Verhandlungssaal der JA Josefstadt
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Überfüllte Gefängnisse: Feldbetten, Drogenhandel, lange Einschlusszeiten

Die Justizanstalten geraten an ihre Grenzen. An allen Ecken fehlt es an Personal, die Wasser- oder Stromversorgung droht laut der Volksanwaltschaft zu kippen. Ein ehemaliger Insasse erzählt, wie er seine Haftzeit in einem Wiener Gefängnis erlebte.

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Es ist ein besonders dramatischer Einzelfall, der den österreichischen Strafvollzug derzeit in die Schlagzeilen bringt: Nach einem Häftlingstransport ist ein Insasse der Haftanstalt Hirtenberg (Bezirk Baden) gestorben, wie das Justizministerium in der vergangenen Woche mitteilte. Aufgrund einer medizinischen Anordnung sollte der Mann in eine Psychiatrie gebracht werden. Am Weg dorthin kam es schließlich zu einer Auseinandersetzung mit den Justizwachebeamten. Noch am selben Abend verstarb der Mann schließlich an den Folgen der Verletzungen im Krankenhaus.

Die Situation in den österreichischen Haftanstalten ist angespannt, und das nicht nur wegen eines tödlichen Unfalls. Überfüllte Zellen, lange Einschlusszeiten und gewalttätige Konfrontationen gehören für viele Insassen zur Tagesordnung. Experten der Volksanwaltschaft, Richter und Strafrechtsexperten schlagen Alarm. Rufe nach einer Amnestie für Personen mit kurzzeitigen Haftaufenthalten oder die Erweiterung der elektronischen Fußfessel werden immer lauter. Wie schlimm ist die Situation in den Gefängnissen wirklich? Und was würde helfen?

Um dem Überbelag entgegenzuwirken, eröffnete man jüngst ein neues Jugendgefängnis am Münnichplatz in Simmering. Um die Justizanstalt Josefstadt zu entlasten und die Schließung der Haftanstalt in Gerasdorf zu kompensieren, hat man nun Platz für 72 jugendliche Häftlinge geschaffen. Dass das jedoch längst nicht ausreicht, um die aktuelle Situation zu verbessern, zeigen Erfahrungsberichte von Menschen wie Dennis W. Im November 2025 wurde der Wiener entlassen, nachdem er eine Strafe wegen gewerblichen Drogenhandels abgesessen hatte.

Dennis W. kennt die Justizanstalt Josefstadt bestens. Bereits dreimal saß der 53-Jährige, der seinen Namen auf eigenen Wunsch anonym halten möchte, im Gefängnis, seine jüngste Inhaftierung dauerte insgesamt fünf Monate. Die dritte Haftzeit empfand er am angenehmsten, Grund dafür war eine regelmäßige Beschäftigung. „Nach zwei Wochen wurde mir erlaubt, als Hausarbeiter tätig zu sein. Wenn man etwas zu tun hat, sieht die Haft ganz anders aus“, erzählt er. Jeden Tag zwischen 7:30 und 14:00 Uhr reinigte er Zellen, machte die Wäsche, hielt die Trakte sauber. Nach Dienstschluss musste er nachmittags zurück in seinen Haftraum. Mit drei weiteren Insassen teilte er sich 16 Quadratmeter. Dennis W. meint, es hätte ihn viel schlimmer treffen können, auch wenn seine Zelle eigentlich lediglich für zwei Personen ausgelegt ist. Stärker belegte Zellen gehören jedoch nicht nur in der Josefstadt zur Tagesordnung, wie die Zahlen des Justizministeriums zeigen.

„Stockbetten stapeln sich, die Infrastruktur erreicht ihr Ende“

Knapp 9000 Personen sind in Justizanstalten inhaftiert, obwohl es nur 8300 Plätze gibt. Besonders prekär ist die Situation in der Justizanstalt Josefstadt, Österreichs größtem Gefängnis. Derzeit stehen hier wegen der laufenden Sanierung nur 850 statt 1000 Plätze zur Verfügung, doch es gibt 1230 Häftlinge. Kaum jemand weiß besser, wie es in den Haftanstalten zugeht als die Volksanwaltschaft. Die Mitglieder der Menschrechtskommission kommen unangekündigt, um einen authentischen Einblick in den Haftalltag zu erlangen: „Wir haben mehr als 20 Hafträume beobachtet, in denen anstatt sechs nun zehn Personen untergebracht sind. Die Betten stapeln sich und jene, die Feldbetten haben, schlafen lieber am Boden, um Rückenschmerzen zu vermeiden“, steht im Jahresbericht über die Anstalt im Achten Wiener Gemeindebezirk zu lesen.

Gebäude der Justizanstalt Josefstadt, davor ein Eingangsschild
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Privatsphäre sei unter diesen Umständen nicht mehr vorhanden. Ebenso sei es nicht mehr möglich, Jugendliche und Erwachsene in den Hafträumen voneinander zu trennen. Die sogenannten „Zehner-Zellen“ kennt auch Dennis W. Während seiner Dienstzeiten hat er die Menschen dort immer wieder beobachtet. „Die meisten in den Zellen waren Menschen aus Ex-Jugoslawien, die sich von allen anderen abgekapselt haben. Man hat versucht, alle mit gleichem ethnischem Hintergrund zusammenzuhalten. Ich bin froh, dass man mich dort nicht untergebracht hat“, erzählt er.

 Die derzeitige Infrastruktur kann das alles nicht mehr lange leisten. All diese Dinge sind für diese Anzahl an Menschen nicht gedacht.

Volksanwaltschaft

Auch die Strom- oder Wasserversorgung gelange laut der Volksanwaltschaft an ihre Grenzen: „Die derzeitige Infrastruktur kann das alles nicht mehr lange leisten. In der Küche kann man nicht so viele Leute versorgen, die Heizräume funktionieren eingeschränkt, die Wasserversorgung gerät ins Stocken. All diese Dinge sind für diese Anzahl an Menschen nicht gedacht“, erklärt man gegenüber profil. Nutzen übermäßig viele Menschen die Sanitäranlagen, müssen sie übermäßig oft gewartet werden. Dass dies nicht immer zeitgerecht erfolgt, hat Dennis W. während seiner Haftzeit mehrmals erlebt: „Im Sommer musste der gesamte E-Trakt geräumt werden, Grund dafür war eingedrungenes Wasser in die Verteilerkästen. Es war wohl nicht das erste Mal.“ Der 53-Jährige glaubt, dass Vorfälle wie diese auch mit der Überbelegung zu tun haben könnten. Die Instandhaltung würde dadurch aufwändiger werden, Wartungsarbeiten müssten öfter erfolgen. Dass man diesem Aufwand nicht nachkommen kann und der zweimal pro Woche genehmigte Duschgang teilweise nur mit kaltem Wasser möglich ist, gehöre mittlerweile zum Alltag. Das Justizministerium dementiert diesen Vorwurf, trotz einer Betriebsstörung im Herbst 2025 soll nämlich „keine Einschränkungen bei der Wasserversorgung und den wie üblich vorgesehenen Duschgängen“ gegeben haben. Die Volksanwaltschaft ist hier anderer Meinung, Duschen mit kaltem Wasser aufgrund regelmäßiger Ausfälle der Warmwasserversorgung seien in der Josefstadt „durchaus oft möglich“.

Justizwache am Limit

Auch Justizwache und Fachpersonal sehen sich mit der aktuellen Lage überfordert, wie der Vorstand der Justizwachegewerkschaft Norbert Dürnberger berichtet: „Wir haben zu wenig Personal, gleichzeitig gibt es immer mehr Ausführungen zu Gerichten oder in Krankenhäusern. Viele von uns arbeiten deshalb an dienstfreien Tagen und machen dazu noch Überstunden.“

Der Personalmangel betrifft auch die Häftlinge. Den ganzen Tag, nämlich 23 Stunden, müssen sie laut Angaben der Volksanwaltschaft in ihren Hafträumen verbringen. Beschäftigungsprogramme, Sportangebote oder Hausbesuche seien unter diesen Bedingungen nicht möglich, wie Dennis W. bestätigt. „Das Personal ist durchgehend gestresst und unterwegs. Dass die Witterungsbedingungen da sehr flexibel gedeutet werden und der Ausgang dadurch häufig nicht möglich ist, überrascht mich nicht“. Eine Stunde Frischluft am Tag erlaubt man den Häftlingen in der Josefstadt, bei schlechter Witterung kann dies jedoch verwehrt werden. Die Volksanwaltschaft hört immer wieder von entsprechenden Beschwerden. Das Justizministerium hingegen widerspricht diesem Vorwurf wie folgt: „Eine Verkürzung des vorgesehenen Aufenthalts im Freien findet nicht statt, außer die Witterungsbedingungen machen dies unbedingt notwendig, etwa bei Glatteis oder Regengüssen.“

Man bekommt alles, was man will. Wie soll denn die Wache auch etwas davon mitbekommen, wenn wir fast den ganzen Tag in unseren Zellen sitzen?

Dennis W.,

ehemaliger Häftling über die JA Josefstadt

Dürnberger berichtet von noch größeren Problemen: „Wir haben mit einem massiven Klientel-Wechsel zu kämpfen. Immer mehr Häftlinge leiden an psychischen Erkrankungen, der hohe Ausländeranteil und der veränderte Drogenkonsum hin zu synthetisch und leichter versteckbaren Mitteln sind für uns alle herausfordernd. Das macht es schwieriger, genaue Kontrollen wie gewohnt durchzuführen“. Dürnberger meint, dass die Justizwache die Drogenproblematik bisher gut im Griff habe. Dennis W. ist da anderer Meinung: „Man bekommt alles, was man will, jedoch mit gewissen Wartezeiten. Wie soll denn die Wache auch etwas davon mitbekommen, wenn wir fast den ganzen Tag in unseren Zellen sitzen?“ Das Justizministerium selbst nimmt keine zunehmende Drogenproblematik wahr. Der Missbrauch und Handel von Drogen könne außerdem „nie zu 100% verhindert werden“.

Dürnberger berichtet unter seinen Leuten von gehäuften Krankenständen, plötzlichen Ausfällen und fehlendem Nachwuchs. Dazu kommt: Zweimal die Woche sollen die Sozialarbeiterinnen die JA Josefstadt besuchen. In zwei Stunden sollen um die hundert Häftlinge auf eine Betreuerin fallen. Das hier nicht jeder zu einem persönlichen Gespräch kommt, ist zu erwarten. „Natürlich will jeder von uns diese Zeit nutzen, aufgrund des Personalmangels haben die Arbeiterinnen aber einfach keine Zeit für uns“, meint Dennis W.

Resozialisierung erschwert

Ist das Personal überfordert, spüren das auch die Häftlinge. „Wenn die Bediensteten demotiviert oder überarbeitet sind, wirkt sich dies auf die Beziehung zwischen Insassen und Personal aus. Ist diese schlecht, leidet das soziale Klima in der Haft und damit wiederum Aspekte wie die Resozialisierung“, erklärt Kriminalsoziologin Veronika Hofinger von der Universität Innsbruck. Um Resozialisierung zu fördern, sind individuelle Betreuung, ein passender Umgang sowie menschenwürdige Bedingungen unverzichtbar. Andernfalls steigt die Wahrscheinlichkeit, dass aus den Häftlingen Wiederholungstäter werden: „Studien zeigen, dass sich schlechte Haftbedingungen und ein schlechtes soziales Klima nicht nur negativ auf die Zeit im Gefängnis, sondern auch nachteilig auf die Rückfallraten auswirken“. Wer seine Haftzeit unter inhumanen Bedingungen absitzt, kommt laut der Expertin mit einem schlechteren Zustand raus als rein. Hofinger über die Josefstadt: „Vieles, was die Arbeit dort sinnvoll macht, ist unter diesen Bedingungen nicht möglich, alle Energie fließt schließlich in die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Ordnung.“ Die mangelnde Beschäftigung macht sich bei den Insassen psychisch wie körperlich bemerkbar. Dennis W. berichtet, dass er während der Haft aufgrund der „ständiger Langeweile“ regelmäßig an Schlafproblemen gelitten hat. 

Die Folge: Eine steigende Suizidrate. „Suizidversuche, Selbstverletzung und Weiteres sind alles Hilferufe der Menschen. Wenn kein Kontakt mehr zur Familie aufgenommen werden kann und das Fachpersonal aufgrund der mangelnden Ressourcen keine Betreuung mehr leistet, geht der Überbelag unter die Haut“, meint die Volksanwaltschaft. Videogespräche oder Hausbesuche seien für viele Häftlinge nur eingeschränkt möglich. Wer an den Hörer darf, hat außerdem lediglich zweimal die Woche für etwa zehn Minuten Zeit, meint Dennis W. Die Telefonkontakte müssen zuvor erst freigegeben werden, aufgrund des Personalmangels kann das laut dem ehemaligen Häftling jedoch mehrere Wochen dauern. Außerdem seien Telefongeräte im Gang oder Hof nicht zugänglich, was laut der Volksanwaltschaft an den langen Einschlusszeiten liegt. Ständig besetzte Telefongeräte und langwierige Genehmigungs-Prozesse erschweren den Kontakt zur Außenwelt. Zudem werden viele Betroffene weit weg von ihrem zuhause, in die nächstbeste – also am schwächsten besetzte - Justizanstalt überliefert, berichtet die Volksanwaltschaft.

Was soll hier helfen?

Was tun? Im Dezember 2025 verkündete Justizministerin Anna Sporrer (SPÖ) deshalb den Bau einer neuen Justizanstalt sowie eines forensisch-therapeutischen Zentrums. Ein Sprecher der Menschenrechtskonvention erklärt: „Es ist Quatsch, bei so einer Notlage den Bau zwei neuer Anstalten als die eine Lösung zu präsentieren. Abgesehen davon, dass man weder weiß, wann und wo dies passieren soll, bringt uns das für Notlage im Hier und Jetzt genau gar nichts.“ Auch die Fußfessel-Erweiterung sieht man lediglich als „Tropfen am heißen Stein“: „Je früher man resozialisiert wird, desto eher kommt man aus der Haft. Nur weil man die Fußfessel jetzt für ein ganzes Jahr gültig macht, heißt das nicht, dass genug resozialisierte Menschen dafür in Betracht kommen“, lässt man profil wissen.

„Ich glaube, dass kein Weg daran vorbeiführt, Menschen vorzeitig zu entlassen, wenn man die aktuelle Situation in den Griff bekommen will“, sagt Gewerkschaftler Dürnberger. Das Justizministerium gibt an, mit einer eigenen Taskforce laufend an der Entlastung zu arbeiten. Expertinnen und Experten, wie Kriminalsoziologin Hofinger sowie Strafrechtsexperte Alois Birklbauer sind sich einig: die Generalamnestie von Häftlingen und Überstellungen ausländischer Straftäter in ihre Ursprungsländer seien schnelle Lösungen. Insbesondere die vorzeitige Entlassung wird von immer mehr Experten gefordert. Das Justizministerium hat sich öffentlich aber dagegen ausgesprochen. Aus generalpräventiven Gründen. „Wenn Haftentlassungen etwa nicht aufgrund erfolgreicher Resozialisierung, sondern lediglich wegen Raummangels erfolgen, hat das Auswirkungen auf das Vertrauen der Bevölkerung in den Rechtsstaat“, heißt es aus dem Ministerium.

Der 53-jährige Dennis W. absolviert nach seiner Entlassung gerade richterlich angeordnete Therapiestunden. Vielleicht ersparen sie ihm einen vierten Aufenthalt in der Josefstadt.

Der Artikel wurde am 22. Jänner aktualisiert.

Edina Rainer

Edina Rainer

war Praktikantin bei profil.