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04/14/2020

Michael Nikbakhsh: Das Killerargument

Wer will schon 100.000 Tote verantworten?

von Michael Nikbakhsh

Hunderttausend Tote. Bundeskanzler Sebastian Kurz hat diese Zahl längst zum Mantra seiner Tagespolitik gemacht. Er nutzt sie als Argument, um tiefe Eingriffe in unsere Grundrechte zu rechtfertigen. Und er nutzt sie als Argument, um jede Kritik daran zu entkräften. Wenn wir uns in Debatten über sein Demokratieverständnis verlieren: 100.000 Tote.

Wenn wir die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen infrage stellen und vor den Folgen für die Volkswirtschaft warnen: 100.000 Tote. Wenn wir generell unbrav sind, und den Anweisungen nicht Folge leisten: genau das.

Erst dieser Tage sagte der Bundeskanzler im "ZIB 2"-Interview wörtlich: "Alle Studien belegen: Hätten wir diese Schritte nicht gesetzt, dann gäbe es eine massive Ausbreitung in Österreich mit bis hin zu über 100.000 Toten."

Ich habe online nach diesen Studien gesucht, weil es ja durchaus wichtig ist, zu erfahren, auf welcher Grundlage Forscher zu Hochrechnungen gelangten, auf deren Grundlage eine Regierung wiederum ein Land einsperrte. Nun, es mag an mir liegen, aber ich habe keine dieser Studien gefunden. Was ich gefunden habe, ist ein Dokument, das die Bundesregierung vorübergehend zur Verfügung stellte (es stand zunächst auf der Regierungs-Site oesterreich.gv.at, ist nun aber nur mehr über Umwege zu finden).

Es handelt sich um eine "Stellungnahme zur COVID19 Krise", datiert vom 31. März 2020. Gleich in der Einleitung wird das Papier als aktualisierte Version eines "Executive Summary" bezeichnet, das der Bundesregierung am 29. März als "Tischvorlage" zur Verfügung gestellt wurde. Als Autoren scheinen fünf Personen auf: vier Mathematiker und ein Biologe (ob auch Virologen, Epidemiologen und andere Fachrichtungen an der Arbeit beteiligt waren, geht aus der Unterlage nicht hervor). Die Mathematiker und der Biologe haben Ende März auf gerade einmal zehn Seiten ausgerechnet, was passiert, wenn die Ausbreitung des Virus nicht gebremst wird - und dazu auch Handlungsempfehlungen abgegeben. Und das ist dann doch ziemlich genau das, was die Bundesregierung öffentlich vorträgt: "Für eine Epidemie ist die alles entscheidende Größe der Replikationsfaktor R 0 ... Wenn diese Zahl kleiner als eins ist, klingt die Epidemie mit exponentieller Geschwindigkeit ab ... Wenn es nicht gelingt, rasch den Faktor R 0 unter den Wert von 1 zu drücken, sind in Österreich zehntausende zusätzliche Tote und ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems zu erwarten."

Eine breitere Fachwelt war zum kritischen Diskurs bisher nicht eingeladen. Warum eigentlich?

An anderer Stelle heißt es: "Ganz allgemein wollen wir exponentielles Wachstum tunlichst vermeiden. Sobald R 0 längerfristig über 1 liegt, sagen Modelle für Österreich etwa 100.000 zusätzliche Tote voraus."

Ein bisschen spooky wirkt der Umstand, dass die Autoren der Regierung Ende März mehrere Anregungen mit auf den Weg gaben, die uns mittlerweile auch bekannt vorkommen:"Rigorose Umsetzung der bisherigen Maßnahmen: zB Kontrolle der Anzahl der KundInnen im Supermarkt durch Sicherheitspersonal, rigoroses Abmahnen bei Zuwiderhandlung"; "Stärkerer Einsatz von Gesichtsmasken"; "Tracking der Kontakte von Infizierten in den Tagen vor dem Test unter Mithilfe von Handydaten".

Nein, ich glaube selbstverständlich nicht, dass die österreichische Bundesregierung das Land allein auf Grundlage von Berechnungen in Beugehaft nahm, die vier Mathematiker, ein Biologe und ein Computer in aller Eile angestellt hatten. Aber es ist doch interessant, zu sehen, wie viel aus dieser zehnseitigen Zusammenfassung (wovon eigentlich?) gerade vom Bundeskanzler argumentativ übernommen wurde.

Mathematische Modelle waren also maßgeblich dafür verantwortlich, dass wir uns mittlerweile auch über die Breite von Gehsteigen und Parkeingängen unterhalten, während zentrale Fragen mangels Transparenz unbeantwortet bleiben. Wie realitätsnah waren und sind diese mathematischen Modelle? Wie plausibel die Annahmen, die ihnen zugrunde lagen? War der daraus abgeleitete Shutdown überschießend? Und drohten uns tatsächlich je italienische Verhältnisse? Wie gesagt: Schwer zu beantworten, weil eine breitere Fachwelt zum kritischen Diskurs bisher nicht eingeladen war. Die Regierung hat sich da eingeigelt, warum auch immer.

Wer es wagt, die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen etwa mit Hinweis auf die dürre Datenlage zum Coronavirus zu hinterfragen: 100.000 Tote.