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Österreich
06/26/2020

profil-Morgenpost: Bitte löschen!

Guten Morgen!

von Stefan Melichar

Meine Kollegin Christina Hiptmayr hatte so eine Vorahnung: Anfang der Woche warnte sie an dieser Stelle, die Erwartungen in Bezug auf Star-Auskunftsperson Bundeskanzler Sebastian Kurz im Ibiza-Untersuchungsausschuss allzu hoch zu schrauben. Auf „unbotmäßige“ Fragen würden sich nämlich Antwortmöglichkeiten wie „Dazu habe ich keine Wahrnehmung“ oder „Das ist mir nicht erinnerlich“ anbieten.

Insgesamt sollte meine Kollegin Recht behalten. In einem Punkt kam aber dann doch Spannendes ans Tageslicht. So stellte sich heraus, dass es jemanden gibt, der regelmäßig die SMS des Kanzlers löscht. Pech für den Ausschuss: Das Erinnerungsvermögen dürfte dieser Mangel an nachvollziehbarer Kommunikation nicht verbessern. In der Gesamtsicht ist es jedoch nur konsequent: Schließlich gibt es im Kurz-Umfeld auch jemanden, der unter falschem Namen bei einer Schredderfirma Festplatten des Bundeskanzleramtes pulverisieren ließ. Manches soll halt nicht in falsche Hände fallen. Und gründliches Aufräumen kann ja durchaus für ein befreites Gefühl sorgen. „Magic Cleaning“ am Ballhausplatz sozusagen.

Einer, der sich nachträglich wohl einen persönlichen, hauptamtlichen SMS- und WhatsApp-Löscher gewünscht hätte, ist Ex-Vizekanzler Heinz-Christian Strache: Dessen Chats beschäftigen sogar die Justiz. Ein durchaus versierter Handy-Bereiniger ist hingegen Novomatic-Eigner Johann Graf. Als Ermittler in der Causa Casinos im August 2019 sein Mobiltelefon überprüften, fanden sie darauf lediglich Anrufe vom selben Tag. Graf erklärte, dass er jeden Abend seine Anrufliste lösche, und zeigte das auch gleich vor. Die Löschung erschien dem ermittelnden Staatsanwalt „durchaus geübt, zumindest recht flüssig“, wie er in einem Vermerk festhielt: „Es wirkte so, als würde er dies jedenfalls nicht zum ersten Mal gemacht haben.“ In der nächsten Ausgabe von profil berichten wir im Detail darüber, welche Daten die Ermittler in der Causa Casinos gerne noch gehabt hätten, die aber – leider, leider – nicht mehr vorhanden sind.

Nun lenkt Graf – der wie alle anderen Betroffenen sämtliche Vorwürfe bestreitet – ein Privatunternehmen, Sebastian Kurz hingegen die Republik Österreich. Wenn in Bausch und Bogen schriftliche, dienstliche Kommunikation in Politik und Verwaltung gelöscht wird, ist das letztlich nur ein weiteres Symptom tiefsitzender Transparenzfeindlichkeit, wie sie hierzulande fast schon zur Perfektion getrieben wird. Ich durfte diese Woche etwa versuchen, öffentlichen Stellen umfassende Detailinformationen zu einem bestimmten Themenbereich abzutrotzen. Vielleicht schreibe ich am Ende des Tages nicht nur einen Artikel über meine Erlebnisse, sondern ein Buch.

Worum es darin genau gehen wird, kann ich Ihnen jetzt noch nicht verraten. Streng geheim. Sie wissen: Jedes Schriftl ein Giftl. Wahrscheinlich habe ich ohnehin schon zu viel aus dem Nähkästchen geplaudert. Bitte löschen Sie also diese Nachricht umgehend! Oder noch besser: Lassen Sie sie löschen!

Danke!

Ihr Stefan Melichar