#brodnig: Katzenjammer
Gesellschaft

#brodnig: Katzenjammer

Im Internet ist es mitunter angenehmer, eine Katze als eine Frau zu sein.

Im Jahr 1992 schrieb der Sozialwissenschafter Howard Rheingold über die Kommunikation im Netz: "Da wir einander nicht sehen können, können wir auch keine Vorurteile über andere bilden, bevor wir gelesen haben, was sie mitteilen wollen: Rassenzugehörigkeit, Geschlecht, Alter, nationale Abstammung und die äußere Erscheinung werden nur bekannt, wenn jemand diese Merkmale angeben will."

Diese Aussage klingt schön, nur muss man feststellen: Dass im Internet keine Vorurteile existieren würden, lässt sich nicht beobachten. Problematisch ist das Zitat auch, weil es zu folgendem Schluss führen könnte: Frauen sollen online einfach ihr Geschlecht verheimlichen, dann werden sie weniger sexistisch behandelt.

Tatsächlich passiert das in der Realität: Für Frauen kann es online manchmal sinnvoll sein, ihre Identität zu verschleiern. In den USA gibt es zum Beispiel das Start-up Kapwing, es wurde von einem Mann (Eric Lu) und einer Frau (Julia Enthoven) gegründet.

Kapwing.com bietet Videosoftware an. Besucht man die Website, kann man mit dem Unternehmen chatten. Anfangs sah man beim Chat-Fenster das Foto der Mitgründerin Enthoven. Viele User tippten daraufhin Belästigungen ein, nannten sie eine "bitch", sendeten obszöne Anfragen. Die Firmenchefs tauschten das Foto aus, man sah nun Eric Lu: Mit einem Schlag änderte sich der Ton - die Nachrichten waren großteils freundlich. Schließlich testeten die beiden auch, wie die User auf das Firmenlogo als Chatsymbol reagieren würden - das Logo ist eine niedliche Comic-Katze.

Auch sie erhielt weit weniger Aggression als Julia Enthoven. Das sagt schon viel über den Status quo des Internets aus, dass man als Frau mitunter ein leichteres Leben hat, wenn man sich als Katze ausgibt. Bei all meiner Liebe für diese Tiere: Besser wäre es, Frauen würden einfach respektiert werden - auch ohne Cat-Content.

ingrid.brodnig@profil.at
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