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Österreich
03/19/2020

profil-Morgenpost: Abstandsmessung

Über das Joggen in Zeiten des Coronavirus.

von Clemens Neuhold

Clemens Neuhold

Als joggender Journalist fühlt man sich dieser Tage ein bisschen wie ein Kriegsberichterstatter. „Nous sommes en guerre!“ („Wir sind im Krieg“), sagte Präsident Emannuel Macron bei Verhängung der rigiden Ausgangssperre in Frankreich. In Österreich sind Jogger mit einer Sondergenehmigung unterwegs. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat mehrfach klargestellt, dass die österreichische Lösung der Ausgangssperre Joggen inkludiert. Tirols Landeshauptmann Günther Platter versicherte selbst für sein besonders Corona-verseuchtes Bundesland: „Spazierengehen ist erlaubt.“ Man stelle sich vor, jemand erwacht aus dem Tiefschlaf und checkt die Hauptmeldungen auf orf.at: „Platter: Spazierengehen erlaubt.“ Na gute Nacht.

Worauf es beim Joggen und Spazierengehen in diesen surrealen Zeiten ankommt: Social Distancing. Zu Deutsch: Abstandhalten. Empfohlen ist ein Meter, ich bevorzuge die doppelte Distanz, streng nach der Corona-Netiquette: je distanzierter, desto freundlicher. In nach wie vor belebteren Gegenden wie dem Wiener Brunnenmarkt wird Joggen so zum wahren Spießrutenlauf, mit Hakenschlagen als Sonderdisziplin. Passanten, die sich darüber wundern, werden angelächelt.

Das österreichische Startup Runtastic könnte seinen Routen-Messer um einen Abstandsmesser erweitern. Wer anderen beim Joggen zu nahe kommt, vernimmt ein Warn-Signal auf der Lauf-Uhr. Ein grimmig-rotes Emoji tadelt ihn. Zurück in der grünen Abstandszone schenkt ihm seine App ein Lächeln (das Patent ist hiermit angemeldet). Allerdings birgt solch ein App die Gefahr, dass Überwachungsstaaten sich das Tool krallen, um Verstöße gegen das Social Distancing aufzuspüren und zu bestrafen. Dystopisch? Der Präsident der norditalienischen Region Venetien hat sich für die Bewegungsverfolgung der Handys ausgesprochen, um Verstöße gegen die landesweit verhängte Ausgangssperre zu bekämpfen. Im Notstand sei diese Einschränkung der Privatsphäre erlaubt. In Österreich liefert der Handybetreiber A1 der Regierung Bewegungsprofile seiner Nutzer, um die Einhaltung der Ausgangssperre zu prüfen. Zum Überwachungsstaat auf Zeit ist also auch die Alpenrepublik längst mutiert.

Gehen wir spazieren und joggen, so lange wir noch können. Achten wir auf den Abstand. Halten wir das Virus auf Distanz und verteidigen so die österreichische Lösung der Ausgangssperre gegen die totale Überwachung und Kasernierung. Auf dass wir bald wieder mit normalen Headlines aufwachen.

Bleiben Sie frei und gesund!

Clemens Neuhold

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