ÖGB: Wie lange bleibt Wolfgang Katzian Chef?
Eigentlich endet Wolfgang Katzians Amtszeit als Präsident des Österreichischen Gewerkschaftsbunds (ÖGB) erst in zwei Jahren. Und eigentlich gibt es keinen akuten Anlass für eine Diskussion über die Neubesetzung der Spitze des mächtigen ÖGB. Trotzdem wird seit Monaten über seine Ablöse gemunkelt und dass diese bereits im kommenden Jahr erfolgen könnte.
Wolfgang Katzian selbst bezeichnet derlei Spekulationen im Gespräch mit profil als „völligen Holler“. Er werde sicher bis Juni 2028 im Amt bleiben. „Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich ein Mensch bin, der sehr genau plant“, sagt er spitzbübisch. Seine Pläne verrät der 69-jährige Gewerkschafter allerdings nicht – weder, ob er für eine weitere Amtszeit zur Verfügung stünde; noch, wer ihm aus seiner Sicht nachfolgen könnte; und schon gar nicht, wer sein Wunschkandidat wäre.
Die Position des Präsidenten des Österreichischen Gewerkschaftsbunds ähnelt dem Amt des Erzbischofs von Wien: nominell ein Platz an der Sonne, als Vorstand einer Organisation mit mehr als einer Million Mitglieder, operativ jedoch ein Knochenjob.
Und wie in der katholischen Kirche schrumpft die Mitgliederzahl auch in der Gewerkschaft seit Jahrzehnten dramatisch. Waren in den vergangenen Jahrzehnten noch bis zu zwei Drittel aller Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert, sind es heute nur mehr 20 Prozent.
Zudem hat der Gewerkschaftschef einen komplexen Apparat zu lenken und sieben verschiedene Teilgewerkschaften samt deren unterschiedlichen Befindlichkeiten und Interessen unter einen Hut zu bringen. Da hat der Präsident oft weniger zu sagen als die Teilgewerkschaftsbosse. Und genau deshalb würden sich viele potenzielle Nachfolgerinnen und Nachfolger wünschen, der Kelch würde an ihnen vorübergehen.
Die Gewerkschaft ist, ebenso wie die anderen Sozialpartner, immer noch ein Machtfaktor in der Republik. Zum einen, weil sie stark mit der Politik und den Parteien verflochten ist, wenn nicht gar verfilzt. Den Roten wie den Schwarzen dient sie als Personalreservoir. „In dieser Intensität ist es im europäischen Vergleich ein österreichisches Spezifikum“, sagt Laurenz Ennser-Jedenastik, Professor am Institut für Staatswissenschaften der Universität Wien.
Allein in der aktuellen Regierung sind mit SPÖ-Sozialministerin Korinna Schumann, die aus der Gewerkschaft kam, SPÖ-Finanzminister Markus Marterbauer aus der Arbeiterkammer und ÖVP-Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer aus der Wirtschaftskammer drei lupenreine Sozialpartner im Amt.
Die andere Machtbasis der Gewerkschaft sind ihre Funktionen innerhalb des Sozialversicherungssystems. Unter den ÖVP-Bundeskanzlern Wolfgang Schüssel und Sebastian Kurz wurde diese Einflusssphäre allerdings beschnitten – eine Entwicklung, an der die Roten bis heute kiefeln.
Zudem verändert sich, langsam aber sicher, auch von innen her die Struktur der Gewerkschaft. „Früher war der typische Gewerkschafter ein roter Hackler in einem Industriebetrieb“, sagt Politologe Laurenz Ennser-Jedenastik. „Heute sind es Polizisten, Mittelschullehrer oder Gesundheitspersonal.“ Die ÖVP-nahe Gewerkschaft Öffentlicher Dienst (GÖD) ist auch die einzige, die aktuell ihre Mitgliederzahl steigern kann. „Nicht unwahrscheinlich, dass die GÖD eines Tages die stärkste Teilgewerkschaft werden könnte.“
Wolfgang Katzian wird oft als eine integrative Figur bezeichnet, die sowohl nach innen als auch nach außen konstruktiv und fair agiere. Die Zeichen würden jedoch auf einen Generationenwechsel stehen, heißt es aus gut informierten Kreisen. Deshalb schließen intern viele aus, dass Katzian selbst, auch aufgrund seines Alters, wieder kandidieren wird.
Als möglicher Thronfolger wird der 47-jährige Metaller-Chef Reinhold Binder genannt, ebenso wie der 54-jährige Roman Hebenstreit, Chef der vida, die die Eisenbahner ebenso wie Hotel- und Gastgewerbe vertritt. Hebenstreit gilt vielen jedoch als zu forsch im Auftreten, zu kämpferisch und wenig integrativ – kein Katzian, der seine inneren und äußeren Kritiker mit Hacklerschmäh in rote Watte rennen lässt. Weder Binder noch Hebenstreit wollen sich gegenüber profil zu dem Thema äußern.
In der Geschichte des ÖGB stand noch nie eine Frau an der Spitze. Viele würden sich genau das nun wünschen. Eine aussichtsreiche Kandidatin dafür gäbe es mit Barbara Teiber. Sie ist Chefin der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), der größten Teilgewerkschaft mit rund 290.000 Mitgliedern. Teiber selbst will ebenfalls nichts kommentieren, es wäre jedoch nicht das erste Mal, dass Teiber Katzian nachfolgt. Als dieser im Jahr 2018 von Erich Foglar den Posten des ÖGB-Präsidenten übernahm, rückte die gebürtige Meidlingerin, damals erst 40 Jahre alt und bis dahin politische Sekretärin in Katzians Büro, auf Katzians Posten in der GPA nach. Katzian, ein Förderer Teibers, bezeichnete sich selbst dereinst als ihr „Fan“.
Nach vielen Parametern wäre Teiber die logische Kandidatin. Doch das muss nicht unbedingt der Logik der roten Reichshälfte entsprechen. Im ÖGB hält die Fraktion Sozialdemokratischer Gewerkschafter (FSG) seit 1945 die Mehrheit und hat bislang jeden Präsidenten bestimmt. Zwar stimmten beim letzten Bundeskongress im Jahr 2023 an die 400 Delegierte über die Besetzungsspitze ab, doch es ist die FSG, die schaltet und waltet und die Macht innerhalb des Gewerkschaftsbunds zwischen den Teilgewerkschaften austariert.
Und zwar nicht nur für die Besetzung der Spitze des ÖGB, sondern auch der Arbeiterkammer. Auch dort steht ein Wechsel an: Im Jahr 2029 endet die Periode von Präsidentin Renate Anderl. Dort gab es bereits in den 1990er-Jahren mit Lore Hostasch die erste Frau an der Spitze. Drei Jahrzehnte später könnte die Zeit auch für den ÖGB reif sein.