Fotocollage, profil: Wolfgang Paterno, Evelin Frerk, Arman T. Riahi, privat
Bild anzeigen
Wählen Sie profil als bevorzugte Google-Quelle

„Sie hassen Kunst und Schönheit“: Exil-Iraner über das Regime

Sechs Exil-Iraner erzählen von ihren Erfahrungen mit dem Regime und ihren Hoffnungen auf einen Neuanfang.

Drucken

Schriftgröße

Trotz Internetsperre dringen noch Bilder aus dem Iran, der von Massenprotesten gegen die islamistische Staatsführung erschüttert wird. Revolutionsgarden und die regimetreuen Basij-Milizen eröffnen mit Maschinengewehren und Schrotflinten das Feuer in die Menge. Ärzte berichten, Sicherheitskräfte würden auf den Kopf zielen, Menschen erblinden durch Schrotsplitter, in Krankenhäusern mangelt es an Blutkonserven.

Im Exil blickt man besorgt auf die Gewaltexzesse in der Heimat. Es soll mindestens 3000 Tote geben, wahrscheinlich sind die Opferzahlen noch viel höher. Medien, die der iranischen Opposition nahestehen, schätzen Zahl der Getöteten auf 12.000.

Eine Frau zündet sich eine Zigarette an einem brennenden Bilder von Chomeini und Chamenei an.
Bild anzeigen

Solidaritätsprotest in Mailand

profil sprach mit sechs Exil-Iranerinnen und Iranern. Sie erzählen von der Feigheit des Regimes, der Angst um Freunde und Verwandte und Grabenkämpfen in der Opposition. Im Vordergrund stehen ihre Hoffnungen auf einen Neuanfang für den Iran nach 46 Jahren Islamischer Republik.

„Die nächsten Proteste werden kommen“

Arash T. Riahi, 53, ist Wiener Regisseur, Produzent und Drehbuchautor. 1983 flohen seine Eltern – linke Intellektuelle – mit ihm aus dem Iran. Riahi maturierte in Österreich und gründete die Produktionsfirma „Golden Girls Film“. Sein erster Kinofilm „Ein Augenblick Freiheit“ (2008) handelt von der Flucht mehrerer Familien aus dem Iran.

Ich träume öfter den gleichen Traum. Ich stehe an der iranisch-türkischen Grenze und gehe einfach rüber, ohne von den Grenzposten erwischt zu werden.

Ich war schon mehrmals an dieser Grenze, da ich dort zwei Filme gedreht habe. Zum ersten Mal las ich auf einem Verkehrsschild: Iran. Das hat sich in meinen Kopf verfangen. Im Traum gehe ich weiter. Niemand merkt, dass ich nicht hier sein darf. Ich treffe meine große Familie und lerne sie neu kennen. Dann werde ich auf der Straße von einem Basij-Milizionär aufgehalten. Ich wache auf.

Arash T. Riahi steht vor einer Wand.
Bild anzeigen

Arash T. Riahi ist Wiener Filmemacher.

Nicht in meinen kühnsten Träumen hätte ich erwartet, dass im Iran Moscheen brennen und Statuen des Regimes gestürzt werden. Mit jedem Toten zerfrisst das Regime seine eigene Legitimation. In dem Moment, wo die Internetsperre aufgehoben wird, werden Tausende Videos von den Tötungen der letzten Tage öffentlich. Eine weitere Welle der Empörung wird über das Regime hereinbrechen. Die nächsten Proteste werden kommen.

Mein Vater saß unter dem Schah fünf Jahre lang im Gefängnis und wurde gefoltert. Die Revolution befreite ihn – und verriet ihn zugleich. Die Islamisten kamen nicht als Demokraten, sondern als Maskenträger der Macht. Sie verrieten die Ideale der Revolution und der gutgläubigen Menschen, die an ihrer Seite den Schah gestürzt hatten.

Raphael  Bossniak

Raphael Bossniak

ist seit Juli 2025 im Außenpolitik-Ressort. Davor freier Journalist für APA, Kurier und die deutsche Nahostfachzeitschrift zenith. Schwerpunkt Nahost / Kaukasus / Osteuropa.

Siobhán Geets

Siobhán Geets

ist seit 2020 im Außenpolitik-Ressort und seit 2025 stellvertretende Ressortleiterin. Schwerpunkt: Europa und USA.

Nina Brnada

Nina Brnada

ist Redakteurin im Österreich-Ressort. Davor Falter Wochenzeitung.