2026 erhöht die Hauptstadt ihre Gebühren und kürzt ihre Ausgaben wie selten zuvor. Trotzdem wächst der Schuldenberg in atemberaubendem Tempo. Ab welcher Höhe könnte ein Crash drohen? Eine Vermessung.
Kennen Sie das Rothschildschloss? Es ist das Wahrzeichen von Waidhofen an der Ybbs, benannt nach seinen Besitzern im 19. Jahrhundert. 2002 kaufte es die Stadt. Inzwischen gehört es der Bank. Das Wahrzeichen wurde verpfändet, weil die Schuldenlast der niederösterreichischen 11.000-Einwohner-Stadt erdrückend ist. Um eine Insolvenz abzuwenden, könnten bald auch das Alte Rathaus oder die Gemeindewohnungen verkauft werden müssen.
Letzteres hat Wiener Neustadt bereits beschlossen. Die Stadt wird sukzessive zwei Drittel ihrer 2200 Gemeindewohnungen an private Investoren verkaufen. Die Finanzen der mit 50.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Niederösterreichs sind derart angespannt, dass sie anstehende Sanierungen in ihren kommunalen Wohnbauten nicht mehr stemmen kann.
Wien hat zwei Millionen Einwohner und 100 Mal so viele Gemeindewohnungen wie Wiener Neustadt. Mit 220.000 Wohnungen ist die Stadt eine der größten Immobilienbesitzerinnen Europas. Ein Verkauf des Wiener Familiensilbers zur Schuldentilgung? Der Karl-Marx-Hof „for sale“? Wiens Finanzstadträtin Barbara Novak (SPÖ) ist dort aufgewachsen. Sie stellt klar: „Die Veräußerung von Gemeindewohnungen zur Schuldentilgung ist ausgeschlossen – so war es in der Vergangenheit, und so wird es in der Zukunft sein.“
Allein diese Frage zu stellen, grenzt in Wien an Häresie. Der Gemeindebau ist das Fundament des Roten Wien, für dessen Sanierung immer Geld da sein wird. Ganz sicher?
Wo der Pleitegeier schon kreiste
In Österreich gibt jede zweite Gemeinde mehr aus, als sie einnimmt. Und die Lage wird nicht besser. Denn Dörfer und Städte sind in einer Zwickmühle gefangen. Sie sind für Bereiche zuständig, in denen die Kosten davonlaufen – von Kindergärten über die Pflege bis zur Gesundheit. Gleichzeitig müssen auch sie ihren Beitrag leisten, damit Österreich seine Staatsfinanzen wieder unter Kontrolle bringt.
Nicht nur das Beispiel Wiener Neustadt zeigt, wie eng es geworden ist. 2023 stand Matrei in Osttirol kurz davor, Insolvenz anzumelden; aktuell ist Klagenfurt davon bedroht. International gilt Detroit in den USA seit 2013 als Mutter aller Städtepleiten. 2024 erwischte es die zweitgrößte britische Stadt, Birmingham. Auch dort werden nun kräftig kommunale Immobilien abverkauft.
Wien ist Bundeshauptstadt, Land und Gemeinde zugleich. Im Club der Schuldenmacher nimmt die Stadt mittlerweile eine zentrale Rolle ein. Mit rund drei Milliarden Euro entfiel 2025 die Hälfte aller neuen Bundesländer-Schulden auf Wien. Die Dynamik ist atemberaubend. Zwischen 2010 und 2020 überstiegen die Ausgaben die Einnahmen um durchschnittlich 400 Millionen Euro pro Jahr. Seit 2020 beträgt das jährliche Budgetdefizit verlässlich über zwei Milliarden Euro, heuer sogar 3,2 Milliarden Euro, im nächsten Jahr sollen es 2,6 Milliarden Euro werden.
Das Resultat: Wiens Schuldenstand verdoppelte sich zwischen 2010 und 2020 von vier auf acht Milliarden Euro, von 2020 bis 2026 erneut auf über 16 Milliarden Euro. Schon 2030 könnte die 30-Milliarden-Euro-Marke geknackt werden. Damit rechnet die Wiener ÖVP. Die SPÖ Wien geht von „nur“ 27 Milliarden Euro aus.
Wie lange kann das gut gehen? Droht Wien irgendwann die Insolvenz, wenn der Schuldenberg so weiterwächst?
„Rein technisch gesehen kann Wien natürlich zahlungsunfähig und damit insolvent werden. Und zwar dann, wenn die Kassen leer sind und niemand mehr der Stadt einen Kredit gibt“, sagt Hans Pitlik vom Wirtschaftsforschungsinstitut (WIFO).
Im Unterschied zu Großbritannien oder den USA („Chapter 9“) gebe es in Österreich kein Insolvenzrecht in Zusammenhang mit Gebietskörperschaften. Das heißt: Es wäre nicht geregelt, was bei einer Zahlungsunfähigkeit passiert. Gemeinden können unter die Finanzverwaltung der Länder fallen, wie es in Matrei passiert ist.
Doch Wien ist zugleich Land und Gemeinde und könnte sich nicht selbst unter Kuratel stellen. Bei Staaten springt der Internationale Währungsfonds IWF ein, mit Notkrediten und strengen Vorgaben für die Wirtschaftspolitik. Ob bei einem Bundesland der Bund einspringen würde?
In Kärnten hätte sich diese Frage im Jahr 2009 wegen der Hypo-Pleite fast gestellt. Doch der Bund wickelte die Hypo selbst ab und rettete damit das Bundesland. Das Beispiel zeigt: Das Szenario einer Wien-Pleite ist hypothetisch. Der Bund würde einspringen – oder die anderen Bundesländer. Letzteres war in Deutschland der Fall, als das Saarland und Bremen Anfang der 1990er-Jahre de facto pleite waren, schildert Ökonom Pitlik. Die anderen Bundesländer wollten partout nicht einspringen. Doch das Bundesverwaltungsgericht zwang sie zur solidarischen Gesamthaftung. Das zeigt: In einem Staatsgefüge werden einzelne Gemeinden und Länder nicht sich selbst überlassen, weil eine Pleite alle Teile betrifft.
Wer für Wien einspringen müsste
Unter einer Wien-Pleite würde wohl die Kreditwürdigkeit von ganz Österreich leiden, mit steigenden Kreditkosten für alle. Außerdem kommt Wien als Bundeshauptstadt eine Sonderrolle zu – auch beim Schuldenmachen. Hier leben 22 Prozent der Gesamtbevölkerung. Und im Unterschied zum damals quasi aussterbenden Detroit wächst die Stadt rasant – laut Statistik Austria bis 2080 von aktuell zwei auf 2,3 Millionen Menschen, während die Bevölkerungszahlen im Rest von Österreich laut der Prognose ab 2040 schrumpfen.
Wien beherbergt die zentralen politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Stätten des Landes – vom Parlament bis zur Staatsoper, von den Universitäten bis zum Kunsthistorischen Museum. Auch medizinisch betreut die Stadt mit hoch spezialisierten Spitälern wie dem AKH den Rest Österreichs mit.
Dazu kommt die Rolle Wiens als Tourismusmagnet und wirtschaftliches Zentrum mit internationalen Headquarters, von UNO bis OPEC, Banken, Versicherungen und Schlüsselbetrieben in Biotech oder Pharma.
„Durch sein extrem hohes politisches und ökonomisches Gewicht ist eine Pleite Wiens theoretisch möglich, aber politisch undenkbar“, sagt Pitlik. Mit anderen Worten: Wien ist too big to fail.
Das heißt aber noch lange nicht, dass Wien einen Blankoscheck fürs Schuldenmachen besitzt. Derzeit profitiert die Stadt von der guten Bonität des Bundes, wenn sie neue Kredite aufnimmt. Die Neuverschuldung läuft zu 90 Prozent über die Bundesfinanzierungsagentur ÖBFA. Ohne diesen Umweg könnten die Kreditkosten Wiens deutlich steigen.
Doch diese Regelung ist nicht in Stein gemeißelt und könnte gesetzlich geändert werden. Der Bund könnte Gegenleistungen verlangen, wenn die Neuverschuldung der Stadt zu sehr steigt. Es muss ja nicht gleich der Verkauf des Karl-Marx-Hofs sein. Aber auch schon den Gedanken, finanziell am Gängelband zu hängen, wird man sich im Rathaus ersparen wollen.
Deswegen hat sich die Stadt zum Stabilitätspakt bekannt. Darin ist geregelt, wie hoch sich Bund, Bundesländer und Gemeinden verschulden dürfen.
Zinsen fressen Zukunft auf
Das größte Finanzrisiko für die Stadt ist die Zinslast. Diese ist enorm gestiegen – von 490.000 Euro im Jahr 2000 auf 280 Millionen im Jahr 2025, wie der Thinktank Agenda Austria vorrechnet. Zum Vergleich: Die um vier Jahre verschobene Eröffnung der U-Bahn-Linie 5 spart 20 Millionen Euro an Betriebskosten. Diese unpopuläre Einsparung wird allein durch steigende Zinsen für bestehende Schulden aufgefressen. Warum? Weil alte Kreditlinien regelmäßig auslaufen (meist nach zehn Jahren) und zu höheren Zinsen refinanziert werden müssen. Allein von 2023 auf 2025 ist der Zinssatz von 0,6 auf 1,9 Prozent gestiegen, rechnet Hanno Lorenz von der Agenda Austria vor. Der Unterschied macht zig Millionen Euro aus. Selbst bei einem ausgeglichenen Budget würde die Zinslast deshalb steigen, sagt Lorenz. Doch von einer schwarzen Null ist Wien weit entfernt.
2026 muss sich die Stadt um 2,6 Milliarden Euro neu verschulden. Die Flut an Gebührenerhöhungen ist darin aber schon eingepreist – vom Öffi-Ticket, Parkticket über den Wohnbauförderbeitrag bis zur Hundesteuer. Für einen durchschnittlichen Haushalt mit Hund schlagen diese höheren Gebühren schnell einmal mit 1000 Euro pro Jahr zu Buche, hat eine profil-Auswertung ergeben.
„Wien wird fallen, wenn …“
Finanzstadträtin Barbara Novak ist sich sicher, das Schuldenwachstum durch den eingeschlagenen Sparkurs und die Rückkehr des Wirtschaftswachstums dämpfen zu können. Für sie stimmt die Richtung. ÖVP-Klubobmann Harald Zierfuß sieht das anders. Er bezweifelt Novaks Rechnung wegen weiter steigender Kosten für die Sozialhilfe und die Instandhaltung der Stadt – vom Kanalsystem bis zum Gemeindebau. Die Rücklagen seien in nur fünf Jahren von zwei auf eine Milliarde zusammengeschrumpft. Er sei sich nicht so sicher, dass Wien seine Beamtengehälter immer zahlen werde können, und macht die Kassandra: „Die nächsten Jahre sind entscheidend. Wien wird fallen, wenn wir den Turnaround nicht schaffen.“
Spätestens an diesem Punkt der Debatte will die Wiener SPÖ mit einem Blick auf das Vermögen der Stadt für Entspannung sorgen. Es beträgt 38 Milliarden Euro. „Das zeigt, wie meilenweit Wien von einem negativen Eigenkapital und damit einer theoretischen Pleite entfernt ist“, gesteht Karoline Mitterer vom Zentrum für Verwaltungsforschung zu.
Also ist die Hauptstadt nicht nur too big to fail, sondern auch too rich to fail?
Das ist zu Ende gedacht nur dann der Fall, wenn Wiens Vermögen auch liquidierbar wäre. Dafür scheidet, anders als in Wiener Neustadt oder Waidhofen an der Ybbs, neben dem Karl-Marx-Hof wohl auch das Wiener Rathaus fix aus.
ist seit 2015 Allrounder in der profil-Innenpolitik. Davor „Wiener Zeitung“, Migrantenmagazin biber, Kurier-Wirtschaft. Leidenschaftliches Interesse am Einwanderungsland Österreich.
Verkehrsminister Peter Hanke (SPÖ) über sein Faible für E-Autos und Tunnel – und über die maroden Finanzen der Stadt Wien nach seinem Abgang als Finanzstadtrat.