Tatortschuhe und tote Vögel: 152 Tage auf Wohnungssuche in Wien
Prolog: Die Alte
Grüner Innenhof, neues Fischgrätparkett, praktische Lage: Eigentlich will ich länger in meiner alten Wohnung bleiben. Doch die WG löst sich auf und ich beginne mit der Wohnungssuche. Ausgestattet mit großen Träumen und einem vorbereiteten Anschreiben in meiner Notizen-App. Was soll schon schiefgehen?
Jänner: Der Jäger und der tote Vogel
An einem kalten Jännernachmittag ist es endlich so weit: Nach Monaten des „Nur mal bissl Schauens“ auf Willhaben, ImmoScout und Co. steht die erste Wohnungsbesichtigung an. Meine Erwartungen sind hoch. In meinem Kopf ist die Wohnung schon längst eingerichtet. Das sollte sich später als sehr naiv herausstellen.
Vor der Wohnungstür wartet bereits eine lange Schlange. Rund zwanzig Interessierte drängen sich im Stiegenhaus – von jungen Paaren bis zu gut betuchten Mittvierzigern.
Alle wollen die Wohnung im Alsergrund, dem neunten Wiener Gemeindebezirk. Der historische Uni-Campus im Alten AKH liegt gleich um die Ecke, dazu kommen hippe Cafés, Bars und die zentrale Lage. Kein Wunder, dass die Nachfrage groß ist. „Solche Verhältnisse kenne ich sonst nur aus München“, sagt eine dunkelhaarige Frau laut genug, dass es alle hören. Sie suche seit Monaten vergeblich nach einer Wohnung. Fängt schon mal gut an.
Der Immobilienmakler kommt immer wieder auf den Gang hinaus und beteuert, wie furchtbar er es findet, dass so viele Menschen gekommen sind. Als hätte er sie nicht selbst alle eingeladen.
Dabei sieht er gar nicht wie das klassische Krawatte-Gelfrisur-Klischee eines Maklers aus. Er trägt grün-beige Jägermontur, inklusive Hut. Auf der Pirsch sind hier aber die Wohnungssuchenden.
Der Balkon ist der große Pluspunkt der Wohnung. Es liegt zwar ein verwesender Vogel dekorativ in einer Ecke, aber man soll nicht zimperlich sein. Der ist ohne Aufpreis dabei.
Der Minuspunkt: In der winzigen Badewanne der Wohnung kann man nicht ausgestreckt liegen. Im Stehen duschen geht auch nicht, ohne sich den Kopf an der Dachschräge zu stoßen. Eine Lösung für Menschen, die schon immer von einer Morgenroutine in Embryonalstellung geträumt haben.
Ich sage dem Makler nach der Besichtigung ab. Nichtsahnend, was mich noch alles erwarten würde.
Februar: Die Falsche
Um mich breiter aufzustellen, wage ich mich schließlich auch in einschlägige Facebook-Gruppen. Dort stoße ich auf ein vielversprechendes Inserat: Dachgeschosswohnung, zentrale Lage. Sofort schicke ich eine Anfrage.
Die angebliche Vermieterin schickt mir per Mail ihre Kurzbiografie: Sie habe lange für das spanische Innenministerium gearbeitet, werde bald Großmutter und habe einen Labrador. Die Wohnung habe sie ursprünglich für ihre Tochter gekauft, die nun nach Spanien zurückkehrt.
Für einen Moment glaube ich ihr. Bei der Internetsuche ihres Namens erscheint tatsächlich die Website des spanischen Innenministeriums. Auf den zweiten Blick werde ich stutzig. Ich frage nach einem Grundbuchauszug und einem Mietvertrag. Plötzlich ist die warmherzige – vermeintliche – Spanierin kurz angebunden. Die Vermietung läuft über Airbnb, zunächst soll ich einen dreistelligen Betrag überweisen. Die Bedingungen sind nicht verhandelbar.
Ein klassischer Scam. Vor allem gefälschte Wohnungsangebote, die angeblich über Airbnb abgewickelt werden, sind beliebt, weil sie zunächst Seriosität vermitteln. Auch der Name ist kein Zufall: Betrüger:innen wählen häufig Namen, die im jeweiligen Land besonders verbreitet sind.
März: Zwischen Stau und Slalom
Seit meiner ersten Wohnungsbesichtigung habe ich auf rund 25 Inserate reagiert. Nur zu fünf Besichtigungen kam es tatsächlich – entweder, weil ich gar keine Einladung erhielt, oder weil der einzige vorgeschlagene Termin für mich nicht möglich war. Für zwei der besichtigten Wohnungen habe ich schließlich ein Mietanbot abgegeben.
Ein Mietanbot ist mehr als nur eine Bewerbung für eine Wohnung. Wer es unterschreibt, bietet verbindlich an, die Wohnung zu den vereinbarten Bedingungen zu mieten. Nimmt die Vermieter:in das Anbot an, kommt der Mietvertrag zustande – ein Rückzieher ist dann nicht mehr möglich. Mehrere Mietanbote gleichzeitig abzugeben, um sich später für die beste Wohnung zu entscheiden, ist deshalb keine Option.
Und mit einem einzigen Formular ist es längst nicht getan. Weil die Vermieter:innen wissen, dass sie durch die vielen Wohnungssuchenden eine starke Verhandlungsposition haben, verlangen sie einen Stapel an Unterlagen. Ich muss eine Selbstauskunft ausfüllen, in der persönliche Daten wie Staatsbürgerschaft, meine aktuelle Hausverwaltung und sogar mein Familienstand abgefragt werden. Obwohl ich ein Einkommen habe, muss ich einen Bürgen nennen, der im Falle meiner Zahlungsunfähigkeit einspringt. Er muss dieselben Informationen preisgeben.
Zusätzlich werden von uns beiden die letzten drei Gehaltsnachweise und eine Kopie des Reisepasses verlangt. Erst wenn all diese Dokumente vollständig eingereicht sind, gilt die Bewerbung als komplett.
Doch selbst das reicht oft nicht aus. Um mich von den vielen anderen Interessent:innen abzuheben, verfasse ich für jede Wohnung ein persönliches Vorstellungsschreiben und schicke ein Porträtfoto mit. Der Bewerbungsprozess fühlt sich weniger nach Wohnungssuche an als nach dem Kampf um den Traumjob.
Als ich im März zur nächsten Besichtigung aufbreche, ist meine Erfolgserwartung längst realistisch: gering. Aber ich habe dazugelernt: Diesmal nehme ich mir vor, die Maklerin in einem ruhigen Moment beiseitezunehmen und zu fragen, wie man eigentlich an eine Wohnung kommt. Irgendetwas muss ich ja falsch machen.
Vor dem Haus die Ernüchterung: Schon ein gutes Dutzend Menschen wartet. Wir stapfen im Gänsemarsch hinter der Maklerin in den vierten Stock. Niemand nimmt den Lift, um ja nichts zu verpassen.
Im kleinen Vorraum, in dem irgendwie auch die Küche samt orangenem Riesenkühlschrank Platz gefunden hat, stehen wir wie die Sardinen in der Büchse. Ich schnappe vereinzelt Wortfetzen auf: Ablöse. Gehaltsnachweis. Mietanbot. Viel mehr verstehe ich nicht. Ich stehe ungefähr in der achten Reihe. Zwischen gestressten Bürohengsten, Bobos und einem Eltern-Tochter-Gespann bleibt der Maklerin keine Zeit für ein Vier-Augen-Gespräch.
Eigentlich sehe ich mehr von den Mitbewerber:innen als von der Wohnung selbst. In den Türen bilden sich Staus, jemand bekommt die Klotür ins Gesicht gerammt.
Ich will ein Mietanbot abgeben und schreibe der Maklerin. Keine Antwort. Ich rufe an. Mailbox voll, das finde ich fast beeindruckend. Ich rufe im Büro an. Die Kollegin ist nicht da. Mein Wille nochmal anzurufen auch nicht.
April: Die Teure mit den Tatort-Schuhen
Das sollte endlich meine Wohnung werden: Neubau, ruhige Lage, Loggia.
Der Preis hat es in sich: 790 Euro Kaltmiete für 34 Quadratmeter. Dazu kommen 95 Euro für Heizung und Warmwasser sowie rund 60 Euro Strom. Macht in Summe etwa 945 Euro im Monat – ein Quadratmeterpreis von 27,79 Euro.
Ich besichtige die Wohnung und unterhalte mich prächtig mit dem Makler. Er reicht mir Überschuhe, die aussehen wie umgedrehte Duschhauben. Ich mache den Witz, sie würden mich an die Schuhüberzieher beim Tatort erinnern. Der Witz zündet – beim Makler ebenso wie beim jetzigen Mieter, der noch in der Wohnung wohnt. Vom Stolz über meine ausgefeilte Gesprächsführung beflügelt, schicke ich das Mietanbot ab und bin naiv genug zu glauben, auf der Zielgeraden zu sein.
Dann kommt der Anruf. Die Wohnung sei falsch kalkuliert worden. Die Erklärung verstehe ich bis heute nicht ganz. Man sagt mir: Die Wohnung wird um weitere 100 Euro teurer. Also 1045 Euro im Monat. Für 34 Quadratmeter. 30,74 Euro pro Quadratmeter. Ich suche weiter.
Mai: Die, die ich mir gar nicht erst angeschaut habe
Die Wohnung wirkt nett. Nur ist unklar, ob sie nicht schon vor dem Besichtigungstermin längst vergeben ist. Schließlich wird die Wohnung von mehreren Makler:innen angeboten, heißt es in der Mail, die ich vorab erhalte. Immerhin enthält das Inserat eine Wohnungstour in Videoform. Es stehe jedem Interessenten frei, die Wohnung bereits anhand des Videos anzumieten, steht dabei.
Das ist natürlich kein Muss, aber es gibt doch den freundlichen Hinweis: Wohnungen können nicht reserviert werden. First come, first serve. Alles in unterschiedlichen bunten Farben und fett markiert, so als wollten sie den Bewerber:innen unter die Nase reiben: Versucht’s erst gar nicht. Ein rechtlich bindendes Mietanbot für eine Wohnung abgeben, in der ich nicht einmal gewesen bin – das ist sogar mir eins zu viel.
Juni: Kein Benehmen bei der Audienz
Wieder einmal reihe ich mich mit niedrigen Erwartungen in eine elendslange Schlange ein, die sich durchs Stiegenhaus eines Altbaus hinauf zieht. Der Ablauf ist für alle Anwesenden längst Routine: hinein, durchdüsen, Videos machen, hinaus – und dazwischen irgendwie einen positiven Eindruck beim Makler hinterlassen.
Der trägt einen zusammengewürfelt wirkenden Anzug und lehnt am Stiegengeländer. Der ältere Herr hat sich demonstrativ drei Stufen höher positioniert und blickt auf die Bewerber:innen herab. Jede Antwort klingt, als würde dieselbe CD in Dauerschleife laufen, er verzieht keine Mine. Die Szene erinnert an eine Audienz im Mittelalter: Die Leibeigenen erscheinen und bitten ihren Gutsherren um Gnade.
Dann schwirrt sie herein. Eine Dame, eingehüllt in süßliches Parfum und teure Kleidung. Sie verwickelt den Makler sofort in ein Gespräch und stellt die wartenden Menschen mühelos in den Schatten.
„Ich finde es unfassbar unhöflich, dass Menschen Wohnungen filmen, während andere darauf zu sehen sind. Die Leute haben einfach kein Benehmen mehr“, sagt sie. Der Makler brummt zustimmend. Sie sucht eine Wohnung für ihren Sohnemann und wird selbstverständlich warten, bis alle anderen fertig sind. Sie sei schließlich nicht so unhöflich (wie wir anderen).
Epilog: Die Neue
Die schlechte Nachricht: Wer gerade eine Wohnung in der Stadt sucht, braucht Nerven aus Drahtseilen. Die gute: Nach 152 Tagen Suche habe ich doch noch eine Wohnung gefunden. Und eine Handvoll mehr oder weniger lustiger Geschichten zu erzählen.