Who killed Pilna?
ROSSATZ-ARNSDORF - ÖSTERREICH: Ausschussmitglieder am Mittwoch, 14. Jänner 2026, anl. eines Lokalaugenscheins am Fundort der Leiche des ehemaligen Justiz-Sektionschefs Christian Pilnacek an einem Nebenarm der Donau in Rossatz-Arnsdorf. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
U-Ausschuss am Pilnacek-Todesort: Wirbel für große Fische
Die größten Spuren haben Biber hinterlassen. Kleine Bäume sind angenagt und umgefallen, bei anderen stehen nur noch spitze Stummel. Den Rest dürften die Nager irgendwo im Wasser verbaut haben. Wenige hundert Meter weiter finden Seeadler und Amphibien wie die Gelbbauchunke oder der Donau-Kammmolch Schutz. Tiere sucht man heute am Ufer des Donau-Seitenarms bei Rossatz aber vergeblich. Ihre Spuren werden ignoriert.
Biberspuren in Rossatz
Bevor die Abgeordneten am Donau-Seitenarm ankommen, sieht man noch reichlich Tierspuren im Schnee. Die auffälligsten dürften von den zweitgrößten Nagetieren der Welt stammen.
Rund hundert Personen wollen sich selbst ein Bild davon machen, wo Christian Pilnaceks lebloser Körper am 20. Oktober 2023 aufgefunden wurde. Die Abgeordneten des Pilnacek-Untersuchungsausschusses fuhren dafür heute nach Rossatz und trotten hier durch den Schnee, begleitet von Mitarbeitern, Polizei, Presse und Schaulustigen. Nationalratspräsident und U-Ausschuss-Vorsitzender Walter Rosenkranz (FPÖ) führt die Gruppe durch den kalten Nebel an der Donau. In grüner Jägerjacke, Jägerhut und hohen Gummistiefeln ist er auch aus der Distanz leicht zu erkennen.
ROSSATZ-ARNSDORF - ÖSTERREICH: Ausschussmitglieder am Mittwoch, 14. Jänner 2026, anl. eines Lokalaugenscheins am Fundort der Leiche des ehemaligen Justiz-Sektionschefs Christian Pilnacek an einem Nebenarm der Donau in Rossatz-Arnsdorf. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Die Abgeordneten wollen mit eigenen Augen sehen, wie steil die Stelle ist, an der Christian Pilnacek, einst Sektionschef des Justizministeriums, ins Wasser gestiegen sein soll. Sie wollen sich ein Bild von der Strömung machen und nachvollziehen, wohin die Ersthelfer Pilnaceks Körper transportiert haben, bevor sie ihn bergen konnten.
Eigentlich wurde all das schon vor Jahren dokumentiert, als Pilnaceks Leichnam aufgefunden wurde. Später fertigte das Landeskriminalamt Luftaufnahmen auf und zeichnete den vermuteten Weg des toten Körpers nach. Die Bilder und Informationen liegen den Abgeordneten vor. Die Mitarbeiter der Fraktionen haben die nötigen Unterlagen in Mappen mitgebracht. Die meisten Ordner sind unscheinbar, nur jene der Neos stechen in hellem Pink aus der weißen Schneelandschaft hervor.
Schmaler Grat
Der Lokalaugenschein sei wichtig, damit die Abgeordneten bei den Befragungen effizient vorgehen können, sagt etwa FPÖ-Fraktionsführer Hafenecker. Aus seinem Mund kein Wunder: Die FPÖ hat den U-Ausschuss eingesetzt und den Lokalaugenschein veranlasst. Hafenecker trägt Kappe, hat aber auch eine Haube dabei – nicht für sich, sondern für seinen ÖVP-Kollegen Andreas Hanger, der die Sinnhaftigkeit der Schneewanderung in Frage gestellt hatte, der Kälte aber lieber ohne Kopfbedeckung trotzt.
Außer der ÖVP halten aber alle Fraktionen den gemeinsamen Besuch des Todesortes für hilfreich. Der U-Ausschuss untersuche auch, welche Ermittlungsfehler am Fundort passiert seien, sagt etwa Grünen-Fraktionschefin Nina Tomaselli. Da gehe es etwa auch darum, ob und wie der Fundort abgesperrt wurde: „Da kann ich mir natürlich ein besseres Bild machen, wenn ich es vor Ort gesehen habe.“ Wie die meisten Abgeordneten besuchen Hafenecker und Tomaselli heute nicht zum ersten Mal Pilnaceks Todesort.
Der Lokalaugenschein dient eher dazu, alle auf denselben Informationsstand zu bringen. Es gehe vor allem darum, „ein 3D-Bild zu bekommen“, das auf den Bildern im Akt fehlt, heißt es immer wieder von Abgeordneten. Dafür sei der Besuch vor Ort durchaus hilfreich: Die Böschung, die Pilnacek zum Fluss herabsteigen musste, sei etwa steiler als es auf den Fotos aussehe, sagt SPÖ-Fraktionschef Kai Jan Krainer. Auch Platz für ein Auto ist auf dem schmalen Trampelpfad entlang der Böschung kaum.
Drei Gruppen sind zwei zu viel
An manchen Stellen gehen die Abgeordneten im Gänsemarsch – auch, um auf dem eisigen Boden ja nicht auszurutschen. „Nicht lachen!“, mahnt eine Abgeordnete einen Kollegen: „Stell dir vor, es gäbe ein Video, auf dem du am Todesort lachst!“
Die Sorge ist durchaus berechtigt: Allein der ORF hat mehrere Kamera-Teams geschickt, dazu zwei Personen für schnelle Online-Meldungen. Auch die anderen Medien des Landes sind vertreten. Manche bildeten redaktionsübergreifende Fahrgemeinschaften, da das Parlament nur für die Abgeordneten und ihre Mitarbeiter einen Bus organisiert hatte. Der FPÖ-Klub hat sich FPÖ TV mitgenommen, für den oberösterreichischen Verschwörungssender „AUF 1“ ist der frühere Chef der Wiener Identitären als „Redakteur“ vor Ort.
ROSSATZ-ARNSDORF - ÖSTERREICH: Ausschussmitglieder am Mittwoch, 14. Jänner 2026, anl. eines Lokalaugenscheins am Fundort der Leiche des ehemaligen Justiz-Sektionschefs Christian Pilnacek an einem Nebenarm der Donau in Rossatz-Arnsdorf. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Der Lokalaugenschein ist eine Premiere: Bisher waren die Abgeordneten stets in den Räumlichkeiten des Parlaments, im Freien hat ein U-Ausschuss noch nie gearbeitet. Das erste Mal kam mit einigen Unsicherheiten einher, allen voran: Wenn die Abgeordneten an einem öffentlichen Ort von der Polizei eingewiesen werden, wie hält man dann die Medien davon ab, im Weg zu stehen? Offenbar gar nicht.
Das Kopfkino der Abgeordneten setzt der anwesende Chefinspektor in Gang. Eigentlich hätten die Abgeordneten drei Gruppen bilden sollen, denen der Polizist nacheinander die relevanten Stellen zeigen sollte. Doch außer der Grünen-Fraktionschefin Nina Tomaselli wollten alle Abgeordneten ganz vorne bei der ersten Gruppe dabei sein. Und die Journalistinnen, Journalisten und Kamerateams sowieso.
Land unter
Irgendwie findet auch eine große Menge auf der Böschung Platz, grobe Ausrutscher am eisigen Boden bleiben aus. Das einzige Problem: Der Chefinspektor ist mit dem Fall nicht vertraut, er hat keine Akteneinsicht. Das ist sogar gewollt, denn wer keine Akten kennt, kann daraus auch versehentlich nichts verraten.
Den Abgeordneten liegen die Ermittlungsakten seit dem 17. Dezember vor. Detailfragen, etwa, wo genau der Baggerfahrer gearbeitet hatte, bevor er als erster den Leichnam entdeckte, kann der Polizist nicht beantworten. Der Baggerfahrer ist ohnehin am morgigen ersten Befragungstag als erste Auskunftsperson geladen.
ROSSATZ-ARNSDORF - ÖSTERREICH: Ausschussmitglieder am Mittwoch, 14. Jänner 2026, anl. eines Lokalaugenscheins am Fundort der Leiche des ehemaligen Justiz-Sektionschefs Christian Pilnacek an einem Nebenarm der Donau in Rossatz-Arnsdorf. - FOTO: APA/HELMUT FOHRINGER
Was der Chefinspektor sagen kann: Mit dem Hochwasser im Herbst 2024 habe sich hier am Ufer nahezu alles verändert. Er steht mit den Abgeordneten auf der Spitze der zugeschneiten Böschung, rund zwei Meter darunter fließt das eisige Donauwasser. Dann deutet der Polizist auf Gehölz, das an einem Baum neben ihm hängt. Das sei beim Hochwasser angeschwemmt worden, die ganze Böschung stand demnach unter Wasser. Dass im Oktober 2023 kein Schnee lag und die Donau nicht angefroren war, erklärt sich von selbst. Für ÖVP-Fraktionschef Andreas Hanger war die „gemeinsame Klassenfahrt“ daher vor allem eines: teuer. Die Volkspartei würde sich aber ohnehin den ganzen U-Ausschuss lieber sparen.
Wirbel für große Fische
Der Flussarm, in dem Christian Pilnacek gefunden worden ist, wurde erst ab 2015 künstlich angelegt. Just an der mutmaßlichen Einstiegsstelle hat die Wasserstraßengesellschaft „viadonau“ daher vor Jahren ein Infoschild zur „Auenwildnis Wachau“ aufgestellt, das die besonderen Gegebenheiten erklärt: Die Steinhaufen im Wasser seien etwa nicht natürlich gewachsen. Sechs dieser „Buhnen“ wurden mit Totholz ausgestattet, unter dem sich Jungfische tummeln, erklärt das Infoschild. Außerdem sollen sie „Wirbel machen für große Fische“, die nun genau dort überwintern. Alles in allem seien die künstlichen Strukturbuhnen „ein Schubs in die richtige Richtung“.
Auf die Rückseite des Schildes hat irgendjemand mit einem schwarzen Marker gekritzelt: „Who killed Pilna“ – Wer hat Pilnacek ermordet? Die Antwort fehlt, dabei ist sie kein Geheimnis: Es gab keinen Mord. Die Ermittlungen um die Todesursache und die Obduktion des Leichnams haben keinen klaren Hinweis auf ein Fremdverschulden gebracht. Christian Pilnaceks Tod dürfte einsam gewesen sein.
Der Pilnacek-U-Ausschuss wird diese Ermittlungen noch einmal genau untersuchen. Die FPÖ hat den Ausschuss eingesetzt, weil aus ihrer Sicht bei den Ermittlungen Zusammenhänge zwischen Pilnaceks Tod und seinen Kontakten zur ÖVP vernachlässigt wurden. Die Freiheitlichen sprechen von zurückgehaltenen Beweismitteln und verfälschten Ermittlungsergebnissen.
Der Lokalaugenschein in Rossatz hat hierzu noch keine neuen Erkenntnisse geliefert. Nicht einmal ein Biber war zu sehen.