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Kultur

David Bowie: Im Bann der Outsider

1994 begleitete die Fotografin Christine de Grancy den britischen Pop-Superstar David Bowie ins Gugginger Haus der Künstler. profil zeigt exklusiv die dort entstandenen Aufnahmen, die in der Wiener Galerie Crone ausgestellt werden.

Es kommt selten vor, dass Werke der Art Brut hohe Preise erzielen. Jene Kunstrichtung, die von Autodidakten jenseits des herkömmlichen Kunstbetriebs ausgeübt wird, wird noch immer vergleichsweise günstig gehandelt. Am 11. November 2016 erlebte sie jedoch ein ungeahntes Hoch. Damals wurde etwa das Gemälde "EWIGKEITENDE-GOTTT, SEIN ENGEL" von August Walla für umgerechnet rund 80.000 Euro in London versteigert (das Auktionshaus hatte das Bild ursprünglich mit 7000 bis 9300 Euro taxiert). Eine Tuschezeichnung von Johann Garber konnte ihre Taxe (rund 1200 Euro) gar um das rund Dreißigfache steigern - und wurde auf 35.000 Euro hochlizitiert. Auch die Lose von Oswald Tschirtner und Johann Fischer fanden zahlungsfreudige Käufer.

Es war kein Zufall, dass die Werke an jenem Tag so teuer verkauft wurden; schließlich hatten sie einen prominenten Vorbesitzer: Sie hatten dem Anfang 2016 verstorbenen David Bowie gehört, dessen ausufernde Kunstsammlung versteigert wurde. Die Schöpfer der genannten Arbeiten zählen zu den Heroes der Kunst aus Gugging: Die einstige Nervenheilanstalt nahe Klosterneuburg wurde über die Grenzen des Landes hinaus berühmt für die dort lebenden Künstler.

Der Tag, an dem der Superstar mit ihnen in Kontakt kam, ist präzise dokumentiert. Am 8. September 1994 begleitete ihn die Wiener Fotografin Christine de Grancy gemeinsam mit ihrem langjährigen Freund André Heller und dem Musik-Avantgardisten Brian Eno. Die Fotos, die dabei entstanden, ruhten lange Zeit im Archiv der Fotografin. 34 davon präsentiert nun die Wiener Galerie Crone. Zur Ausstellung legt die Galerie eine auf 100 Exemplare limitierte Kassette namens "Bowie in Gugging" mit 18 Fotografien auf (zum Preis von 4180 Euro je Exemplar).

Auf den Bildern umringen Gugginger Künstler wie Walla und Tschirtner den Musiker, dem man hier auch beim Beobachten zusieht. Immer wieder zeichnet er auf einen Block, nimmt auf und hält fest, was ihn fasziniert. Gemeinsam sitzt man an einem Tisch, raucht Zigaretten, lacht. Bowie kam wohl nicht oft an Orte wie diesen, an denen er wie jeder andere behandelt wurde. Doch in dem seit 1981 bestehenden Gugginger Haus der Künstler, deren Bewohner in ihrer eigenen Welt leben, zeigte sich von seinem Weltruhm sichtlich niemand beeindruckt.


Es war eine Gratwanderung für mich. Wie nah kann man jemandem wie Bowie treten? Dabei war er von einer unglaublichen Bescheidenheit und Nachdenklichkeit

Christine de Grancy war sich dessen wohl bewusst. "Es war eine Gratwanderung für mich. Wie nah kann man jemandem wie Bowie treten? Dabei war er von einer unglaublichen Bescheidenheit und Nachdenklichkeit", erinnert sie sich. Auf den Bildern der Fotografin, die mit ihren Serien aus Pakistan, Georgien, dem Niger, China und Japan bekannt wurde, wirkt Bowie wie einer, der Neuland entdeckt. "Das Verhältnis zu seinem Halbbruder muss für ihn damals eine Rolle gespielt haben", mutmaßt de Grancy. Tatsächlich hatte dieser unter Schizophrenie gelitten und sich 1985 das Leben genommen.

Schon vor den 1990er-Jahren hatte de Grancy das sehr spezielle Universum in Gugging dokumentiert, auch zusammen mit dem Schriftsteller Gerhard Roth, der immer wieder über die dort lebenden und arbeitenden Künstler schrieb. Für das deutsche "Zeit Magazin" hatten sie bereits 1988 in einem Artikel mit dem Titel "Das Haus der schlafenden Vernunft " kooperiert.

Der herbstliche Gugging-Ausflug erwies sich übrigens als inspirierend: Gemeinsam mit Producer Brian Eno, der Bowie als Musiker und Komponist bereits in den 1970er-Jahren für die sogenannte Berlin-Trilogie ("Low","Heroes" und "Lodger") zur Seite gestanden war, veröffentlichte der Brite Ende September 1995 das Konzeptalbum "1. Outside", in dem eine dystopische Welt der nahen Zukunft entworfen wird: Morde und Verstümmelungen gelten darin als coole Underground-Kunst, aber es braucht Spezialisten, die zwischen simpler Gewalt und kreativer Körperverletzung unterscheiden können. Mit Songs wie "The Heart's Filthy Lesson","Hallo Spaceboy" und "I'm Deranged" (der zwei Jahre später im Soundtrack zu David Lynchs Kinoalptraum "Lost Highway" noch an Prominenz gewinnen sollte) schloss Bowie an lange zurückliegende künstlerische Höhenflüge wie "Scary Monsters" (1980) an. Die Outsider Art, die er im Haus der Künstler aus nächster Nähe studieren (und ankaufen) konnte, hatte dazu nicht unwesentlich beigetragen.

5. Dezember 2017 bis 17. Februar 2018
Galerie Crone Wien
Getreidemarkt 14
1010 Wien

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