Vor jeder Tat müssen die Jugendlichen einschlägige Symbole oder den Namen der Gruppe filmen, als Beweis.
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Vor jeder Tat müssen die Jugendlichen einschlägige Symbole oder den Namen der Gruppe filmen, als Beweis.
„764“ – Nihilistische Gewalt in Österreich: Weitere Ermittlungen in Wien
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Sie attackieren Passanten auf offener Straße. Sie werfen Steine auf Autos, schlagen mit einem Hammer Autofenster ein oder zünden Häuser an. Manche verletzen sich selbst, fügen sich tiefe Fleischwunden zu oder gehen sogar so weit, ihrem eigenen Leben ein Ende zu setzen – und filmen sich dabei. Alles für die Anerkennung innerhalb von „The Com“, einem radikalen Online-Netzwerk, in dem Jugendliche zu Vandalismus, Gewaltverbrechen und sogar Suizid angestiftet werden. Auch in Österreich.
Zumeist findet die Anbahnung auf Gaming-Plattformen wie Roblox und Minecraft oder in Chatgruppen auf Discord oder Telegram statt. Zunehmend suchen die Anstifter aber auch auf gängigen Plattformen wie Instagram oder TikTok nach Kontaktmöglichkeiten, also dort, wo sich besonders viele Jugendliche aufhalten.
profil recherchierte in der vergangene Woche zu Fällen, die erstmals eine Spur dieser Szene nach Österreich ergeben und mit „The Com“ in Verbindung gebracht werden können. Konkret geht es um eine Serie von Vandalenakten im oberösterreichischen Neuhofen an der Krems. Dort wurden im April 2026 die Heckscheiben von vier Autos eingeschlagen. Der jugendliche Täter M. – er ist 14 Jahre alt – gestand die Tat. Dabei sind Jugendliche wie M., die die Taten letztlich begehen, oft nicht die eigentlichen Drahtzieher, sondern werden selbst zu Opfern.
Die mutmaßlichen Täter sitzen woanders, aber auch sie sind häufig junge Menschen oder zum Teil noch Jugendliche. In den USA sorgte etwa der damals 15-jährige Bradley Chance Cadenhead für Schlagzeilen. Er gilt als Gründer der Gruppe „764“, einer Gruppierung innerhalb des Netzwerks von „The Com“. Über diese Gruppe sollen Jugendliche weltweit zu Selbstverletzungen und Suizidhandlungen gedrängt worden sein. Mittlerweile wurde Cadenhead in Texas festgenommen und zu einer 80-jährigen Haftstrafe verurteilt. Auch ein weiterer mutmaßlicher Rädelsführer von „764“ sitzt inzwischen in Haft: Der 21-jährige Deutsch-Iraner Shahriar J., bekannt unter dem Usernamen „White Tiger“. Er wurde vergangenes Jahr in Hamburg verhaftet. Ihm wird vorgeworfen, einen 13-Jährigen in den USA in den Suizid getrieben zu haben.
„Auffällig kann sein, wenn sich das Verhalten des Kindes verändert und neue Online-Freunde auftauchen“
Petra Huber-Lintner, Leiterin des Büros für allgemeine Kriminalität im Bundeskriminalamt
Die mutmaßlichen Täter gehen dabei immer auf dieselbe Art und Weise vor: Sie schreiben Kinder und Jugendliche online an, täuschen Freundschaften vor, schenken ihnen Aufmerksamkeit und bauen Vertrauen auf. In manchen Fällen geben sie vor, verliebt zu sein. So gelangen sie an intime Aufnahmen der Jugendlichen und nutzen diese später, um Druck auszuüben und die Betroffenen zu erpressen und zu Straftaten zu drängen. In anderen Fällen auch zum Suizid. Nach profil-Recherchen dürfte auch der 14-jährige M. von einer anderen Person angestiftet worden sein, die Straftaten zu begehen. Das belegen Videos und andere Aufnahmen, die profil im Zuge der Recherche auswerten konnte und die einen Zusammenhang zwischen dem nihilistischen Netzwerk und den zerstörten Autos in Neuhofen belegen. Auch eine Bombendrohung gegen die örtliche Schule soll laut profil-Informationen vom radikalen Netzwerk ausgehen.
Staatsanwaltschaft Wien ermittelt
Wie profil nun erfahren hat, beschäftigen mögliche Verbindungen zu „The Com“ inzwischen auch andere österreichische Behörden. Neben dem Landeskriminalamt in Oberösterreich laufen auch bei der Staatsanwaltschaft Wien Ermittlungen zu Fällen, die mit dem Netzwerk in Zusammenhang stehen könnten. Es handle sich um „anhängige Ermittlungsverfahren“, zu denen man keine Auskunft erteilen könne, sagt Sprecherin Nina Bussek. Auch das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigt, dass weitere Fälle geprüft werden. Zudem würden zurückliegende Delikte nochmals analysiert, um mögliche Verbindungen zu dem nihilistischen Netzwerk festzustellen. „Die Prozesse sind nach wie vor am Laufen“, heißt es dort. Aus „ermittlungstaktischen Gründen“ könne man derzeit keine weiteren Informationen bekannt geben.
„Ich rate Eltern: Lassen Sie sich Trends erklären und fragen Sie nach, was Ihr Kind darüber denkt.“
Ulrike Schiesser, Bundesstelle für Sektenfragen
Zudem ist das Bundeskriminalamt in erhöhter Alarmbereitschaft. Erst kürzlich wurden alle Schulen in Österreich mit einem Rundschreiben über die Vorgehensweise des Netzwerks informiert. Seit März gibt es auch eine eigene Arbeitsgruppe im BKA, die eng mit dem Verfassungsschutz (DSN) und Europol zusammenarbeitet. Welche Strafen den Hintermännern drohen, hängt vom jeweiligen Einzelfall ab. Grundsätzlich werden Personen, die andere – insbesondere Minderjährige – zu Straftaten anstiften oder dazu nötigen, strafrechtlich ähnlich behandelt wie die unmittelbaren Täter. Je nach Schwere des Delikts reichen die möglichen Konsequenzen von mehrjährigen Freiheitsstrafen bis hin zu lebenslanger Haft.
Appell an Eltern
Das Bundeskriminalamt richtet sich auch gezielt an Eltern und Erziehungsberechtigte. Sie sollen auf mögliche Warnsignale bei ihren Kindern achten. „Auffällig kann sein, wenn sich das Verhalten des Kindes verändert, und neue Online-Freunde auftauchen, von denen zuvor nie die Rede war, neue Plattformen oder Apps genutzt werden oder sich das Kind zunehmend zurückzieht. Auch starke Geheimhaltung, fehlende Gesprächsbereitschaft oder ein plötzlicher Rückzug aus dem Familienleben können Hinweise darauf sein, dass etwas nicht stimmt. Ein deutliches Alarmsignal sind Angstzustände, Verhaltensveränderungen oder selbstverletzendes Verhalten“, sagt Petra Huber-Lintner, Leiterin des Büros für allgemeine Kriminalität im Bundeskriminalamt. Das bedeute nicht automatisch, dass eine Gruppierung wie „The Com“ dahinterstecke. Es sei jedoch ein klares Zeichen dafür, dass Eltern das Gespräch suchen und Unterstützung anbieten sollten.
Zu ähnlichen Einschätzungen kommt auch Ulrike Schiesser von der Bundesstelle für Sektenfragen. Dort beobachtet man seit Jahren, wie digitale Täter-Netzwerke gezielt emotionale Abhängigkeiten schaffen und insbesondere junge Menschen in manipulative Strukturen hineinziehen. Es sei wichtig, regelmäßig mit dem Kind zu sprechen und über Trends im Internet informiert zu sein, rät Schiesser. „Ich rate Eltern: Lassen Sie sich Trends erklären und fragen Sie nach, was Ihr Kind darüber denkt. Diskutieren Sie, vermitteln Sie Ihre Werte, aber erkennen Sie auch an, dass Ihr Kind die Expertise in diesen Jugendkulturen hat. Stellen Sie aber gleichzeitig klar, dass Ihr Kind jederzeit zu Ihnen kommen kann, wenn es etwas Unangenehmes erlebt oder einen Fehler gemacht hat. Ein Androhen von Strafen hilft hier nicht“, sagt die Expertin.
Gleichzeitig sei es wichtig, dass Eltern die notwendigen Schutzmaßnahmen bei Apps und Programmen treffen. „Je jünger das Kind, umso mehr müssen das die Eltern auch tun.“ Und: „Zeiten ohne Handy sind fast unmöglich, umso wichtiger ist es, dass soziale Verbindungen und Aktivitäten auch außerhalb der digitalen Welt stattfinden.“
Hilfe für Eltern und Kinder
Wenn Sie sich Sorgen um ein Kind machen, Unterstützung in einer Krisensituation benötigen oder selbst betroffen sind, gibt es kostenlose und vertrauliche
Anlaufstellen:
- Rat auf Draht (Montag bis Sonntag, 0 bis 24 Uhr, anonym und kostenlos): 147
- Helpline des Berufsverbands der Österreichischen Psychologinnen und Psychologen (Montag bis Sonntag, 9 bis 20 Uhr): 01/504 8000; auch E-Mail-Beratung:[email protected]
- Psychotherapeutische Beratungshotline für Eltern und Kinder (Donnerstag bis Freitag, 14 bis 16 Uhr): 0512 56 17 34
- Telefonseelsorge Österreich, Elterntelefon
(Montag bis Sonntag, 0 bis 24 Uhr, anonym und kostenlos): 142
Daniela Breščaković
ist seit April 2024 Innenpolitik-Redakteurin bei profil. War davor bei der „Kleinen Zeitung“.