Goldene Ähren: Der Bauer als Weizen-Spekulant wider Willen

Die hohen Weizenpreise machen Börsengeschäfte für Landwirte attraktiver. Das bringt Gewinn, aber auch viel Risiko.

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Ein fiebernder Spekulant wird aus Franz Weingartshofer wohl nicht mehr. Der 41-jährige Landwirt kontrolliert zwar dreimal täglich die Börsencharts für Weizen, aber er schläft schlechter, wenn der Regen ausbleibt, als wenn die Kurse zucken.

Zwischen Kürbissen und Weizenfeldern in Großkrut im Weinviertel erzählt Weingartshofer, dass er seit Jahren sein Getreide über eine lokale Bauerngenossenschaft verkauft, mit fixen Preisspannen und viel Sicherheit. Mit den Verträgen der letzten beiden Jahre war er prinzipiell zufrieden, doch der Preis nach der Ernte auf dem freien Markt wäre besser gewesen. Das hat ihn gewurmt. Und wohl nicht nur ihn. Der Großteil der österreichischen Bauern verkauft Getreide über langfristige Verträge an Zwischenhändler oder direkte Verarbeiter. Doch einige stellen das nun infrage.

Denn heuer haben sie von der spektakulären Preisentwicklung nur einen Bruchteil abbekommen. „Im April und Mai war der Höchststand auf der Börse, da hat kein Bauer einen Weizen gehabt.“  Vergangene Woche kostete eine Tonne Weizen an der Pariser Börse etwa 340 Euro, im Mai sogar bis zu 438 Euro  –  vor einem Jahr waren es demgegenüber 210 Euro gewesen. 

Verantwortlich für die hohen Preise ist vor allem der Krieg in der Ukraine. Rund zehn Prozent der weltweiten Weizenexporte stammen von den fruchtbaren Böden des Landes. Millionen Tonnen Weizen hängen derzeit dort fest. Je nach Kriegsgeschehen und Verhandlungen bewegte sich auch der Kurs. So auch vergangene Woche.  Der Weizen rückte durch den Krieg ins Zentrum der Geopolitik – und wurde auch zum Spekulationsobjekt. 

Von Großkrut nach Paris

Unter dem Eindruck starker Nachfrage aus China und steigender Frachtkosten hatte der Weizenpreis schon vor dem Ukraine-Krieg angezogen. Im Winter des Vorjahres verkaufte  Franz Weingartshofer mithilfe der Bauerngenossenschaft EGZ zum ersten Mal direkt an der Agrarbörse Paris Matif Weizen, erzählt er in seiner Stube in Großkrut. Ein Drittel seiner aktuellen Ernte verkaufte er im Dezember für 270 Euro die Tonne. Damals war er mit dem Preis sehr zufrieden, im März hätte er aber 400 Euro  dafür bekommen können. „Wie man es macht, macht man es falsch“, sagt Weingartshofer schmunzelnd. 

20 Kilometer weiter liegt der Hof von Franz Bauer. Wenn man nach Niedersulz im Weinviertel kommt, sieht man den Lagerhausturm schon von Weitem. Daneben steht, etwas kleiner, das Lager der EGZ, der Erzeugergemeinschaft. Rund 300 Bauern lagern und verkaufen gemeinsam ihren Weizen und ihre Gerste. Franz Bauer hat das gemeinnützige Unternehmen Ende der 1980er-Jahre gegründet, genervt von den Zwischenhändlern. Ein ursprüngliches Ziel des damaligen Jungbauern war es, im Gegensatz zu seinen Eltern auch einmal Urlaubsgeld zu haben und nicht 365 Tage pro Jahr zu arbeiten. 

Die Erzeugergemeinschaft verkauft seit Jahren ihre Güter über langfristige Verträge mit einer definierten Preisspanne. Etwa Weizen an den Nudelproduzenten Recheis, Gerste an die Brauerei Stiegl. Im Schnitt haben Bauern für ihre Ernte vom Vorjahr 255 Euro pro Tonne bei der Erzeugergemeinschaft bekommen. Zur Erinnerung: An der Börse in Paris hätten sie im Frühjahr dieses Jahres über 400 Euro dafür erhalten. Doch so einfach lassen sich die Verträge nicht lösen.  „Zum Glück haben manche Partner gedacht, verunsichert durch die Pandemie, dass sie im kommenden Jahr weniger verbrauchen, fügt Franz Bauer hinzu. Die so freigewordene Menge verkauft er an den Höchstbietenden. 

Doch auf den wartet der Weinviertler Landwirt lieber noch, lagert den Weizen ein und gibt zu: „Jetzt spekuliere ich auch ein bisschen.“ Denn rund um die Ernte sinkt der Preis üblicherweise. Er würde sein Getreide gerne um 400 Euro pro Tonne verkaufen. 

Wer profitiert vom hohen Preis?

Doch wie entstehen diese Preise? Angebot und Nachfrage? Zum Teil. Der Krieg in der Ukraine verknappt das Angebot. Aber nicht nur: „Es ist eindeutig übermäßige Spekulation, die für diese volatilen Preise der letzten Monate verantwortlich ist,“ sagt Steve Suppan vom US-amerikanischen Institut für Landwirtschaft und Handelspolitik (IATP) gegenüber profil.

Der weltweite Weizenpreis wird an zwei großen Handelsplätzen gemacht – am Chicago Board of Trade und an der Pariser Matif. Dort handeln die Preise nicht nur Bauern und Agrarzwischenhändler aus, sondern auch Investoren, Trader und Fondsmanager. An der Pariser Börse wird tagtäglich aufgezeichnet, wer kauft – ob landwirtschaftliche Akteure oder professionelle Anleger. Durch die hohe Inflation und die mäßige Performance der Technologieaktien wurden Rohstoffe wie Weizen interessante Anlageobjekte. In Paris ist der Anteil der professionellen Anleger von 23 Prozent im Jahr 2018 auf 72 Prozent im April 2022 gestiegen, schreibt das Netzwerk Lighthouse Reports. Im Klartext: Sieben von zehn Käufern waren Investmentfirmen, Fonds und andere Finanzdienstleister. 

Wir haben unsere Lagerbestände nicht zurückgehalten.

Andreas Jirkowsky

RWA

Börsenspekulanten sind per se keine Sympathieträger. Aktuell sind die schädlichen Folgen der Spekulation aber besonders augenscheinlich: Weizen, Mais und Soja sind die wichtigsten Grundnahrungsmittel. Werden diese – wie im Frühling – zu Spekulationsobjekten, hat das Folgen für die Konsumentinnen und Konsumenten. 
Seit Mitte Mai sind die Weizenpreise wieder gesunken. „Die Spekulanten haben ihre Gewinne mitgenommen, aber die Regulierungsstruktur, die übermäßige Spekulation legalisiert, bleibt bestehen“, analysiert Agrarexperte Steve Suppan. Er spricht sich für strengere Kontrollen aus. Die Terminkontrakte, die an Weizenbörsen gehandelt werden, vereinbaren Weizenkäufe zu einem bestimmten Preis in der Zukunft. Diese Verträge sollen Orientierung über die Preisentwicklung geben. Das Problem: Weil die „Future“-Preise so volatil sind, lassen sich keine verlässlichen Voraussagen treffen.  

In Österreich macht der Weizen übrigens nur drei Prozent des Semmelpreises aus, den Großteil bestimmen hier Produktions- und Vertriebskosten. Das heißt, auch wenn sich der Weizenpreis verdoppelt, dürfte das die Ware nur geringfügig verteuern. In vielen Ländern ist das aber anders, da bestimmt der Weizenpreis den Brotpreis. Steigende Kurse auf internationalen Märkten heißen da auch mehr Hunger und in Folge möglicherweise politische Unruhen. 

Lagerfrage

Obwohl er seine Ernte heuer selbst an der Börse verkauft hat, sieht Landwirt Franz Weingartshofer, den Weizenhandel dort kritisch. Die Preise sind meist erst hoch, wenn das Getreide nicht mehr in der Hand des Bauern ist. „Mir kommt vor, dass da andere das Geld machen.“ Und es ist auch eine Frage der Lager, gibt er zu bedenken. Denn nur wenige Bauern verfügen über ausreichend große Kapazitäten.

Im Gegensatz zu den großen Agrarkonzernen, die kaum jemand kennt. Vier international tätige Gruppen  dominieren den Markt, drei davon aus den USA (ADM , Bunge, Cargill), einer aus den Niederlanden  (Louis Dreyfus). Der amerikanische Lebensmittel- und Futterhändler Cargill verzeichnete im Vorjahr mit fünf Milliarden Dollar gar den höchsten Gewinn seiner Geschichte. Diesen Rekord wird das Unternehmen heuer vermutlich übertreffen.

In Österreich verfügt etwa die Raiffeisen Ware Austria (RWA), besser bekannt unter dem Namen ihrer Teilorganisation Lagerhaus, über geräumige Lager, an die ein großer Teil der heimischen Bauern ihr Getreide verkauft. Mit unterschiedlichen Optionen: Landwirte können zum Beispiel ihre Ernte direkt an das Lagerhaus verkaufen oder gegen eine Lagergebühr den Verkaufstermin selbst entscheiden. Letzteres hätten heuer aufgrund der hohen Preise mehr Bauern gemacht, heißt es aus dem Unternehmen.

Die RWA vertreibe dann den Weizen weiter, da gebe es kaum langfristige Verträge, sagt RWA-Generaldirektor Reinhard Wolf. „80 Prozent werden an Stammkunden verkauft.“ Die RWA habe ihre Lagerbestände indes nicht zurückgehalten, man habe zu 200 Euro und zu 400 Euro verkauft, fügt Chefverkäufer Andreas Jirkowsky hinzu. Das Jahr 2021, in dem die Rohstoffpreise angezogen haben, war jedenfalls ein erfolgreiches für das Unternehmen. In der Sparte Landwirtschaft stieg der Umsatz um 19 Prozent.

Auch wenn er sich damit viel Kritik zuziehe, sehe er den Weizenhandel an den Börsen positiv, sagt Wolf. „Wenn jemand an der Börse investiert, heißt das auch, er glaubt an das Produkt, und das ist wichtig für Leute, die wirklich mit dieser Ware handeln.“

Verträge auf Augenhöhe

Gerhard Fembek lässt hingegen die Finger von der Börse. Sein Hof liegt in Niederabsdorf an der slowakischen Grenze. Erst kürzlich hat er den Hartweizen vom Feld geholt und steht mitten in der Ladung: „Die 400 Euro kann ich nicht im Regen stehen lassen“, sagt er scherzend. Natürlich freut er sich über den Weizenpreis, so könnten Bauern mehr von ihrem Beruf  und weniger von Subventionen leben. Andererseits wohnt seit einigen Monaten eine ukrainische Familie bei ihm, die von genau dem Krieg vertrieben wurde, von dem er jetzt profitiert. Es ist kompliziert. 

Warum will Fembek nicht über Terminbörsen handeln? „Das Risiko beim Liefern ist zu hoch.“ Das Problem ist, dass die Verträge an strenge Bedingungen geknüpft sind:  Wenn es etwa kurz vor der Ernte hagelt, muss der Bauer sehr teuer zukaufen, um die Ware dennoch zu den vereinbarten Konditionen abliefern zu können. 
Insgesamt stieg die Verhandlungsmacht der österreichischen Bauern in den vergangenen Monaten. Ebenso aber die Gewinne der Spekulanten – und der Hunger. Damit sich das nicht wiederholt, fordern Wissenschafter und Nichtregierungsorganisationen EU-weite Obergrenzen für Spekulation. 

Entspannen sollte sich unterdessen die weltweite Versorgungslage. Zu Redaktionsschluss am vergangenen Freitag  wurde der Abschluss eines Abkommens zwischen Russland und der Ukraine erwartet, das mehr Weizenexporte aus der Ukraine ermöglichen soll. 

So oder so sieht Franz Weingartshofer aus Großkrut seine Zukunft auch in Paris. Im kommenden Jahr möchte er zwar mehr lagern und, wenn der Preis stimmt, auch an der Börse verkaufen. „Aber ideal wären Partnerschaften, die wirklich auf Augenhöhe sind.“ 

 

Clara Peterlik

Clara Peterlik

ist seit Juni 2022 in der profil-Wirtschaftsredaktion. Davor war sie bei Bloomberg und Ö1.