit Männern Unzucht und erhielten den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung.

    Römerbrief Kapitel 1,27

    In den Evangelien wird Homosexualität nicht erwähnt, geschweige denn problematisiert. 

    Die Glaubenskongregation ist keine politische Institution, die gesellschaftliche Entwicklungen oder den Stimmungswandel in der Bevölkerung in ihr Urteil miteinbezieht. Sie entscheidet nach den Buchstaben der – heiligen – Texte. Hätte sie in der Streitfrage der Segnung homosexueller Partnerschaften die gesellschaftspolitischen Umstände mitbedacht, wäre der Fall aber auch nicht einfacher gewesen. In weiten Teilen der katholischen Welt – vor allem in Afrika – wird Homosexualität viel negativer beurteilt als etwa in Europa. 

    Doch der Fall ist nun ohnehin entschieden, eine Berufungsinstanz kennt die Kirche nicht, zumal der Spruch der Glaubenskongregation vor Veröffentlichung dem Papst vorgelegt werden musste. Hier steht der Vatikan, und offenbar kann er nicht anders.

    Mit dem Beharren auf einer – zumindest symbolischen – Diskriminierung von Homosexuellen weist sich die katholische Kirche in westlichen Demokratien selbst einen Platz am Rand der Gesellschaft zu. Die Zeiten, als sie das Denken und Handeln der Menschen dominieren konnte, sind längst vorbei. Die Kirche gibt keine Gesetze mehr vor, die Machtverhältnisse haben sich geändert. Der Vatikan und seine Ortskirchen haben nur noch so viel moralische Autorität, wie ihnen die Menschen zubilligen. 

    Diese Autorität aber schwindet, und man kann das durchaus auch bedauern. In der Flüchtlingsfrage etwa erhebt die Kirche ihre Stimme oft, um Menschlichkeit einzumahnen. Aber verantwortlich für ihren Niedergang ist die Kirche selbst. Die zahlreichen Missbrauchsskandale, bei denen Priester sich vor allem an Buben vergingen, fügten ihrer Glaubwürdigkeit großen Schaden zu. Auch der störrische Kampf gegen Kondome angesichts des Kampfes gegen das Aids-Virus stieß selbst Wohlmeinende vor den Kopf.  

    In der Frage der Gleichberechtigung der Geschlechter erweist sich der Katholizismus als reformresistent. Und nun der Affront gegenüber den Gleichgeschlechtlichen. 

    Die katholische Kirche ist unfähig zur Reform, und sie ist in sich zerrissen. Gläubige Homosexuelle werden ohne sie auskommen. Manche treten zum Protestantismus über, andere gehen in die innere Emigration, wieder andere kehren dem Glauben den Rücken. Vor dem viel größeren Problem steht die Kirche selbst. Es wird die Frage gestellt werden, ob sie in moralischen Dingen noch echte Relevanz hat. Die Antwort könnte sehr schlicht ausfallen: 

    Nein. 

     

     

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