Erst vor 15 Jahren habe ich meinen Zwillingsbruder wiedergesehen. Er hat mich gesucht, er ist mit seiner Frau gekommen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich ihn gesehen habe. Er war drei Stunden bei mir. Meine Mutter hatte noch einen älteren Sohn. Ich weiß nur, dass sie den länger hatte und er bei ihr zu Hause gelebt hat. Auch er kam dann zur Pflegefamilie, wo auch mein Zwillingsbruder lebte. Die beiden sind zusammen aufgewachsen. Ich selbst kam nach meiner Geburt ins Säuglingsheim in der Linzer Straße.
Später kam ich in ein Heim in der Molitorgasse und danach ins Clara-Fey-Kinderdorf im 19. Bezirk. Da war ich sechs Jahre alt. Ab dann erinnere ich mich. Was davor war, weiß ich nicht.
Wir haben in weißen Eisenbetten geschlafen. Jeder hatte einen kleinen Kasten. Da waren Nonnen, ich erinnere mich an Schwester Paula und die Schwester Gabriela. Ich wurde sehr streng erzogen. Wenn ich bei der Handarbeit etwas durcheinandergebracht habe, hat mir die Lehrerin mit der Edelstahlschere gleich auf die Finger gegeben. Wenn ich beim Kochen Reis und Zucker verwechselt habe – das habe ich immer verwechselt –, haben sie mich gleich angeschrien.
Wenn wir beim Essen die Ellbogen auf dem Tisch hatten, haben die Nonnen uns an den Armen gepackt und unsere Ellbogen gegen die Tischplatte gedonnert. Wir haben nicht schaukeln dürfen beim Essen. Haben wir das gemacht, haben sie uns den Sessel weggenommen und wir mussten im Stehen essen. Wenn wir bei Tisch geredet haben, haben wir auch stehen müssen. Manchmal haben sie uns beim Essen den Mund zugebunden.
Als Kind habe ich viel geweint. Weil wir haben auch das Essen zusammenessen müssen. Wir haben nichts stehen lassen dürfen. Wir haben das, was auf den Tisch kam, zusammenessen müssen. Einmal habe ich eine Leber bekommen zum Essen. Ich wollte sie nicht essen. Ich bin als Letzte am Tisch sitzen geblieben, bis ich fertig war mit dem Leberessen. Ich wollte die Leber nicht essen. Ich wollte mich anspeiben.
Manchmal, wenn ich etwas angestellt hatte, habe ich am Gang knien müssen. Ich durfte erst aufstehen, nachdem man es mir wieder erlaubt hatte. Ich habe oft ein wenig länger knien müssen.
In dem Heim war auch die Sonderschule, in die ich gegangen bin. Ich hatte immer Hörhilfen, auch jetzt habe ich ein Hörgerät, aber damals habe ich sehr vieles nicht verstanden. Wir Heimkinder haben nie allein irgendwohin gehen dürfen. Gemeinsam sind wir jeden Sonntag in die Kirche gegangen, wo ich eigentlich nie hingehen wollte. Es war alles sehr streng.
Meine Mutter hat mich manchmal im Heim besucht. Ich habe mich schon immer auf sie gefreut. Dann hat sie einmal gefragt, ob ich sie nicht auch zu Hause besuchen möchte. Ich habe gesagt: „Ja.“ Meine Mama hat im 3. Bezirk gewohnt. Sie hatte eine kleine Wohnung ohne Badezimmer. Neben der Küche war eine Waschmuschel. Dass ich mich da waschen musste, war das Ärgste für mich. Mir war es sehr unangenehm, dass mich da jeder sehen konnte.
An den Wochenenden war ich oft bei ihr. Einmal war ich zwei Wochen bei ihr und zu Weihnachten. Meine Mutter war sehr streng zu mir. Wenn ich etwas danebengeschüttet habe, zum Beispiel Kaffee ausgeleert habe, hat sie gleich geschimpft. Meine Mutter hatte eine gute Freundin. Die war wirklich sehr lieb. Und sie hat oft zur Mama gesagt, wenn sie mit mir geschimpft hat: „Du, schimpf nicht mit ihr.“
Wenn ich aus dem Heim gekommen bin, habe ich mein Heimgewand sofort ausziehen müssen. Das waren lauter Fetzen, wir haben Kopftücher getragen, alte Mäntel und zerrissene Strümpfe. Meine Mutter hat immer schönes Gewand für mich hergerichtet. Meine Mutter war sehr gepflegt. Sie war geschminkt, und sie wollte immer, dass ich hübsch bin. Sie ist mit mir auch immer zum Friseur gegangen. Meine Mutter hat im Büro gearbeitet, sie hat dort geputzt. Und da hat sie mich öfter mitgenommen. Ich wollte eigentlich schon wissen, wer mein Vater ist. Aber die Mutter hat gesagt: „Er war nur ein Mal da und dann nie wieder.“
Meine Mutter hat dann später einen Mann geheiratet, er war mein Stiefvater. Er war 20 Jahre älter als meine Mutter. Und der Stiefvater hat Sexualität gemacht mit mir. Weil, der wollte mir zeigen, wie man sich verliebt. Ich war 13 Jahre alt.
Ich bin oft plärrend nach Hause gekommen ins Heim. Ich habe mich nicht gewehrt gegen den Stiefvater, ich habe auch kein Wort zu ihm gesagt. Ich hatte Angst. Irgendwann habe ich dann gesagt: „Nein, ich fahre nicht mehr nach Hause.“ Das habe ich zur Schwester Oberin gesagt. Ich habe gesagt: „Ich halte das nicht mehr aus, ich will nicht mehr nach Hause zu meiner Mutter und meinem Stiefvater.“ Sie hat mich verstanden und meine Entscheidung akzeptiert. Ich habe den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Ich habe gedacht, ich will von ihr nichts mehr wissen. Da war ich sicher 14 oder 15 Jahre alt. Bis heute mag ich es nicht, wenn mich Burschen oder Männer angreifen. Ich halte lieber Abstand. Ich will keine Bussis von Männern.
Die Schwester Oberin, die habe ich eigentlich sehr geliebt. Weil sie mir geglaubt hat. Einmal haben die anderen gesagt, dass ich etwas angestellt habe, aber das hat nicht gestimmt. Ich habe mich am Klo eingesperrt und die Tür zugehalten. Die anderen Nonnen sind gekommen und haben an der Tür gezogen. Sie wollten, dass ich die Tür aufmache. Aber ich hatte meinen Willen, ich habe gewusst, ich habe nichts Falsches gemacht, und ich komme sicher nicht raus. Ich habe gesagt: „Nein.“ Ich wollte nur mit der Oberin reden. Erst nachdem sie zur Tür gekommen war, habe ich aufgemacht. Ich habe ihr erklärt, was los ist, und sie hat mich verstanden. Ich durfte gehen, und mir ist nichts passiert.
Mit 17 Jahren bin ich zum Verein Silbersberg gekommen. Am Anfang war es schön. Bert und seine Familie waren nett, wir waren nicht viele Leute. Er und seine Familie waren eigentlich nett am Anfang. Wir Klienten haben zu ihm Papa gesagt, er hat das auch so gewollt. Aber es war nicht immer schön mit den Chefs. Wenn wir mal nicht gemacht haben, was sie wollten, wurden wir angeschrien. Einmal wollte ich mein Zimmer einrichten, Bert wollte einfach alte Möbelstücke reingeben, und ich habe dann mit ihm gestritten, bis er mir etwas Neues besorgt hat. Da hatte ich dann so einen starken Willen wie damals im Heim, als ich mich am Klo eingesperrt hatte. Ich finde, man sollte sich nichts gefallen lassen. Und man sollte das Beste aus allem machen.
Ich habe am Silbersberg immer viel gearbeitet. Ich war eigentlich immer im Einsatz und wurde hin und her geschickt, so wie es den Chefs gerade gepasst hat. Ich musste immer schuften. Ich habe nicht nur im Verein geschuftet, sondern auch bei den Chefs zu Hause geputzt oder Gartenarbeiten erledigt.
Die Chefin wollte mal, dass ich in ihrem Garten Mäuse einfange und sie in den Wald trage. Das war schrecklich für mich. Es hat mir gegraust vor den Mäusen, und ich hatte Angst. Sie hat mich zum Einkaufen geschickt, ich bin manchmal eine Stunde hin und dann wieder eine Stunde zurück zu Fuß mit zwei vollen Körben.
Am meisten hat mich geärgert, als ich erfahren habe, was da sonst noch für Dinge im Verein passiert sind, angeblich. All die Sachen mit dem Geld. Das hat mich schon sehr geärgert. Heute lebe ich nicht mehr dort. Ich lebe jetzt in einer anderen Einrichtung. Ich habe es jetzt ruhiger. Ich kann jetzt den ganzen Tag im Garten sein und Pflanzen setzen. Das macht mir am meisten Spaß. Ich genieße jetzt mein Leben.
Mein Zwillingsbruder meldet sich kaum noch. Ich habe ihm viel geschrieben, aber er hat aufgehört, sich zu melden. Ich verstehe nicht, warum er mich dann überhaupt gesucht hat. Mit dem anderen Bruder habe ich auch nicht so viel Kontakt. Mit meiner Mutter habe ich wieder Kontakt aufgenommen, 30 Jahre, nachdem ich ihn abgebrochen habe. Mein ältester Bruder hat gesagt, dass sie mich sehen wollte. Da war sie schon im Altersheim. Ich habe sie dort alle paar Monate besucht. Da hat sie viel geweint. Über den Stiefvater haben wir nie geredet.
Sie hat mir erzählt, dass auch sie als Kind im Heim war. Sie hat mir Pullover und Hauben gestrickt, ich habe manchmal Wolle für sie gekauft und ins Altersheim mitgenommen. Sie hat mir erzählt, dass ich noch eine Schwester habe, sie ist zwei Jahre jünger als ich. Erst nach dem Tod meiner Mutter habe ich die Schwester getroffen. Ich habe sie bei der Verlassenschaft getroffen. Sie hat die Mama nie gesehen und erst nach dem Begräbnis erfahren, dass sie gestorben ist. Meine Schwester ist sehr lieb, sie kommt mich besuchen und schaut gut auf mich.
Einmal habe ich das Grab meiner Mutter besucht und eine Kerze angezündet. Ich will bald wieder hinfahren.