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Österreich
04/01/2020

Sven Gächter: Coronakalypse

Ein Virus hat den Weltbetrieb schlagartig lahmgelegt. Wie viel Schaden kann es sonst noch anrichten - und werden wir daraus klug?

von Sven Gächter

Die Krise kennt keine Diskretion. Sie klopft nicht an, um höflich nachzufragen, ob sie auch willkommen sei. Sie fällt mit der Tür ins Haus und macht sich breit. Manche haben sie schon von Weitem kommen sehen, die meisten aber sind heillos überrumpelt, wenn sie plötzlich einfällt, mit der plumpen, ungebremsten Gewalt einer Planierraupe. Keiner weiß, wie lange sie bleiben wird. Wochen? Monate? Jahre gar? Wenn sie endlich wieder abzieht, hinterlässt sie neben Chaos und Elend vor allem die bedrückende Gewissheit, dass man jederzeit wieder mit ihr zu rechnen hat. Die Krise atmet manchmal zwar durch - aber nur, um ungestört Kräfte zu sammeln und bei nächster Gelegenheit umso brutaler zuzuschlagen. Darin liegt ihre Tücke, ihre hinterhältige Methode: So rabiat sie wüten kann, so abwartend verhält sie sich zwischendurch - bis irgendwann alle denken, das Schlimmste sei nun definitiv vorbei und man könne frohgemut zur alten Tagesordnung zurückkehren. Dann, genau dann feiert sie ein verheerendes Comeback! Die trügerische Zeit der Ruhe hat sie klug genutzt, um ihre Spuren zu verwischen und sich eine neue Identität zuzulegen.

Derzeit hört die Krise auf den Namen Corona, und man muss ihr - bei aller gebotenen Abscheu - zugestehen, dass sie sich mit ihrer aktuellen Mutation selbst übertroffen hat. Gemessen daran erscheinen einschlägige Referenzen aus der jüngeren Vergangenheit wie lässliche Fingerübungen: die Dotcomkrise 2000, die Finanzkrise 2008, die Eurokrise 2010, die Flüchtlingskrise 2015 - noch gar nicht zu reden von der gegenwärtigen Flüchtlingskrise, die wochenlang die Schlagzeilen dominierte, ehe sie im Ranking der weltweiten Aufmerksamkeit umstandslos von Covid-19 weggefegt wurde. Zimperlichkeit kann man der Krise jedenfalls nicht nachsagen; sie kommt sich, wenn es dem höheren Zweck der Schadensmaximierung dient, auch gern mal selbst in die Quere. Und als hätte sie mit der Klimakatastrophe nicht schon alle Hände voll zu tun, schüttelt sie jetzt noch - ganz nebenbei - die Coronakalypse aus dem Ärmel.

Die Krise kennt kein Pardon. Sie. Ist. Einfach. Immer. Da.

Was die Krise in unserer Wahrnehmung neuerdings kennzeichnet, ist ihre Permanenz. Sie hat es sich bequem gemacht und denkt nicht daran, das Feld friedlich zu räumen. Alle noch so verbissenen Anstrengungen, die wir unternehmen, um ihr beizukommen, scheinen sie in ihrem Beharrungsvermögen nur zu bestärken. Im Unterschied zu uns hat sie auch unendlich viel Zeit, die sie unter anderem dazu nutzt, uns immer mindestens einen Schritt voraus zu sein. Es ist wie im Märchen von Hase und Igel: Wir rennen los, und wenn wir völlig außer Atem am anderen Ende des Ackers ankommen, ruft die Krise fröhlich: "Ich bin schon hier!" Sie kennt kein Pardon. Sie. Ist. Einfach. Immer. Da.

Wir sind Krisen mittlerweile schmerzlich gewohnt, was aber keineswegs heißt, dass wir uns an sie gewöhnt hätten. Dafür gibt es drei stichhaltige Gründe. 1. Man kann sich schlecht an etwas gewöhnen , das seine Struktur und seine Erscheinungsformen unablässig verändert. 2. Wir üben uns gern in Sorglosigkeit, wenn wir ausnahmsweise einmal von keinen übermächtigen Gewalten bedrängt werden. 3. Wir sind in Wahrheit nicht Leidtragende, sondern vielmehr Teil dessen, was wir Krise nennen. Sie ist uns gar nicht so fremd, wie unsere erbitterte Gegenwehr vermuten ließe, weil wir insgeheim wissen, dass wir viel zu wenig unternommen haben, um den Ernstfall rechtzeitig abzuwenden - stattdessen aber eine ganze Menge, um sein zerstörerisches Ausmaß mitzuverschulden.

Eine beispielhafte Chronologie aus gegebenem Anlass: Als in Wuhan die ersten mysteriösen Erkrankungen registriert wurden, zwang das totalitäre Regime in Peking eine Reihe von eingeweihten Ärzten, Verschwiegenheitserklärungen zu unterschreiben. Als in China ganze Städte und Regionen mit rund 60 Millionen Menschen von der Außenwelt abgeriegelt wurden, sah die Welt betroffen, aber nicht weiter alarmiert zu. Als das Virus von Norditalien aus nach und nach auf den Rest des Kontinents übergriff, warteten manche Länder immer noch Tage oder Wochen mit einschneidenden Maßnahmen zu. Als 15 isländische Skiurlauber am 29. Februar nach ihrer Rückkehr aus Ischgl positiv getestet wurden, ließen sich die zuständigen Behörden bis zum 15. März Zeit, um das Wintersportparadies unter Quarantäne zu stellen. Als die Infektionsraten in Europa eskalierten, erklärte US-Präsident Donald Trump, er habe wie immer alles im Griff -spätestens nach Ostern sei der Spuk wieder vorbei. Sein brasilianischer Amtskollege und Gesinnungsgenosse Jair Bolsonaro tat die "gripezinha" (kleine Grippe) gar höhnisch als Medienhysterie ab. Manchmal sind die Grenzen zwischen schierer Dummheit und gemeingefährlicher Ignoranz fließend. Der Krise kommt das nur gelegen - sie kann ganz entspannt den Weg des geringsten Widerstands wählen.

In der Corona-Krise manifestiert sich der historisch beispiellose Extremfall einer globalen Disruption.

Zwei Dinge braucht der Mensch: Start-up-Spirit ('Scheitern heißt gewinnen') und ein cooles Büro, gerne Labor genannt, im Silicon Valley - oder zumindest in Berlin. Nur so geht 's voran mit dem ,fancy shit' (O-Ton Siemens-Chef Joe Kaeser)", schrieb die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Dezember 2015 und brachte damit einigermaßen sarkastisch auf den Punkt, was zunächst in der digitalisierungstrunkenen Weltwirtschaft und bald darauf in sämtlichen Lebensbereichen als Maß aller Dinge gefeiert wurde: die Disruption. Nach diesem Ansatz gehören festgefügte Strukturen um jeden Preis aufgebrochen, zur Not auch unsanft. In der idealisierten Form ist Disruption so etwas wie eine produktive Betriebsstörung: Altbewährte Mechanismen werden schrittweise (oder brutal) ausgehebelt und durch neue, auf Dauer vermeintlich zukunftsträchtigere Funktionsmodelle ersetzt. Darin liegt eine durchaus verführerische Logik -solange sich das disruptive Momentum kontrollieren lässt.

Was aber, wenn der Prozess aus dem Ruder läuft, weil er erstens nicht gewollt und zweitens zu machtvoll in seiner Eigendynamik ist, um von außen gesteuert werden zu können? In der Corona-Krise manifestiert sich der historisch beispiellose Extremfall einer globalen Disruption. Der allgemeine Betrieb wird nicht mehr oder weniger empfindlich gestört, sondern abrupt eingestellt. Weltweit forcieren Regierungen als Ultima Ratio den Lockdown, das Herunterfahren aller Systeme. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen, der Notstand führt zum totalen Stillstand. Nichts geht mehr -mehr Disruption geht nicht. Was abgehobenen Worst-case-Theoretikern Tränen der Verzückung in die Augen treiben mag, hat für den Rest der Bevölkerung ganz konkrete Konsequenzen - vom anschwellenden Lagerkoller aufgrund der behördlich verhängten Ausgangsbeschränkungen bis hin zu erdrückenden Zukunftsängsten. Kollektive Panik wird dabei fast unweigerlich zur selbsterfüllenden Prophezeiung.

Die Welt hat die Pausetaste gedrückt - und muss nun Wege finden, trotzdem einigermaßen bewegungsfähig zu bleiben. Nur wie? "In einem Land, in dem sonst alles perfekt funktioniert, ist es offenbar besonders schwierig, in einer Wirklichkeit anzukommen, in der überhaupt nichts mehr funktioniert", schreibt der Schriftsteller und Dramatiker Lukas Bärfuss auf spiegel.de. Er bezieht sich damit explizit auf seine Heimat, die Schweiz, was die Tragweite des Befundes aber keinesfalls schmälert - im Gegenteil: Wenn schon ein so hoch entwickeltes, ultrareiches Gemeinwesen wie die Eidgenossenschaft jäh an die Grenzen seiner Belastbarkeit stößt, worauf sollen weit weniger privilegierte Länder (also de facto alle anderen!) dann noch wohlfeile Wetten der Zuversicht abschließen?

Der Corona-Schock hat einen Ausnahmezustand begründet, dem wir wohl oder übel noch längere Zeit ausgeliefert bleiben dürften.

Das ist leider nicht die einzige bange Frage, auf die es vorerst keine belastbare Antwort gibt - und schon gar keine tröstliche. Der Corona-Schock hat einen Ausnahmezustand begründet, dem wir wohl oder übel noch längere Zeit ausgeliefert bleiben dürften. Doch wann genau beginnt das Danach? Wie soll man es sich vorstellen? Was wird vom Betrieb nach dieser epochalen Störung noch übrig bleiben? Und wer räumt den ganzen Schrott weg? Kurzum: Wie viel Disruption verträgt ein System, ohne irreparabel zu kollabieren?

Anthony Stephen Fauci gilt in den USA als Star der Stunde. Der Direktor des Nationalen Instituts für Allergien und Infektionskrankheiten nimmt bei den hysterischen und weitgehend sinnfreien Corona-Briefings von Donald Trump konsequent die Position der Vernunft ein, sprich: Er agiert so, wie man es eigentlich von einem souveränen Staatenlenker erwarten würde. Mit 79 Jahren wäre Fauci längst reif für den wohlverdienten Ruhestand, doch als ausgewiesene Koryphäe mit feinem Gespür für die richtigen Worte erscheint er derzeit unentbehrlich. Faucis Fachgebiet ist die Immunologie. Er weiß deshalb fast alles über Viren und das, was sie im Menschen anrichten können. Über SARS-CoV-2 weiß allerdings selbst er noch zu wenig, was er auch freimütig einräumt.

Die zentrale Funktion des Immunsystems besteht in der Abwehr von Krankheitserregern. Auf das Coronavirus reagiert es offenbar äußerst empfindlich und bislang nicht mit der wünschenswerten Widerstandskraft. Doch wie ist es um ein ungleich komplexeres und anfälligeres Immunsystem als das menschliche bestellt - jenes der Gesellschaft? Es wird jedenfalls gerade bis zum Äußersten strapaziert, auf medizinischer, sozialer, wirtschaftlicher und politischer Ebene. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Herausforderung nicht regional begrenzt bleibt, sondern inzwischen eine maximal große Summe von Gesellschaften betrifft: die Weltgemeinschaft schlechthin. Bezeichnenderweise wurden dagegen nicht etwa generalstabsmäßig konzertierte, sondern zunächst unterschiedlich rigoros ausgeprägte nationalstaatliche Maßnahmen ergriffen, die sich dann schrittweise anglichen und mittlerweile im Wesentlichen alle denselben Standards folgen: Lahmlegung des öffentlichen Lebens, abermilliardenschwere Konjunkturpakete, Zentralisierung der politischen Entscheidungsprozesse.

Die Globalisierung für den gegenwärtigen Ausnahmezustand verantwortlich zu machen, wäre ebenso platt wie zwecklos.

Diese Vorgehensweise mag angesichts der Dramatik der Lage tatsächlich alternativlos sein. Doch was, wenn sie nicht die erhofften Wirkungen zeitigt - oder nicht schnell genug? Wie lange lassen sich Menschen gewaltfrei in Quarantäne halten? Wo liegt der kritische Punkt, an dem staatlich geflutetes Geld wertlos wird? Und wer garantiert, dass demokratische Grundrechte unter dem Diktat höherer Gewalten nicht nur vorübergehend ausgesetzt werden? In China, Ungarn, Russland oder Brasilien garantiert das ohnehin niemand, aber noch gibt es eine ganze Reihe von freiheitlich verfassten Staaten, deren BürgerInnen nicht ohne Weiteres davon ausgehen sollten, dass die Demokratie nach dem unerfreulichen Corona-Intermezzo automatisch in den alten Betriebsmodus zurückfindet, so wie das Licht nach einem längeren Stromausfall irgendwann wieder angeht.

"Von Tag zu Tag wird deutlicher, dass wir zivilisatorisches Neuland betreten - unter Zwang und Druck, eine Garantie für Fehler und Missverständnisse aller Art", schreibt der Berliner Internetguru Sascha Lobo auf spiegel.de: "Es handelt sich um die erste globale Krise im Zeitalter der Vernetzung, sie trifft auf viele unterschiedliche, aber zum Großteil digitale Gesellschaften. Covid-19 und die Kommunikation darüber verbreiten sich gleichermaßen viral. Die Verhaltensweisen der Menschen werden von dieser Kommunikation beeinflusst, und weil menschliches Verhalten für die Ansteckung entscheidend ist, hängen Virus und Kommunikation enger zusammen als je zuvor. Zugleich setzt jede Lösung dieser Krise vernetztes Denken voraus."

Vernetzung bedeutet, dass alles mit allem zusammenhängt - und dass folglich in einem unentwirrbaren Geflecht von Kausalitäten selbst scheinbar geringfügige lokale Defekte zu weiträumigen Störungen führen können. Das Immunsystem der Weltgemeinschaft wird durch die Komplexität ihrer zusehends globalisierten Strukturen immer massiver gefordert - und auf Dauer zwangsläufig überfordert. Die Globalisierung für den gegenwärtigen Ausnahmezustand verantwortlich zu machen, wäre ebenso platt wie zwecklos. Legitimerweise darf man aber die Frage aufwerfen, ob ein fatales Risiko der Globalisierung nicht darin liegt, epidemische Entwicklungen unkontrollierbar zu beschleunigen - und ob die Vorrichtungen, die wir zu unserem Schutz gezimmert haben, diesem Risiko ernsthaft gewachsen sind.

Wir sind gespannt. Die Corona-Krise ist ein menschheitsgeschichtlich einzigartiges Großexperiment in Echtzeit, über dessen Ausgang sich mit allem gebotenen Zweckoptimismus im Moment nur eines sagen lässt: Wird schon schiefgehen!