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Österreich
02/22/2022

Wenn „Guck mal“ und „Ski laufen“ im österreichischen Schulbuch steht

Österreichs Kinder und Jugendliche werden immer anfälliger für bundesdeutsche Begriffe. Sollen sich Eltern dagegen aufbäumen? Und wenn ja, wie?

von Clemens Neuhold

"Es war der erste Tag im Januar, und die Zwillinge machten ihren ersten Spaziergang im Schnee. ,Guck mal', sagte Willy, eine Schneemaus!'" Der Vater des zehnjährigen Nino staunte nicht schlecht, als ihm sein Sohn diese Zeilen daheim vortrug. Ninos Deutschlehrerin in seiner Volksschule im 20. Wiener Gemeindebezirk hatte ihm die Übung aufgetragen. Der Vater blätterte weiter und stieß auf eine Leseübung in Postkartenform: "Liebe Tante, wir verbringen die Weihnachtsferien in einem kleinen Bergdorf. Jeden Tag laufen wir Ski."

Gucken statt schauen, Ski laufen statt Ski fahren - hätte der Vater am Vortag nicht mit anderen Eltern darüber diskutiert, wie anfällig Kinder und Jugendliche für bundesdeutsche Begriffe sind, wären ihm die beiden "Fremdwörter" wohl gar nicht aufgefallen. Zu verbreitet ist Deutsch-Deutsch mittlerweile - vor allem in Österreichs Städten. Viele Eltern fragen sich: Sollen sie die "Germanisierung" ihrer Kinder akzeptieren, weil sie ohnedies nicht zu stoppen ist, oder Widerstand leisten? Und wenn ja, wie, wenn sie nicht nur gegen deutsches Fernsehen, deutsche Kinderbücher und soziale Medien antreten, sondern bundesdeutsche Begriffe schon in Volksschulen einsickern?

0,4 Prozent der Wörter sind im Duden als österreichisch gekennzeichnet. Österreich würde seine Identität wohl nicht verlieren, wenn die Kinder diese durch andere Wörter ersetzen. Schade um den Sprachschatz wäre es dennoch, wenn Eltern und Schulen ihn nicht, so gut es geht, an die nächste Generation weitergeben.

Nachfrage im Unterrichtsministerium, beim Wiener Stadtschulrat sowie beim Österreichischen Bundesverlag (ÖBV), der besagtes Volksschulbuch herausgibt. Das "Deutsch Sprach-Lese-Buch" ist eines der beliebtesten Lernbehelfe, das in rund 1000 österreichischen Volksschulen zum Einsatz kommt. Alle drei befragten Stellen verweisen darauf, dass in dem Werk auch Texte nichtösterreichischer Autoren vorkommen, in die aus urheberrechtlichen Gründen nicht eingegriffen werden könne. Die besagte "Guck mal"-Passage sei damit zu erklären. Aber wie oft müssen sich derlei Sprachausflüge in einem heimischen Schulbuch wiederholen? In einem weiteren Gedicht heißt es: "Der Frosch, der guckt die Fröschin an."

Zu kurz greift der Hinweis aufs Urheberrecht jedenfalls, wenn im Buch ein "ABC der Kleidungsstücke" mit "Mütze" und "Quastenmütze", aber ohne "Haube" abgedruckt ist. Und auch in weiteren Lesegeschichten, die für Kinder wohl kaum als lyrische Sonderformen erkennbar sind, heißt es: "Ist er ein lieber Junge!" oder: "Sie setzt sich auf den Stuhl." Bei uns immer noch "Bub" und "Sessel", ist man geneigt, auszubessern.

ÖVP und FPÖ haben den ÖBV im Zuge der Privatisierungswelle 2002 an den deutschen Klett Verlag verkauft. Ist das der Grund für die markante Zahl an deutschen Autoren und Begriffen? Der Verlag versichert: "Österreichisches Deutsch ist für unser Land identitätsstiftend und daher für uns auch ein absoluter Auftrag, dieses zu verwenden. Wir achten stets auf die Verwendung der österreichischen Standardvarietät." Hinweise wie jenen auf "Ski laufen" nehme man aber dankbar auf und werde sie bei Neuauflagen berücksichtigen. Wie konnte man das bisher übersehen?

Der Universitätsprofessor und Sprachwissenschafter an der Universität Wien, Gerhard Budin, wundert sich über die bundesdeutschen Begriffe in einem Volksschulbuch, haben sich Schulbücher für die Zulassung doch am "Österreichischen Wörterbuch" zu orientieren. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe "Deutsch in Österreich", die sich mit dem Wandel der heimischen Sprache beschäftigt. "Ja. Bundesdeutsch breitet sich aus", sagt er und führt das - neben dem Einfluss der Medien - auf unsere Einwanderungsgesellschaft zurück. Deutsche seien schließlich die größte Zuwanderergruppe. Aber auch Migranten aus anderen Herkunftsländern seien im österreichischen Deutsch nicht so verwurzelt und deswegen offener für Bundesdeutsch. Sie würden es nicht selten mit Hochdeutsch gleichsetzen, in bewusster Abgrenzung zu österreichischen Dialekten.

Für Kinder sei es wichtig, meint Budin, die Austriazismen kennenzulernen. Gleichzeitig sollten sie ein Bewusstsein für die Variation des Deutschen entwickeln. "Besser über die verschiedenen Begriffe reden, anstatt Sprachpolizei zu spielen", rät er Eltern. Das Unterrichtsministerium schlägt in eine ähnliche Kerbe. Kinder sollen zum "selbstbewussten Gebrauch der österreichischen Formen ermutigt werden, ohne dabei eine Wertung oder gar die Beschränkung des Sprachgebrauchs auf die österreichischen Formen anzustreben".

Der Appell an die "Zweisprachigkeit" klingt gut, doch in vielen Kinderzimmern tobt längst ein Verdrängungswettbewerb. "Meine Tochter sagt Pfütze", erzählt ein Kollege. Den Kampf um die "Lacke" hat er längst aufgegeben. Andere Eltern bessern jedes "Piefke"-Wort wie Feldwebel aus. Der Großteil schwankt zwischen laissez faire und Zensur. Denn die Zahl der klassischen Aufregerwörter nimmt ab." ,Lecker' regt heute deutlich weniger auf als vor 20 Jahren - und in 20 Jahren vielleicht gar nicht mehr", sagt Budin. Kinder fühlen sich damit sichtlich wohler als mit dem etwas hochgestochenen "köstlich" oder dem trockenen "gut". Auch "schubsen" Kinder oft lieber als zu "stoßen", wenn sie dabei nur wenig Kraft einsetzen. Der "Piks" als weniger bedrohliche Form des "Stichs" ist seit Corona Standardbegriff in den Medien. Auch diese Wörter konsequent auszubessern, verlangt manchen Eltern zu viel Kraft ab.

Andere Wörter wie die "Tomate" haben im Stellungskampf gegen die "Paradeiser" den Vorteil, dass sie in westlicheren Teilen Österreichs selbst in Gebrauch sind. Kennenlernen sollten Kinder in Ostösterreich die Paradeiser unbedingt. Aber wenn sie lieber "Tomaten" essen, muss das auch kein Beinbruch sein. Die Schmerzgrenze ist unterschiedlich, je nach Bundesland, Bildungsschicht oder persönlicher Prägung.

Der Autor dieser Zeilen beschloss beim Wort "Schulranzen", den Kampf um die österreichische Sprache aufzunehmen. Die Töchter hatten es über ihre Lieblingsserie auf YouTube aufgeschnappt. Einmal dafür sensibilisiert, zeigte sich die schleichende Germanisierung überall. Wenn sie "zur Schule", "nach draußen", den Berg "hoch"-gehen oder "nee" sagen, weil sie auf dem "Stuhl" sitzen bleiben wollen. Gegen "Stuhl" hilft nebenbei bemerkt der Hinweis auf die österreichische Bedeutung des Wortes in Kombination mit -gang.

Der eigentliche "Gang" firmiert in deutschen Kinderbüchern konsequent unter "Flur". Beim Vorlesen hilft es, den Kindern einen Euro ins Sparschwein zu werfen, wenn sie Eltern ertappen, dass diese nicht korrekt übersetzen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Abgrenzung zu Deutschland - auch sprachlich - ein wichtiger Baustein der österreichischen Identität. Doch das Identitätsgefühl wandelt sich. "Seit 1995 ist man auch stolzer Europäer. Andererseits gewinnen durch die Globalisierung lokale Identitäten - sei es als Salzburger, Tiroler oder Steirer - an Bedeutung", sagt Budin. Das zeige sich auch an der Dialektpflege. Wer sein Xibergerisch hochhält, kann über den Stellungskampf zwischen Bundesdeutsch und Ostösterreichisch nur milde lächeln. Gegen lokale Identitäten sei die nationale Identität vergleichsweise schwach ausgeprägt, meint Budin, oder im Wandel begriffen - siehe die Fußballnationalmannschaft mit ihrem stark gewachsenen Migrationsanteil.

Wer sich angesichts der Germanisierung seines Umfeldes trösten will - die Entwicklung der deutschen Sprache verläuft nicht in einer Einbahnstraße. Denn auch deutsche Zuwanderer verösterreichern und gewinnen Austriazismen lieb. Ein guter Grund, sie konsequent zu verwenden.

"Schulranzen" hören wir von der Tochter derzeit täglich. Aber nur, weil sie uns ärgern will. Und das ist gut so. Weil der korrekte Begriff der Schultasche damit außer Streit steht.

Wie gehen Sie mit der deutschen "Zweisprachigkeit" um? Schreiben Sie dem Autor unter: [email protected]