Gärtner Martin Flicker vor seinen Gurkenpflanzen
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„Ich kann nicht die Gurken um 300 Prozent teurer machen, das zahlt keiner“

Klima und Krieg treiben die Kosten für heimische Lebensmittel nach oben – für die Landwirte und die Konsumenten. Wer auf regional beim Einkaufen setzt, muss heuer noch tiefer in die Tasche greifen.

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In seinen Gewächshäusern am Wiener Stadtrand kämpft Gemüsebauer Martin Flicker mit hohen Energiepreisen und wenig Sonnenstunden im Winter. Nur wenige Kilometer entfernt setzt Ackerbäuerin Irene Maria Trunner ihre Saat direkt „in den Staub“, weil der Regen ausbleibt. Ob Glashaus oder Feld: Dürre, Klimakrise und steigende Kosten setzen Österreichs Landwirtschaft massiv unter Druck – und treiben die Preise für regionale Lebensmittel nach oben. 

Der Regen brachte zuletzt in einzelnen Gebieten ein wenig Erleichterung, reicht aber oftmals nicht aus, schließlich war die März-April-Periode laut Geosphere Austria die trockenste seit Beginn der Messungen im Jahr 1858. 

Das werden die Konsumenten spüren, denn vor allem regionale Lebensmittel wie Gemüse, Obst und Mehl werden schnell teurer und nur langsam wieder billiger, wie Ökonom Franz Sinabell erklärt. Schon jetzt kostet eine Feldgurke aus Spanien bei einer der großen Supermarkt-Ketten 1,19, eine Gurke aus Österreich 1,49 Euro. Die regionalen Bio-Gurken kommen sogar auf 2,99. Wer soll das noch zahlen?

90.000 Euro Verlust wegen neun Tage späterer Ernte

Das fragen sich auch die heimischen Bauern. Martin Flicker baut Gemüse in Glashäusern am Stadtrand von Wien an. Obwohl er mit seinen Minigurken eine Nische gefunden hat, ächzt er unter dem Preisdruck. 

Das liegt an den Kriegen in Nahost und in der Ukraine, das liegt an Wetterextremen und an der Klimakrise. Die Pflanzen in Flickers Gewächshäusern gedeihen in einer künstlichen Umgebung, das heißt, alles, was die Gurke braucht, muss ihr zugeführt werden: Wärme, Wasser, Nährstoffe. Und das alles kostet. 

Zumindest das Sonnenlicht wäre gratis, aber selbst davon gab es heuer zu wenig. Die wenigen Sonnenstunden im Winter haben die Ernte verzögert. Normalerweise setzen Flicker und sein Team die Pflanzen Mitte Jänner, das hat er heuer verschoben, es war einfach zu dunkel. Außerdem hat er die Gewächshaus-Temperatur um zwei Grad gesenkt, um Kosten zu sparen: „Ich spare Energie, aber ich spare auch Einnahmen.“ Kostenpunkt der nur neun Tage späteren Ernte: um die 90.000 Euro: „Ich kann die Tage ja nicht mehr hinten anhängen.“ 

Flicker heizt mit Erdgas, von diesem System ist er auch überzeugt, weil er das CO₂, das freigesetzt wird, gleich wieder den Pflanzen zuführen kann. Bei anderen Heizsystemen müsste künstlich CO₂ zugepumpt werden. Die Pflanzen brauchen das Treibhausgas, um gut zu wachsen.  „Es hält sie auch gesund, damit vermeiden wir letztendlich unnötige Pflanzenschutzmittel“, sagt Flicker.  

Doch Erdgas ist teuer: „Die Gaspreise sind momentan wieder dort, wo sie zu Beginn des Ukrainekrieges waren“, sagt der Gurkenbauer. Und es ist nicht nur die Energie selbst, es sind auch die Netzkosten, über die Gärtnereien klagen. Auch sie  seien in den vergangenen Jahren um mehr als 50 Prozent gestiegen.

Winterweizen fällt Dürre zum Opfer

Während im Glashaus Licht und Wärme fehlen, leiden die Pflanzen am offenen Feld unter der Trockenheit der vergangenen Wochen. Der Regen der letzten Tage hilft nur bedingt und auch nicht überall. Für viele kam er zu spät. Irene Maria Trunner erzählt über die Schwierigkeiten ihres Ackerbaubetriebs im 21. Wiener Gemeindebezirk: „Teilweise musste direkt in den Staub angebaut werden.“ Wann und ob die Körner überhaupt keimten, müsse sich erst zeigen. 

Die AGES, die österreichische Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, beobachtet die Situation mit Sorge: Die Trockenheit belastet vor allem Getreide, Mais, Kartoffeln, Zuckerrüben sowie Ölkürbis, Sojabohnen und Raps. Besonders der Winterweizen würde leiden, berichtet ebenso Trunner, die auch Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer Wien ist. 

Mais und Zuckerrüben entwickeln sich vielerorts verzögert, bei den Frühkartoffeln drohten ohne Bewässerung geringere Erträge. Im Grünland fällt der wichtige erste Schnitt schwächer aus, was sich auch auf die Futtermittelversorgung auswirken kann. Besonders betroffen sind leichte, wasserspeicherarme Böden. 

Durch die Trockenheit hätten mehr Wildtiere die Pflanzen angefressen, und Schädlinge wie der Erdfloh sind auf dem Vormarsch, erzählt Trunner. Es sei so trocken gewesen, wie normalerweise im August. Gleichzeitig ist sie pragmatisch: „Ich kann es nicht ändern, also muss ich das so nehmen wie es ist und das Beste daraus machen.“ 

Trunner und Flicker versuchen, auf die Situation zu reagieren und die Kulturdauer zu verändern, aber damit geht eben auch Ertrag verloren. 

Wenn Preise nur nach oben flexibel, nach unten hingegen wie festgeklebt sind, ist das fatal

Franz Sinabell

Wifo, Forschungsgruppe Klima-, Umwelt- und Ressourcenökonomie

Die Trockenheit dürfte laut dem Agrarökonomen Franz Sinabell vom Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo einen noch größeren Einfluss auf die Kosten haben als die Energiepreise: „Führt die Trockenheit zu einem zehnprozentigen Einbruch des Produktionswerts, fällt dies deutlich stärker ins Gewicht als eine gleich hohe Verteuerung der Betriebsmittel.“ Damit meint er Sprit, Heizkosten, Dünger etc. Die Zahlen machen es deutlich: Der Produktionswert der österreichischen Landwirtschaft liegt bei rund elf Milliarden Euro. An Vorleistungen und Betriebsmitteln wurden etwa sechs Milliarden Euro benötigt. Die Aufwendungen für Energie und Düngemittel machten zusammen 750 Millionen Euro aus – also weniger als sieben Prozent. 

Das spürt in weiterer Folge jede Konsumentin und jeder Konsument: Preissteigerungen bei Rohstoffen wie Milch oder Weizen schlagen sich erfahrungsgemäß relativ rasch auf Endprodukte wie Brot und Butter durch. Steigt der Weizenpreis, kostet Brot binnen weniger Wochen mehr. Sinkt er wieder, passiert hingegen im Supermarktregal lange nichts. Sinabell nennt einen Grund: Energiepreise erhöhen mit Verzögerung die Löhne – und die sinken nicht wieder. „Wenn Preise nur nach oben flexibel, nach unten hingegen wie festgeklebt sind, ist das fatal.” Diese Dynamik war in Österreich zuletzt besonders ausgeprägt – und hat die Inflation angeheizt.

Besonders deutlich zeigt sich die Preisanfälligkeit bei wenig verarbeiteten, regional erzeugten Produkten, sagt der Ökonom. Wie bei Flickers Gurken, aber auch bei Marillen aus dem Marchfeld oder dem Raum Kittsee, wo es in den vergangenen Jahren immer wieder zu Totalausfällen kam. Dann explodieren die Preise für die verbleibenden Früchte. 

Aber Ökonom Sinabell warnt vor zu vielen Eingriffen in den Markt. Wenn, dann sollte die öffentliche Hand bei Ernteversicherungen oder Preissicherungsinstrumenten unterstützen: „Ansonsten wird genau das zerstört, was der Wettbewerb hervorbringt: marktbasierte Instrumente zur Risikominimierung.”

Getreidebäuerin: „Preise wie Lotterie“

Wenn die Konsumentinnen und Konsumenten mehr zahlen müssen, heißt das nicht, dass auch die Landwirte mehr verdienen. Trunner: „Die Preise sind für uns wie eine Lotterie. Wir müssen nehmen, was wir kriegen.“ Denn wenige große Handelsketten bestimmen den Markt. Ihnen stehen viele Lieferanten gegenüber. Landwirtschaftsvertreter beklagen schon länger deren schwache Verhandlungsposition.

Gärtner Flicker versteht aber, dass er seine Kosten nicht komplett an die Kunden weitergeben kann: „Die Energiekosten steigen um 300 Prozent, aber du kannst nicht die Gurken um 300 Prozent teurer machen, das zahlt dir keiner.“  Bei Gurken um zwei Euro wären es dann schließlich plötzlich acht Euro. Gleichzeitig hätten die Menschen schon verstanden, dass es entsprechend kostet, wenn man „einheimisches Gemüse auf dem Tisch haben will.”

Die Lieferpreise – also die Einkaufspreise des Handels – werden für fixe Zeiträume verhandelt und festgeschrieben. In der Praxis bedeutet das: Steigen die Kosten zwischendurch, bleibt der Produzent auf der Kostendifferenz sitzen. Gleichzeitig ist hier aber auch etwas im Wandel, sagt Sinabell: Verträge, die früher für ein halbes Jahr oder länger fixiert wurden, enthalten heute Klauseln, um flexibel auf gravierende Marktveränderungen reagieren zu können. 

Es gibt schon viele Jahre, die ein Minus bringen würden, sagt Flicker: „Es ist ein Überlebenskampf.“ Einerseits bräuchte man zwar immer Lebensmittel, was die Landwirtschaft zu einer sicheren Arbeit mache. Andererseits stelle er sich manchmal schon die Frage, ob er seinen Kindern diesen Job antun will.

 

Maria Prchal

Maria Prchal

ist seit 2025 Redakteurin im Digitalteam. Ihre Schwerpunkte sind unter anderem Sozialpolitik, Klima und technische Themen.