Die Innenansicht des PVE Floridsdorf
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Primärversorgung: Wie Wiens Hoffnung gegen volle Ambulanzen wirkt

Primär-Versorgungseinheiten schießen in Wien förmlich aus dem Boden. Aber sind sie auch ein wirksames Mittel gegen das kränkelnde Gesundheitssystem?

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Die alten Eingangsschilder von der Ordination von Doktor Naghme Kamaleyan-Schmied sind noch nicht ganz entfernt. Es prangert noch groß „ Ordination“  über der verlassenen Praxis in Floridsdorf, Name und Öffnungszeiten hängen auch noch. Die Vizepräsidentin der Ärztekammer Wien und Allgemeinmedizinerin ist umgezogen. Allerdings nicht weit: Zwei Häuser weiter praktiziert sie jetzt im niegelnagel neuen PVE21 gemeinsam mit ihrer Kollegin Susanne Schneglberger. Es ist keine einfache Ordination, es ist eine Primärversorgungseinheit. Die 30. der Stadt.

Wien ist quasi in einem PVE-Rausch. 39 Primärversorgungseinheiten (PVE) gibt es schon, neun davon Kinder-PVE. Bis 2030 sollen es 94 sein. Und im Gegensatz zu vielen anderen politischen Versprechen könnte sich das auch ausgehen. Die Stadt ist auf Kurs, gefühlt eröffnet jede Woche ein neues PVE, Meidling, Penzing, Floridsdorf, man verliert den Überblick. PVE zeichnen sich durch ein paar Besonderheiten aus: Mindestens zwei Ärzt*innen arbeiten in einem Team mit anderen Gesundheitsberufen. Das Modell besticht mit längeren Öffnungszeiten für die Patientinnen und Patienten und durch Förderzuschüsse für die Betreiber. 

Das kostet auch: Pro Jahr gibt die Stadt ungefähr einen zweistelligen Millionenbetrag aus, um den Ausbau der Primärversorgungseinheiten zu beschleunigen, sagt die ÖGK. Genauere Zahlen gibt es nicht. Klar ist: Wien nimmt deutlich mehr in die Hand, als andere Bundesländer. Ziel ist, der Bevölkerung eine niederschwellige und wohnortnahe medizinische Versorgung zu bieten und sie damit gleichzeitig aus den Spitalsambulanzen fernzuhalten. Die Wiener Politik hat sich also entschieden, das kränkelnde Gesundheitssystem mit einer hohen Dosis PVE zu behandeln. Aber wirkt das Mittel auch? 

Konkrete Studien zur Wirkung der Primärversorgungseinheiten im Gesundheitssystem gibt es wenige. Über die, die es gibt, hat die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) den Überblick. Das ist das nationale Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen. Die Erhebungen zeigen: Ja, PVE leisten ihren Beitrag. Die groben Probleme im System lassen sich aber durch diese Einheiten nicht ausmerzen: Eine älter werdende Gesellschaft, Ärztemangel, vor allem bei Kassenleistungen, wenig Fokus auf Prävention. Und auch PVE stellen jene, die sie eröffnen wollen, vor Herausforderungen.

Erste Analysen zeigen: Ja, PVE entlasten Spitäler

Wien verfolgt seit Jahren eine klare Strategie: weg vom teuren Spitalsbett, hin zur ambulanten Versorgung. Dafür baut die Stadt sogenannte dezentrale Gesundheitszentren aus – von den PVE bis zu Erstversorgungsambulanzen und Ambulatorien. Gleichzeitig sollen bis 2030 rund 800 Spitalsbetten abgebaut werden.

Die Stadt investiert massiv in den niedergelassenen Bereich. Laut ÖGK stiegen die Ausgaben für die vertragsärztliche Versorgung in Wien zwischen 2020 und 2024 um 57 Prozent – stärker als im österreichweiten Durchschnitt von 45 Prozent.

Erste Evaluationen deuten darauf hin, dass PVE tatsächlich zur Entlastung beitragen. Das erste österreichische PVE in Wien-Mariahilf wurde 2015 eröffnet und bereits 2017/18 untersucht. Das Ergebnis: Patientinnen und Patienten suchten seltener Spitalsambulanzen und Fachärzt*innen auf. Auch jüngere Studien aus Niederösterreich und der Steiermark finden ähnliche Ergebnisse. Eine Erhebung aus der Steiermark von 2022 kommt zum Schluss, dass zwischen 59 und 74 Prozent der Patientinnen und Patienten in PVE fallabschließend behandelt werden konnten, also keine weitere Stelle als das PVE aufsuchen mussten.

Die Datenlage bleibt allerdings begrenzt. Sowohl die Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) als auch die ÖGK betonen, dass sich viele Effekte noch schwer messen lassen. Klar ist aber auch: PVE führen nicht automatisch zu weniger medizinischen Leistungen. Weil der Zugang niederschwelliger ist, gehen Menschen mit PVE in der Nähe dort häufiger zum Allgemeinmediziner. 

Wie stark PVE mittlerweile Teil der Versorgung sind, zeigt ein Rechnungshofbericht aus dem Jahr 2024: Damals wurden bereits fünf Prozent der österreichischen Bevölkerung durch PVE versorgt. Laut GÖG dürfte der Anteil inzwischen deutlich höher liegen, weil sich die Zahl der Einrichtungen in den vergangenen drei Jahren verdreifacht hat. Das hat auch mit erhöhten Förderungen zu tun.

Dass gleichzeitig Spitalsbetten reduziert werden können, sei laut Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker allerdings nicht allein auf PVE zurückzuführen. Viele Eingriffe könnten heute ambulant oder tagesklinisch durchgeführt werden, die früher einen stationären Aufenthalt erfordert hätten.

Wie die dezentralen Gesundheitseinrichtungen wirken, unterstreicht auch eine Auswertung der bundesweiten Zielsteuerung Gesundheit aus dem Jahr 2023: Nach der ÖGK-Reform der schwarz-blauen Bundesregierung 2019 brach die Dichte niedergelassener Kassenärztinnen und -ärzte österreichweit drastisch ein – dieser Trend setzte sich in den Folgejahren in allen Bundesländern fort. Mit einer Ausnahme: Wien. Hier kehrte sich die Entwicklung ab 2021 um. Zum Zeitpunkt der Auswertung 2023 hatte die Bundeshauptstadt die Folgen der Kassenreform noch nicht vollständig wettgemacht. Doch damals wurde geschätzt, der Ausbau der Regionalen Gesundheitszentren würde zur Erholung beitragen. Im Gegensatz zu den anderen Bundesländern, wo auch weiterhin ein Abwärtstrend prognostiziert wurde.

Der Kurswechsel der Ärztekammer

Dass Kamaleyan-Schmied ein PVE eröffnet mit einer ganzen Reihe an hochkarätigen Gästen vom Präsident der Ärztekammer Wien Johannes Steinhart, über die beiden Chefs der ÖGK Peter McDonald und Andreas Huss bis zu Bürgermeister Michael Ludwig und Gesundheitsstadtrat Peter Hacker wäre in dieser Form wohl vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen. Denn die Ärztekammer stand PVE am Anfang durchaus kritisch gegenüber. Herausforderungen gibt es immer noch, wie Steinhart beim Festakt auch als einziger offensiv ansprach.

Denn die Gründung ist kein Selbstläufer, trotz hoher Zuschüsse. Das fängt bei der Raumfrage an. Während eine Einzelordination teils in einer einfachen Wohnung Platz findet, braucht eine PVE deutlich mehr: mehrere Behandlungszimmer, Flächen für Teamarbeit, Therapie- und Besprechungsräume. Geeignete Objekte dieser Größenordnung sind in Wien rar. Damit hat die Hauptstadt sogar einen Nachteil gegenüber anderen Bundesländern.

Ist die Immobilienfrage gelöst, warten die nächsten Baustellen. Qualifiziertes Personal zu finden, gilt als eine der drängendsten Herausforderungen überhaupt. Gleichzeitig türmen sich die laufenden Kosten: Personal, Infrastruktur, Miete – all das schlägt monatlich zu Buche, unabhängig davon, wie sich die Einnahmen entwickeln. Denn das unternehmerische Risiko tragen allein die gründenden Ärztinnen und Ärzte. 

Nicht nur Kamaleyan-Schmied schilderte diesen Hürdenlauf bei der Eröffnung. Andere Ärztinnen und Ärzten, die ein PVE gegründet haben, erzählen ähnliches. Nicole Grois betreibt eines der neun Kinder-PVEs in Wien, die Kindermedizin Fuchsthal im 9. Bezirk. Auch sie klagt über die Bürokratie bei der Gründung, die Schwierigkeit, eine gute Immobilie zu finden und Personalmangel. 

Laut Grois die größte Krux: Die Kassentarife. „Es ist gut, dass es in einem PVE gleich die Sozialarbeiterin und die Psychologin neben der Ärztin gibt, aber wir bräuchten doppelt so viele von ihnen. Nur ist es wahnsinnig anstrengend, in einem Kinder-PVE zu arbeiten und da muss man auch einmal jemanden finden, der dazu bereit ist zum Kassentarif.”

Expertin erkennt Sinneswandel weg vom Spital

Die Patientinnen und Patienten sind jedenfalls zufrieden, meint das GÖG. Die Evaluationen zeigen, neun von zehn empfehlen PVE weiter. Wobei sowohl GÖG als auch Ärztekammer einen Generationen-Unterschied sehen: Während die Jungen das Angebot schätzen, haben Ältere Sorgen, ihre persönliche Ansprechperson zu verlieren. Allerdings informieren auch Primärversorgungszentren darüber, wer wann Dienst hat. In der Regel können sich Patientinnen und Patienten auch einen Termin bei einem konkreten Arzt oder Ärztin ausmachen. 

Grundsätzlich sieht die stellvertretende Leiterin für Primärversorgung in der GÖG Sarah Burgmann einen Kulturwandel. Vor allem in Wien wäre es einfach, ins Spital zu gehen, aber, die Menschen scheinen sich immer öfter dagegen zu entscheiden: „Wir sehen, wie positiv sich Primärversorgungseinheiten auswirken: Patientinnen und Patienten bekommen dort rasch Orientierung, werden multiprofessionell betreut und müssen nicht Stunden warten wie in einer Spitalsambulanz. Solche Veränderungen im Verhalten brauchen Zeit – aber wir sehen, dass sie funktionieren.“

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.